Der Nachbar unter uns

Mit Mr. Peterson ist nicht zu spaßen. Die meisten Spieler dürften vermutlich Bekanntschaft mit dem grimmigen Nachbarn in Hello Neighbor gemacht haben, wo ihr euch still und heimlich in sein Haus schleicht, um ein dunkles Geheimnis zu offenbaren. Dabei überzeugte das Stealth-Spiel mit einer bedrückenden Atmosphäre sowie einer anpassungsfähigen künstlichen Intelligenz seitens Peterson, der je nach euren Versuchen auf bestimmte Aktionen reagierte und entweder Türen oder Fenster zunagelte. Umso weniger überraschend versucht sich das Franchise selbstverständlich an weiteren Möglichkeiten, die kleine Welt der dunklen Nachbarschaft auszubauen. Secret Neighbor nennt sich der Spin-off-Titel und setzt den Fokus auf eine Online-Multiplayer-Erfahrung, wo ihr entweder die Rolle neugieriger Kinder übernehmt oder als Peterson jagt auf ungebetene Gäste macht.


Als Detektiv startet ihr mit vielversprechenden Hinweisen.

© tinyBuild, LLC

Welche Position ihr einnimmt, entscheidet das Spiel zu Beginn einer Runde per Zufall. Seid ihr eines der Kinder, so müsst ihr schleunigst versteckte Schlüssel entdecken und eine verriegelte Tür innerhalb des Hauses des Nachbarn öffnen. Doch seid auf der Hut, eines der Kinder startet als geheimer Nachbar, der in seinem eigenen Heim unterschiedliche Geräte entdecken kann und seine Fähigkeiten erweitert. Gerade deswegen ist es niemals ratsam, anderen Spielern zu vertrauen, da sie jederzeit ihre Tarnung fallen lassen können und sich als Mr. Peterson enthüllen. Glücklicherweise stehen euch jedoch einige Optionen offen, den Krallen des Fieslings zu entkommen. Zum einen ist es möglich, Gegenstände wie Stühle oder gar die eigene Taschenlampe auf euren Feind zu werfen, woraufhin er für einen kurzen Moment außer Gefecht gesetzt wird, während charakterspezifische Kräfte dafür sorgen, euch besondere Vorteile zu verschaffen.


Der Detektiv zum Beispiel ist in der Lage, mithilfe seiner Fotografien Orte im Haus zu sehen, die mit Sicherheit einen der Schlüssel verbergen, allerdings liegt es immer noch an euch, diese spezifische Stelle auch zu entdecken. Oder aber der Anführer, welcher seine Kumpanen mit nützlichen Statusboni versorgt und deswegen umso achtsamer sein sollte, nicht vom Nachbarn erwischt zu werden. Allerdings ist auch die Gegenseite dazu qualifiziert, mit hinterhältigen Tricks jedem Kind auf die Nerven zu gehen. Wählt ihr Mr. Peterson als Clown, so könnt ihr unerwartete Fallen platzieren und einfach warten, bis eines der Kinder bewegungsunfähig wird. Grundsätzlich fallen die Möglichkeiten des Nachbars etwas begrenzt aus, doch beachtet man die bloße Fähigkeit, sich plötzlich vor einem Mitspieler als Gegner zu offenbaren, verpufft dieses anfängliche Ungleichgewicht sofort.


Auch der Nachbar hat einige Tricks im Lager.

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Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass der Nachbar aufgrund der Regeln generell einen eindeutigen Vorteil besitzt. Es mag zwar stimmen, dass eine laute Musik sein Auftreten ein wenig ankündigt und ihr deswegen schnell reagieren könnt, nichtsdestotrotz gilt dieser Moment der Flucht nur für den Augenblick. Die größte Stärke des Spiels mag mit Sicherheit der dauerhafte Druck und der ausgeprägte Verfolgungswahn sein, jedoch werden diese Gefühle durch ein nicht unerhebliches Kennzeichen des Spiels etwas negiert: das Anwesen. Obwohl es zu Beginn reizvoll ist, das Haus des Nachbars nach den verlorenen Schlüsseln zu erkunden, zeigt sich schnell, wie unheimlich verwirrend der Aufbau manchmal sein kann. Fast alle Möbelstücke besitzen in irgendeiner Form eine Schublade, wo durchaus einer der Schlüssel liegen könnte. Und da alle Schlüssel zufällig verteilt sind, kann jede einzelne Schublade der Weg zum Erfolg sein, was in Anbetracht der schieren Menge an Räumen der Suche einer Nadel im Heuhaufen gleichen kann.


Das perfekte Beispiel, wieso die Suche viel zu mühselig ist, zeigte eine Situation, in der der Nachbar aufgrund eines Verbindungsabbruchs nicht mehr im Spiel zu finden war und sämtliche Kinder alle Zeit der Welt hatten, die Runde für sich zu entscheiden. Das merkwürdige Verhalten des Spiels, eine solche Partie einfach ausspielen zu lassen, mal ausgeschlossen, war es uns nicht möglich zu gewinnen, da niemand in der Lage war, alle Schlüssel zu entdecken. Ob es nun am verwirrenden Aufbau des Hauses oder der Unfähigkeit der Beteiligten lag – der Nachbar besitzt den wesentlichen Vorteil, dass die Aufgabe der Kinder auch ohne ihn einfach zu anstrengend ist. Sehr viel ausgeglichener wäre es gewesen, wenn Mr. Peterson nicht die Fähigkeit besäße, sich zu Beginn zu tarnen oder bedeutsam langsamer rennt, um ein wenig mehr aus dem Schatten zu agieren. So könnt ihr nur darauf hoffen, dass ihr eine Runde als Nachbar startet und deswegen fast garantiert gewinnt.


Vielleicht hätte das Licht doch lieber aus bleiben sollen.

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Nebenbei wartet ein zusätzlicher Modus darauf, etwas Abwechslung ins Geschehen zu bringen. Im Kampf-Modus beschießt ihr gemeinsam im Team eine Handvoll Gegenspieler innerhalb eines eingegrenzten Bereichs und nutzt das Terrain zu eurem Vorteil. Steinschleudern weisen sich hierbei als primäre Waffe aus und müssen in regelmäßigen Abständen nachgeladen werden. Leider lässt sich auch schon nicht sehr viel mehr zu diesem Modus sagen, da er weder abwechslungsreich ist noch in irgendeiner Weise das Gesamtpaket erweitert oder mit den Eigenheiten des Franchise spielt. Betrachtet man dieses Vergnügen nämlich getrennt vom Rest des Spiels, hätte man absolut keine Ahnung, worum es sich überhaupt handelt und weshalb es ein solch uninspirierter Modus generell ins Spiel geschafft hat. Das Einzige, was er traurigerweise erreicht, ist die Zurschaustellung der unansehnlichen Optik. Während die Beleuchtung im eigentlichen Spiel größtenteils zurückhaltend ausfällt und es aufgrund dessen – liebevoll ausgedrückt – nur begrenzt auffällt, mit welcher Lustlosigkeit die Portierung stattgefunden haben muss, kommt die volle Gänze der längst geschmolzenen „Schokoladenseite“ im Kampf-Modus erst zum Vorschein.


Hier hören die Anzeichen einer mühelosen Nintendo Switch-Umsetzung aber nicht auf. Das Sounddesign wirkt unheimlich schwankend und scheint nie so recht zu wissen, mit welchen Abständen und Tonhöhen gewisse Geräusche erklingen sollen. So ertönt ein enormes Fensterzerbrechen gefühlt im Raum nebenan, obwohl in der Nähe keinerlei Anzeichen von zerstörten Öffnungen oder Scherben zu finden sind. Während dies in anderen Spielen möglicherweise weniger tragisch ausfällt, ist es absolut nicht zu verzeihen, dass Secret Neighbor hier so schlampig arbeitet und es prinzipiell essenziell ist, mithilfe von Geräuschen die Position sämtlicher Akteure im Spiel genauer zu definieren. Genauso lag es an mir, mich mit den fundamentalen Regeln eigenhändig auseinanderzusetzen. Das Spielprinzip mag zwar verständlich sein – entkomme dem Nachbarn und erreiche dein Ziel – allerdings war es zu Beginn absolut verwirrend, wie ich an besagtes Ziel komme und was ich dafür tun muss. Ein optionaler Tutorial-Modus, wo wenigstens das Mindeste kurz veranschaulicht wird, hätte sicherlich nicht geschadet und würde Anfängern den Einstieg erleichtern. Zudem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass für Secret Neighbor eine kostenpflichtige Nintendo-Online-Mitgliedschaft vonnöten ist.

Unser Fazit

4

Erträglich

Meinung von Kevin Becker

Manche Nachbarn lässt man lieber in Ruhe. Während das eigentliche Spielprinzip seinen Reiz hat und auf dem Papier nach einer gelungenen Umsetzung des Franchise im Mehrspieler aussieht, versalzen viel zu viele Faktoren die Suppe einer eigentlich interessanten Idee. Wo zunächst nur das irreführende Sounddesign und die garstige Performance den Spaß trüben, kommen weitere Aspekte wie die unausgeglichene Balance der spielbaren Charaktere schnell zum Vorschein und lassen euch jedes Mal darauf hoffen, die Rolle des bevorteilten Mr. Peterson zu übernehmen. Im gleichen Atemzug seid ihr als Kind ständig damit überfordert, entweder die Unwissenheit eurer Mitspieler auszugleichen oder überhaupt die Aufgaben einer Runde innerhalb des Zeitlimits zu erfüllen. Fehlende Hinweise sowie ein nicht-existentes Verzeichnis, das die grundsätzlichen Regeln des Spiels dokumentiert, tragen zudem nicht zur Einsteigerfreundlichkeit bei und garantieren gerade in den ersten Runden frustrierende Niederlagen. Auch wenn das Matchmaking grundsätzlich zügig funktioniert und seltene Partien, wo der Aufbau des Gebäudes nicht ganz so wirr ausfällt, durchaus die Vorzüge beweisen, sind diese Situationen des eigentlichen Potenzials viel zu selten und animieren letztendlich nur dazu, das Spiel auf dem PC mit einer besseren Leistung und aktivieren Community stattdessen auszuprobieren.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 2

  • Cirno the strongest

    dieses spiel ist der beweis das sich entwickler mehr mühe geben müssen , die modelle und so sind weisgott nicht so komplex und könnten auf der wii verwendet werden ( also an der reinen polygon menge hängts nicht ) an der engine sehe ich obwohl ich nicht wris welche es ist , auch kein problem , gebt euch einfach mehr mühe beim portieren

  • Adler85

    Turmknappe

    Es tut manchmal weh, wenn man hofft das tolle Spiele für die Switch kommen,

    aber man immer wieder aufwacht und merkt nicht mehr in dieser Generation.


    Wo sind die Spiele, die Xbox- und Playstationnutzer neidisch machen?

    Wo sind die Spiele die dir ins Gesicht springen und sagen ich will mehr davon?


    Seit der Wii U ist man es gewohnt bei den Spielen nicht mehr up to date zu sein, mir fehlt irgendwie was…


    (Es sind schon ein paar tolle Spiele rausgekommen. Es wird Zeit für mehr^^!!!)