Auf dem Rücken eines Kriegsvogels über die Ursee

Knapp ein Jahr lang stand The Falconeer ausschließlich PC- und Xbox-Spielern zur Verfügung. Nun wurde mit der Warrior Edition zusätzlich der Weg für die PlayStation und Nintendo Switch geebnet. In diesem Action-Abenteuer schwingt ihr euch auf dem Rücken eines Kriegsvogels durch die Lüfte und erkundet die Open-World der Ursee. Dieses Jahr wurde das Spiel für den BAFTA Games Award nominiert, konnte sich im März jedoch leider nicht gegen Konkurrenten wie Hades durchsetzen. Dennoch zeugt dies von einer beachtlichen Leistung, da hinter The Falconeer ein einzelner Entwickler, Tomas Sala, steht.


Jede Siedlung hat andere Händler. Hier werden beispielsweise Mutagene zum Verbessern des Kriegsvogels verkauft.

© Tomas Sala

Das Spielkonzept ist für ein Open-World-Abenteuer etwas anders als gewohnt. In vier Kapiteln (zusätzlich zu einem Prolog sowie einem Epilog) erforscht ihr die Ursee, ein gewaltiges Meer, aus dem vereinzelt nur noch kleinere Inseln hervorschauen. Generell kann die Karte meiner Meinung nach mit der Oberfläche von The Legend of Zelda: The Windwaker verglichen werden. Euch erwartet eine riesige Weltkarte, die jedoch größtenteils nur aus Wasser besteht. Anders als in Zelda könnt ihr auf den Inseln nicht viel erkunden. Sie stellen in der Regel einfach nur Siedlungen dar, in denen ihr landen und menügeführt Quests annehmen und einkaufen gehen könnt.


In jedem Kapitel wählt ihr zu Beginn euren Charakter aus. Hier sind die Namen und das Aussehen bereits vorgegeben und ihr könnt leider auch keine Individualisierung vornehmen. Anschließend müsst ihr noch eure Charakterklasse auswählen. Diese entscheidet, welcher Startvogel euch zur Verfügung steht und wie eure Attribute verteilt sind. Sowohl eure Waffe als auch euer Charakterlevel wird vom vorherigen Kapitel übernommen und ihr erlebt in jedem Abschnitt die Welt aus einer anderen Perspektive. So dient ihr in Kapitel 1 den Zivilisten von Dunkle, in Kapitel 2 seid ihr auf Seiten des Imperiums in Cleftspire aktiv, in Kapitel 3 erwartet euch das Haus Borgia und in Kapitel 4 erlebt ihr schließlich noch das Leben innerhalb des geheimnisvollen Mancer Orden.


Gerade der Mancer Orden ist meiner Meinung nach besonders interessant, da er in den ersten Kapiteln wird als religiöse Fanatisch dargestellt wird, der die Geheimnisse der Vergangenheit nicht teilen und all die anderen Fraktionen unterdrücken will. Dass sich hinter alldem mehr verbirgt, erfahrt ihr schließlich im entsprechenden Kapitel. Die einzelnen Kapitel könnt ihr zwar in beliebiger Reihenfolge angehen, allerdings haben die Gegner in den höheren Kapiteln auch höhere Level. Da auch die Geschichten aneinander anknüpfen, solltet ihr beim ersten Durchspielen die Reihenfolge besser nicht verändern.


Erkundet die große Ursee


Grafisch bietet das Spiel sehr viele Wellen und endloses Wasser...

© Tomas Sala

Die einzelnen Kapitel beginnen jeweils in eurer Heimatstadt, in der ihr euch ausrüsten sowie die Hauptquests für das Kapitel annehmen könnt. Beim Verlassen der Stadt findet ihr euch anschließend in der Ursee auf dem Rücken eures Kriegsvogels wieder. Jetzt müsst ihr euch ein wenig in die Steuerung reinfuchsen, ihr kontrolliert nämlich euren Vogel im dreidimensionalen Raum. Vorwärts fliegt eure Spielfigur automatisch, über den linken Analogstick könnt nach links oder rechts, nach oben oder nach unten fliegen. Die Kamera hingegen dreht ihr klassisch mit dem rechten Analogstick. Geht euch das alles zu schnell, könnt ihr mit ZL abbremsen und ein wenig in der Luft stehen bleiben. Fühlt ihr euch hingegen zu langsam, hilft euch die L-Taste dabei, einen Spurt hinzulegen, der jedoch eure Energie (durch eine blaue Leiste neben den Lebenspunkten dargestellt) verbraucht. Diese Energie könnt ihr durch Sturzflüge wieder regenerieren, was allerdings manchmal leichter gesagt als getan ist. Um nämlich an Höhe zu gewinnen, verbraucht ihr wiederum vorhandene Energie, ihr könnt zwar auch nach oben fliegen, wenn ihr keine Energie mehr habt, seid dann allerdings sehr langsam und in den actionreichen Kämpfen kann dies zu eurem Nachteil werden. Glücklicherweise gibt es in der Ursee immer wieder günstige Aufwärtswinde, die euch nach oben katapultieren. Alle weiteren Tasten sind nur noch für den Kampf relevant. ZR lässt euch eure Energiewaffe abfeuern und dient als Primärwaffe. Über die Y-Taste könnt ihr einen Gegner anvisieren, wodurch ihr den roten Kreis auch am Bildschirmrand erkennt und so die Position eures Ziels besser im Blick habt. Die X-Taste lässt euch ein Pyrogefäß abfeuern, was ähnlich wie zielsuchende Raketen funktioniert und besonders im Kampf gegen größere Gegner, beispielsweise Schiffe oder Luftschiffe, von unschätzbarem Wert ist.


Nach der ersten Eingewöhnungsphase mit der Steuerung könnt ihr dann auch schon die Open-World der Ursee erkunden. Hierbei steht euch tatsächlich fast die gesamte Karte direkt zur Verfügung, wobei einige wenige Regionen trotzdem hinter Haupt- oder Nebenquests versteckt sind. Neben den unterschiedlichen Siedlungen erwarten euch noch Wettrennen, Piratenhochburgen sowie spezielle Schreine, die euch die Erschaffung der Ursee durch Oberon beschreiben. Leider bietet mir das persönlich zu wenig für eine solche große Open-World. Die meiste Zeit fliegt ihr lediglich übers Wasser von Punkt A nach Punkt B. Bereits bekannte Orte können zwar glücklicherweise über eine Schnellreise erreicht werden, dennoch lädt die Karte nicht wirklich zum Erkunden ein. Hier hätte ich mir einige Belohnungen gewünscht. Warum nicht beispielsweise Kisten im Wasser treiben lassen, die man in einer Siedlung dann öffnen kann? Schließlich muss man eh in den Quests öfters Kisten oder andere Gegenstände aus dem Wasser ziehen, das System dahinter wäre also schon vorhanden gewesen. Auch das Hintergrundwissen durch die Schreine finde ich zu wenig, hätte man hier nicht alte Artefakte oder Ähnliches verstecken können?


Neben Eskort-Missionen erwarten euch auch sehr viele Transport-Missionen. Passt auf, dass ihr die Ladung nicht verliert!

© Tomas Sala

Dass alle Hauptquests in der Heimatstadt beginnen und enden, trägt zusätzlich nicht zum Erkunden bei. Vor allem, dass ihr keine Nebenquests annehmen könnt, während ihr auf einer anderen Quest bereits seid, spielt hier mit hinein. Ihr müsstet also jedes Mal eure aktuelle Quest beenden, euch daran erinnern, dass in einer anderen Stadt noch etwas zu erledigen war und wieder dorthin zurückkehren. Die Realität sah bei mir jedoch eher so aus, dass ich eine Hauptquest nach der anderen angenommen hatte und so die meisten Kapitel ohne die jeweiligen Nebenquests erledigt habe. Allerdings würde ich das auch nicht als großen Verlust beschreiben, denn die Quests selbst sind nämlich auch sehr eintönig. Ihr fliegt eigentlich jedes Mal aus unterschiedlichen Gründen von Punkt A nach Punkt B, und werdet unterwegs von dem Gegner des aktuellen Kapitels angegriffen, müsst diesen besiegen und fliegt anschließend wieder zurück zur Heimat. Gelegentlich sollt ihr dabei noch ein langsames Schiff eskortieren oder eine Kiste aus dem Wasser ziehen.


Wie bereits anfangs erwähnt, sucht ihr euch zu Beginn jedes Kapitels eure Spielfigur für den aktuellen Spielabschnitt aus. Diese übernimmt jeweils den Level und die Waffe aus dem vorherigen Abschnitt, wodurch hier eine kleine Progression stattfindet. Dennoch hätte ich mir dahingehend mehr gewünscht. Wirkliche Skills scheint es in dem Spiel leider nicht zu geben, allerdings könnt ihr euren Vogel im Laufe des Kapitels gegen einen besseren austauschen oder seine Statuswerte mithilfe von Mutagenen verändern. Dies wirkt sich leider aber nur auf das aktuelle Kapitel aus, da ihr das neue Kapitel wieder mit einem anderen Vogel startet. Auch die Waffenauswahl ist für meinen Geschmack etwas zu mau, doch wenigstens könnt ihr unterschiedliche Munition verwenden. Zu Beginn besitzt ihr Munitionsgefäße, die durch Gewitter aufgeladen werden und elektrisch geladen sind - daneben gibt es noch Giftmunition und brennende Geschosse. Dennoch wäre hier mehr Vielfalt wünschenswert gewesen.


Grafisch finde ich das Spiel sehr ansprechend, besonders wenn man im Hinterkopf behält, dass es sich hierbei um einen einzelnen Entwickler und kein voll besetztes Studio handelt. Allerdings empfinde ich das Spiel stellenweise als sehr dunkel, wodurch mir die Orientierung etwas schwer fiel. Besonders löblich ist die deutsche Sprachausgabe, die euch in Wort und Schrift zur Verfügung steht. Hier könnten sich größere Entwicklerstudios durchaus eine Scheibe abschneiden. Weniger schön sind allerdings diverse Mängel, die mir aufgefallen sind. So besitzt das HUD im Spiel keine Information darüber, wie viel Munition oder Pyrogefäße ich noch besitze. Während man Letzteres noch einfach im Kopf behalten kann (so viel Gefäße werdet ihr nämlich nicht sammeln), kann es bei der Munition sehr schnell böse enden. Besonders mit einer schnell feuernden Waffe kann es euch sehr leicht passieren, dass ihr mitten im Gefecht wehrlos dasteht und erst einmal wieder abdrehen und eure Vorräte aufstocken müsst. Für zusätzliche Verwirrung sorgt dann noch der Algorithmus, der die Namen eurer Feinde und Freunde vergibt. Gefühlt ist hier die Auswahl an Namen sehr dünn, in fast jedem Kapitel heißt einer eurer Freunde Saladmount und einer eurer Feinde ebenfalls. Mit der vorhandenen Siedlung Saladmount ist dann die Verwirrung komplett und man hört irgendwann auf, die Namen zu beachten. Ist es rot, wird es abgeschossen, ist es weiß, wird es beschützt.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Philipp Freibauer

The Falconeer hinterlässt gemischte Gefühle. Die Hauptgeschichte ist sehr interessant und durch die verschiedenen Blickwinkel auch sehr aufschlussreich. Letztlich hat jede Fraktion Gründe, warum sie so handelt, wie sie es tut, allerdings erkennt man auch, warum die entsprechenden Handlungen bei den jeweiligen anderen Fraktionen nicht gut ankommen. Das alles allerdings in eine Open-World zu packen, empfinde ich fast schon als Verschwendung. Sowohl der kapitelbasierende Ansatz als auch die fehlende Motivationen, die Karte genauer zu erkunden, passen einfach nicht in eine so große Weltkarte. Insgesamt verbleibt für mich ein wenig der Geschmack von verschenktem Potenzial.
Mein persönliches Highlight: Das „große Gesamte“ im Mancer-Kapitel zu erkennen.

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Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 2

  • Palatinum

    Turmritter

    Wie kannst du die Quests als langweilig bewerten während du gleichzeitig erwähnst, dass du die Nebenquests nicht gemacht hast? Klingt für mich ein wenig zweifelhaft.

  • Philipp Freibauer

    Redakteur

    Das ich gar keine Nebenquests gemacht habe, hab ich ja nicht behauptet. Im Text steht lediglich, ich habe die meisten Kapitel ohne Nebenquests gemacht. Und die Nebenquests, die ich gemacht habe, waren alle nach dem beschriebenen Schema :)