Und täglich grüßt Galerius

Kennt ihr den Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“? Darin erlebt der von Bill Murray gespielte Protagonist denselben Tag immer und immer wieder von neuem, ohne dass er etwas dagegen unternehmen kann. Das Thema der endlosen Zeitschleife ist eines, das schon einige Filme, Bücher, aber auch Videospiele aufgegriffen haben – zuletzt 12 Minutes und der Shooter Deathloop. Das kleine, dreiköpfige Team des Entwicklerstudios Modern Storytellers reiht sich jetzt ebenfalls in diesen Kreis ein und liefern mit The Forgotten City ein sehr storylastiges Spiel, dass nicht nur mit gut geschriebenen Charakteren punkten kann, sondern gleichzeitig auch eine grundlegende Problematik dieser Art Spiele geschickt aushebelt. Ob die Cloud-Version des Indie-Spiels damit auch auf der Nintendo Switch überzeugen kann, erfahrt ihr im folgenden Test.


Die goldene Regel in einer goldenen Stadt


Stellt euch vor, ihr erwacht eines Tages am Ufer eines Flusses und habt keine Ahnung, wie ihr dorthin gelangt seid. Euch gegenüber sitzt eine junge Frau, die euch aus dem Nass gefischt hat, sich als Karen vorstellt und euch dann bittet, nach ihrem Begleiter zu sehen, der sich in einer nahen Ruine umsehen wollte. Gesagt, getan macht ihr euch auf den Weg und findet den Gesuchten bereits nach kurzer Zeit, wobei die Situation etwas abstrus ist. Denn anstatt, dass euch Al, der Begleiter von Karen, freudestrahlend in Empfang nimmt, findet ihr ihn als vergoldete Statue vor, die sich augenscheinlich erhängt hat. Um dem ganzen Mysterium auf die Spur zu kommen, betretet ihr die alten Ruinen, stürzt durch ein Loch und findet euch plötzlich inmitten einer antiken Römerstadt wieder und um die obskure Situation noch abzurunden, scheint es, als ob ihr mitten in der Vergangenheit gelandet seid. Denn die Bewohner der antiken Stadt sind alles andere als tot und auch allgemein scheint einiges nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Das erfahrt ihr spätestens dann, wenn euch ein Römer namens Galerius als Neuankömmling willkommen heißt und euch gleich auf die einzige und wichtigste Regel der Stadt aufmerksam macht: „Die Vielen werden für die Sünde des Einen leiden.“ Das besondere an der isolierten und verborgenen römischen Stadt ist nämlich, dass niemand ihr entkommen kann und dass keiner eine Sünde begehen darf, da ansonsten alle anderen Bewohner des Todes geweiht sind. Dazu kommt der Umstand, dass ihr anscheinend in einer Art Zeitschleife gefangen seid, denn am Ende eures ersten Tages wird die Goldene Regel stets gebrochen. Anstatt jedoch mit dem Rest der Bewohner zu sterben, erlebt ihr den Tag wieder und wieder und könnt entsprechend Einfluss auf die Ereignisse nehmen. Eure Aufgabe ist es nun, zu verhindern, dass die Goldene Regel gebrochen wird, sodass ihr hoffentlich auf diese Weise den Kreislauf durchbrechen und wieder in eure Zeit zurückkehren könnt.


Was hat es mit den seltsamen goldenen Statuen auf sich, die überall in der Stadt verteilt sind?

© Dear Villagers

Ich könnte noch auf viele weitere kleine Einzelheiten eingehen, mit denen The Forgotten City bereits zu Beginn aufwartet, die jedoch den Rahmen dieses Tests sprengen würden. Denn das Konzept der Zeitschleife wurde seitens der Entwickler enorm gut umgesetzt. Im Laufe der zehn bis zwölf Stunden, die ihr im Durchschnitt brauchen dürftet, ehe ihr eines der vier Enden erreicht, werdet ihr auf einige Verstöße gegen die Goldene Regel treffen, die es nun nach und nach zu verhindern gilt. Dabei werdet ihr früher oder später förmlich dazu gezwungen, den Untergang der Stadt einzuläuten, nur um am nächsten Tag entsprechend zu agieren. Und hier kommt der eingangs erwähnte Clou ins Spiel: Habt ihr in einem der Durchläufe etwas Wichtiges getan, könnt ihr Galerius zu Beginn jedes Durchlaufs damit beauftragen, diverse Aufgaben für euch zu übernehmen. Somit erspart ihr euch das ewige Abklappern der immer selben Hotspots und das Führen ewiger Dialoge – und das Ganze webt das Spiel auch noch geschickt mit in die Handlung ein. Diese Art von Komfort-Funktionen lassen andere Vertreter dieser Spielart schmerzlich vermissen und so wird sichergestellt, dass ihr euch stets auf die frischen Aspekte eures Durchlaufs konzentrieren könnt.


Zusätzlich zu dem gelungenen Zeitschleifen-Prinzip tun die gut geschriebenen Charaktere ihr übriges dazu, dass The Forgotten City für Fans einer guten Story zu einer wahren Freude wird. Insgesamt leben etwa 20 NPCs in der Stadt, mit denen ihr interagieren könnt. Dabei haben die Entwickler sich die historische Vielfalt der großen römischen Städte zu Nutze gemacht und eine diverse, kleine Stadt errichtet, deren Bewohner allesamt ihre eigenen Persönlichkeiten aufweisen – wenn auch manche etwas vorhersehbar und stereotypisch daherkommen. Dabei bringt jeder der Bewohner eine eigene Agenda mit sich und nicht jeder ist glücklich mit der Goldenen Regel. Denn im Laufe des Spiels werdet ihr immer wieder mit deren Sinn bzw. Unsinn konfrontiert und es wird auch schnell ersichtlich, dass die Menschen nicht so richtig wissen, was sie dürfen und was nicht. Ist es bereits eine Sünde zu lügen? Was ist mit Selbstmord? Und welche Art von Gottheit sperrt scheinbar unschuldige Menschen in eine Stadt ein und zwingt ihnen seine Regel auf? Die Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, ist ebenso Teil eurer Aufgabe und je besser ihr die einzelnen Charaktere kennenlernt, desto mehr fangt ihr mit der Zeit an, mehr über die seltsame Stadt und die Goldene Regel zu erfahren. Ganz nebenbei haben die drei Entwickler zudem einiges an historischem Wissen über die Römerzeit, und vor allem die Zeit um Kaiser Nero und den großen Brand von Rom, mit ins Spiel eingestreut, sodass auch ein wenig Bildung Einzug gefunden hat. Was leider nicht ganz so gelungen ist, sind die einzeln verstreuten Kampf-Passagen. Im Laufe des Spiels erhaltet ihr nämlich einen Bogen, mit dem ihr euch gegen einen bestimmten Gegnertyp wehren könnt. In diesen beiden Passagen mutiert das sonst eher gemächliche, dialoglastige Spiel zu einem Shooter, der jedoch gameplaytechnisch nicht wirklich überzeugen kann. Das Zielen mit dem Controller fällt recht schwammig aus und auch wenn es schwer ist, an dieser Stelle zu scheitern, zieht sich vor allem die erste Passage fast unnötig in die Länge.


Die Charaktere sind vielfältig und gut geschrieben.

© Dear Villagers

Natürlich könnte man jetzt noch detaillierter auf die Charaktere, die Welt sowie die Handlung eingehen, doch dann würden wir uns in wildes Spoiler-Territorium bewegen. Es sei jedoch gesagt, dass The Forgotten City mit einer recht spannenden Geschichte daherkommt, die zwar an einigen Stellen etwas vorhersehbar ist, am Ende aber noch mit einem Twist aufwarten kann, den zumindest ich nicht erahnen konnte. Die römische Stadt fällt nicht zu groß aus, weswegen die fehlende Kartenfunktion nicht ganz so schmerzlich auffällt. Nach den ersten paar Durchläufen habt ihr schnell die wichtigsten Orte verinnerlicht und mit der Zeit werden euch Gebiete zugänglich, die anfangs noch verschlossen sind. Obwohl die vergessene Stadt nicht besonders groß ausfällt, überrascht sie mit vielen kleinen Details. Überall finden sich Gegenstände, die auch im realen, antiken Rom verwendet wurden und von denen einige auch via Texteinblendungen erklärt werden. Zudem lassen sich an vielen Wänden auch lateinischen Graffitis finden, die mich mehr als einmal zum Schmunzeln brachten. Was jedoch jedem von euch klar sein sollte ist der Umstand, dass The Forgotten City sehr textlastig daherkommt. Die Dialoge sind zwar alle durch hervorragende englische Sprecher vertont, wer jedoch des Englischen nicht mächtig ist, der wird sich mit der guten deutschen Textübersetzung zufrieden geben müssen. Dadurch fällt vor allem der Einstieg etwas zäh aus, wer jedoch am Ball bleibt, der wird spätestens ab der ersten Zeitschleife mit einem interessanten Spielkonzept belohnt.


Von der technischen Warte aus haben wir es bei The Forgotten City einmal mehr mit einem Cloud-Titel zu tun, der auch dieselbe Technik wie schon bei Hitman und A Plague Tale nutzt. Das bedeutet im Endeffekt, dass ihr zum Spielen stets eine aktive Internetverbindung benötigt. Im Gegensatz zum damaligen Hitman-Test hat sich die Cloud-Technik noch einmal verbessert und ich hatte mit einer 5GHZ-WLAN-Verbindung keinen einzigen Abbruch oder gar einen Ruckler. Nun kann man bei einem Titel wie diesem zurecht fragen, wieso er auf die Cloud zurückgreifen muss. Meine persönliche Vermutung ist, dass es für das dreiköpfige Team schlicht zu viel war, ihr Spiel komplett auf die Nintendo Switch zu portieren und dieser Weg daher der wirtschaftlich sinnvollere war. Denn grafisch merkt man dem Indie-Titel an, dass er einst als Mod für das Spiel Skyrim gestartet ist und erst später zu einem eigenständigen Titel herangewachsen ist. Die Charaktermodelle sehen zwar allesamt hübsch aus, manchen der Charaktere merkt man ihre Künstlichkeit jedoch sehr stark an. Die Bildrate hielt sich durchgehend stabil, die Ladezeiten waren akzeptabel, wenn sie auch an manchen Übergängen etwas länger angedauert haben. Nichtsdestotrotz kann man The Forgotten City problemlos und ruckelfrei erleben; Bugs sind mir keine während meiner Testpartie aufgefallen.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Florian McHugh

The Forgotten City ist ein Spiel, dass die Thematik der Zeitschleife spielerisch sinnvoll und ansprechend löst. Anstatt bei jedem einzelnen Durchgang die immer gleichen Dialoge und Aktionen wieder und wieder abzuarbeiten, kann ich diese bequem weiter delegieren und mich auf die neuen Aspekte meines Durchgangs konzentrieren. Denn das wird in diesem storylastigen Spiel auch notwendig sein, müsst ihr schließlich eine antike römische Stadt vor dem sicheren Untergang bewahren. Handlung sowie Charaktere sind allesamt hervorragend geschrieben und es ist lange her, dass ich ein Spiel innerhalb einer Sitzung fast komplett durchgespielt habe. Zwar sind zwischenzeitlich zwei Bogen-Shooter-Passagen eingebaut, die nicht so recht ins Gesamtbild passen wollen und deutlich länger dauern als gut ist, doch darüber konnte ich im Nachhinein wohlwollend hinwegblicken. Wer Freude an einem Spiel mit einer etwas anderen Handlung hat und nichts dagegen hat, den Großteil des Spiels Dialoge zu führen und sich auch über moralische und ethische Fragen den Kopf zu zerbrechen, der wird mit The Forgotten City seine Freude haben. Da das Spiel auf einer Cloud-Technik aufbaut, benötigt ihr durchgehend eine aktive Internetverbindung. Es kam während der Testphase jedoch zu keinerlei Verbindungsabbrüchen, auch nicht bei einer Verbindung via WLAN.
Mein persönliches Highlight: Die Gespräche mit den Stadtbewohnern und der Vorgang, die Goldene Regel am Ende zu entschlüsseln.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 1

  • Zowser

    Turmheld

    Schade das es nur als Cloud Version Gib . Dann werde ich es mir für den PC holen und mit dem Steam Deck zocken