Grand Theft Horse

Erinnert sich noch jemand an die ersten beiden Teile von Grand Theft Auto, aka GTA? Nein, ich meine nicht Teil 3, in dem man Liberty City in schlechter 3D-Grafik erkundet hat, sondern deren beide Vorgänger, die noch in einer 2D-Vogelperspektive daher kamen. Ich persönlich bin ja bis heute der Meinung, dass das immer noch die Krone der Serie darstellt, doch da dürfte ich relativ alleine auf weiter Flur stehen. Einen bleibenden Eindruck müssen die damaligen Titel jedoch hinterlassen haben, denn Jutsu Games haben sich mit ihrem neuesten Titel Rustler augenscheinlich sehr an den Klassikern orientiert, sodass man im Vorfeld gerne von einem GTA im Mittelalter gesprochen hat. Und von der Hand zu weisen ist dieser Vergleich nicht, mit einem Unterschied: Die mittlerweile 22 Jahre alten Titel sind der mittelalterlichen Konkurrenz bis heute überlegen. Ob Rustler trotzdem Spaß macht, soll im Folgenden geklärt werden.


Ein Gag-Feuerwerk, das nicht immer gleich zündet


Unser Protagonist Guy hat es nicht gerade leicht. Als der durchschnittliche, mittelalterliche Taugenichts möchte er eigentlich nur seinen einfachen Alltag leben und für seinen Boss Bud Leute verprügeln, Pferde stehlen und sonstige Muskelarbeit übernehmen. Doch all das ist ihm nicht vergönnt, denn da gibt es noch seinen Kumpel Buddy, der vom schnellen Geld träumt und Guy vorschlägt, sie sollen doch an einem Ritterturnier teilnehmen, deren Gewinner nicht nur unsäglich reich wird, sondern auch eine Prinzessin heiraten darf. Das große Problem daran: Um an dem Turnier teilnehmen zu dürfen, muss man adeligen Blutes sein … und aus dieser Prämisse entspinnt sich eine recht oberflächliche Handlung voller (derbem) Humor, (vorhersehbaren) Wendungen sowie einer Menge Action.


Die Nähe zum Klassiker GTA lässt sich nicht leugnen.

© Modus Game

Wie bereits erwähnt, orientiert sich Rustler an den klassischen 2D-Titeln der GTA-Reihe. Dementsprechend blicken wir auch aus einer isometrischen Perspektive auf Guy hinab und steuern ihn durch eine große Welt, die zu Beginn noch limitiert ist und sich im Laufe der Handlung weiter öffnet. Um an den begehrten Adelsbrief zu kommen, muss zu Beginn ein Fälscher beauftragt werden, der natürlich einiges an Geld für seine Dienste verlangt, womit wir auch schon beim zentralen Spielelement wären – dem Beschaffen der harten Währung. Denn um liquide genug zu werden, müsst ihr verschiedene Aufgaben in der offenen Spielwelt erledigen, unter denen ihr euch beliebig viele aussuchen könnt und die es erfolgreich zu absolvieren gilt. Dabei offenbart Rustler eine große Stärke, gleichzeitig jedoch auch eine klare Schwäche. Denn die Quests in Rustler fallen allesamt von ihrer Aufgabenstruktur sehr abwechslungsreich aus; mal müsst ihr nur ein Pferd stehlen, dann wiederum für eine Gruppe heiliger Ritter eine Schnapsladung in die Stadt schmuggeln und abschließend begleitet ihr den Spross eines Adeligen auf seinem Weg zum Gangster-Rapper. Und ja, ihr habt richtig gelesen, in der mittelalterlichen Welt von Rustler wird auch gerappt und allgemein mutet sie gerne mal moderner an, als sie sollte. Rustler blickt mit einem deutlichen Augenzwinkern auf die Spielwelt und geizt dabei auch nicht mit popkulturellen Referenzen aus Film, Literatur und vor allem Videospielen. Dabei wird nicht nur das geistige Vorbild GTA referenziert, wenn ihr mit einem geklauten Pferd erst vor den Wachen flieht, die mit „Blaulicht“ auf ihren Pferden hinter euch her reiten und es dann in einem „Pimp your Horse“-Stall erst einmal umfärbt, damit euch die Gesetzeshüter nicht mehr verfolgen. Nein, es werden alle möglichen Spielehits der Neuzeit sowie Klassiker herangezogen und auch die Filmbranche kommt mit nicht zu kurz, allen voran Monty Python wird gut und gerne herangezogen.


Diese Stärke wird Rustler kurioserweise aber auf eine gewisse Art auch zum Verhängnis. Denn obwohl die einzelnen Quests in Rustler von der Aufgabenstellung her allesamt abwechslungsreich und kreativ ausfallen, unterscheiden sie sich auf spielerischer Ebene nur sehr marginal voneinander. Denn letztendlich müsst ihr entweder jemanden umbringen, beschützen, ein Pferd oder einen Pferdewagen stehlen oder innerhalb eines Zeitlimits von A nach B gelangen. Das ist zum einen den grundlegenden Spielmechaniken geschuldet, die nicht allzu viel Spielraum zulassen, mutet zum anderen jedoch etwas lieblos an. Die zweite Stärke von Rustler, der Humor, kann gleichzeitig auch abschreckend für manche aus der Spielerschaft sein. Zwar sind die einzelnen Anspielungen häufig witzig, jedoch werden sie in einem Tempo abgefeuert, sodass zumindest mir immer wieder die Frage aufkam, ob weniger nicht doch mehr gewesen wäre. Ja, der Ritter, der einen abgetrennten Arm als „Fleischwunde“ abtut ist witzig, wenn jedoch keine zwei Minuten später dann noch die Inquisition, mit der niemand rechnet, auftaucht, dann zündet der zweite Monty Python-Gag schon deutlich weniger. Zudem laufen häufige Witze auch auf der Fäkal- und Fluch-Schiene. Guy flucht, beleidigt und referiert das Thema rund um die menschlichen Ausscheidungen sehr intensiv – das muss man mögen und wer mit solchen Humor nichts anfangen kann, dürfte bei einigen Witzen im Spiel nicht einmal mit dem Mundwinkel zucken.


Obligatorische Monty Python-Referenz ... check!

© Modus Game

Spieltechnisch gibt sich Rustler bodenständig. Wie bereits erwähnt, manövriert ihr Guy aus einer Vogel-Perspektive durch die Spielwelt. Auf Knopfdruck rüstet ihr ihn mit verschiedenen Waffen aus, die ihr im Laufe eurer Quests findet oder die in der Spielwelt verteilt liegen. Ihr seid entweder zu Fuß oder per Pferd unterwegs, von denen es verschiedene Typen gibt, vom Faulpelz über den 08/15-Gaul bis hin zum Sprinter und Schlachtross. Letztendlich unterscheiden sich die Vierbeiner vor allem in ihrer Geschwindigkeit, wie viel Ausdauer sie haben oder ob sie euch nach einem gegnerischen Treffer bereits abwerfen. In typischer Open-World-Manier erledigt ihr entweder eine von unterschiedlichen Quests, die in der Welt verteilt zu finden sind oder ihr bewegt euch frei durch die mittelalterliche Idylle. Dabei könnt ihr, ganz wie im Vorbild GTA, die Handlung auch völlig ignorieren und für Chaos sorgen. Dadurch wird dann aber früher oder später die Wache auf euch aufmerksam, wodurch euer Gesucht-Level steigt. Je höher dieses ausfällt, desto mehr werden sich die Gesetzeshüter an eure Fersen heften. Dem könnt ihr nur entgehen, indem ihr Gesucht-Plakate, die in der Welt verteilt sind, abreißt oder ihr eure Verfolger lange genug abschüttelt, was jedoch ein recht schwieriges Unterfangen ist. Entsprechend ziehen sich die Verfolgungsjagden mitunter hin und münden darin, dass ihr die Karte nach den Plakat-Hotspots abklappert und dabei versucht zu überleben. Neben dem schnöden Mammon erhaltet ihr nach jeder absolvierten Quest noch Skillpunkte, mit deren Hilfe ihr Guy in einem sehr überschaubaren und simplen Talentbaum Stück für Stück verbessern könnt.


Rustler läuft auf Basis der Unity-Engine, die eine recht solide Arbeit leistet. Aufgrund der höher gesetzten Perspektive fallen vor allem die Charaktere enorm detailarm aus und auch die Spielwelt an sich wirkt in technischer Hinsicht ziemlich mittelalterlich. Schön sieht Rustler zwar nicht aus, dafür lief das Spiel aber durchgehend flüssig und ohne größere Ruckler oder Einbrüche der Bildrate. In Sachen Steuerung gilt es zu unterscheiden, ob ihr zu Fuß oder auf dem Rücken eures Gauls unterwegs seid. Immer dann, wenn ihr Guy direkt kontrolliert, funktioniert die Steuerung weitestgehend ohne Probleme. Sowohl Nah- als auch Fernkampf gehen nach einer kurzen Einübungsphase locker von der Hand und selbst größere Gegneransammlungen stellen keine enorme Herausforderung dar. Anders sieht es aus, wenn ihr euer Pferd steuern sollt. Dann entwickelt sich Rustler mitunter zu einem steuerlichen Albtraum, denn die Vierbeiner lassen sich teils nur sehr sperrig manövrieren und immer dann, wenn ihr mit ihnen beschleunigt, kann es gut und gerne passieren, dass ihr auch mal sprichwörtlich die Kontrolle verliert. In Sachen Vertonung bietet euch Rustler eine vollständige Übersetzung aller Texte ins Deutsche – eine Sprachausgabe an sich gibt es nicht. Zwar „sprechen“ Guy und die anderen Charaktere, es ertönt jedoch nur ein unverständliches Gemurmel. Was in der deutschen Version immer wieder negativ auffällt ist die Tatsache, dass Umlaute als Kasten dargestellt werden oder manche Texte plötzlich in Englisch ausgegeben werden. Das kommt zwar nicht oft vor, ist jedoch prominent genug, dass es auffällt.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Florian McHugh

Rustler möchte gerne an die Klassiker GTA und GTA 2 anknüpfen und das gelingt dem Titel auch ansatzweise. Optik und Spielgefühl des ISO-Action-Spiels haben in mir einige wohlige und nostalgische Erinnerungen geweckt und trotzdem kommt Rustler nicht an die beiden teils schon 22 Jahre alten Klassiker heran. Das liegt zum einen daran, dass die einzelnen Quests zwar von ihren Anforderungen her allesamt abwechslungsreich und originell daherkommen, spielerisch jedoch sehr häufig nach einem ähnlichen Muster ablaufen. Zudem feuert Rustler eine mediale und popkulturelle Anspielung nach der anderen heraus, von denen nicht jede zündet bzw. manche auch einfach zu dicht aufeinander folgen. Trotz allem stimmt der teils ziemlich düstere Humor und konnte mich das eine oder andere mal zum Lachen bringen, auch wenn das häufige Gefluche und die Verweise auf die Ausscheidungen der Bevölkerung manchmal zu dominant sind. Ich persönlich hatte meinen Spaß mit Rustler, der große Hit erwartet euch hier jedoch letztendlich dann doch nicht. Wer jedoch am Spielprinzip und dem eigenen Humor Gefallen findet, der wird gute 10-15 Stunden Spaß vorfinden.
Mein persönliches Highlight: Die spanische Inqusition.

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Kommentare 6

  • Zarathustra

    Meister des Turms

    Habs schon fertig gespielt,war ganz gut,würde persönlich sogar eine 7 geben.

  • WesY2K

    Turmheld

    Zarathustra Wie sah es bei dir mit Bugs und Hägern etc. aus?

  • Zarathustra

    Meister des Turms

    WesY2K


    Hatte zwei Mal probleme,das ich irgendwo in der Umgebung hängen geblieben bin und neu laden musste.


    Sonst fand ich,dass es sehr flüssig lief.

  • N-Switcher

    Turmbaron

    Wie ist die Spielwelt in Bezug auf Größe?

  • Florian McHugh

    Retro-TowerCaster

    Wie ist die Spielwelt in Bezug auf Größe?

    Also ich bin gerade mal die gesamte Karte mit einem schnellen Pferd von links nach rechts abgeritten und ich war nach 3 Minuten am anderen Ende. Die Spielwelt wirkt wie ein sehr großer Level, es sind zwei Städte darin und ansonsten diverse Höfe, Anwesen, etc. Sie ist jetzt nicht unbedingt klein, kommt aber nicht ansatzweise an eine große Open-World heran.

  • Philipp_Watch

    Turmheld

    Ahhhh ihr seid ein Traum!! Ich schlängel schon seit Tagen um das Spiel herum und habe in einem anderen Forum schon nach Informationen nachgefragt (und auch positive Antworten erhalten). Werde mir den Bericht später, in Ruhe zu Hause durchlesen 🚀