Retro-Horror mit einer Menge Charme und den üblichen Schwächen

Nachdem Murder House erstmals im Oktober des letzten Jahres für den PC erschien, wurden nun, ein Jahr später, auch die Konsolen bedient, darunter die Nintendo Switch. Der Gruseltitel wird vom Entwickler Puppet Combo als geistiger Nachfolger zu deren weitaus kleinerem Werk Babysitter Bloodbath gehandelt und bietet, wie schon das Vorgängerprojekt, Retro-Horror in früher 3D-Optik. Ob es sich bei Murder House um eine gelungene Hommage an die Horrorklassiker aus den Anfängen der PlayStation-Ära handelt oder der einzige Schrecken sich in der Qualität wiederfindet, erfahrt ihr in den nachfolgenden Zeilen.


Heute kommt der Osterhase


Murder House lässt euch nach dem ersten Start die Auswahl, ob ihr euch sofort ins Hauptspiel stürzen oder zunächst den Prolog spielen möchtet. Der Auftakt des etwa dreieinhalbstündigen Albtraums ist ein knapp halbstündiges Abenteuer, welches euch in die Rolle des jungen Justin schlüpfen lässt, der sich zu Beginn in einem typisch amerikanischen Einkaufszentrum mit dem Osterhasen ablichten lässt. Zeitlich ist das Ganze in den Achtzigerjahren angesiedelt. Auf die harmlose Fotosequenz folgt erst einmal ein Schnitt. In der nächsten Szene erwacht Justin in einer der vielen Fotokabinen – er muss wohl eingeschlafen sein. Nachdem ihr den Blitzlichtautomaten verlassen habt, findet ihr euch in einem menschenleeren Kaufhaus wieder. Ab dann beginnt es, unheimlich zu werden. Ihr irrt nun durch ein Labyrinth geschlossener Geschäfte und lernt dabei die Grundmechaniken des Spiels kennen.


Justin flüchtet vor dem bedrohlichen Osterhasen. Leider findet das Stilmittel des geteilten Bildschirms kaum noch Verwendung im weiteren Verlauf.

© Puppet Combo

Das Geschehen beobachtet ihr stets aus festen Kamerawinkeln, habt allerdings auch die Möglichkeit in die Egoperspektive zu wechseln, was für wenige Umgebungsrätsel unerlässlich ist. Ansonsten steuert sich Murder House wie die klassischen Survival-Horror-Titel der späten Neunzigerjahre. Hegt ihr also einen extremen Groll gegen die sogenannte "Panzersteuerung", müsst ihr entweder dauerhaft mit der Egoperspektive vorliebnehmen oder einen Bogen um das Spiel machen, denn diese hat mit denselben Schwächen wie frühere Vertreter dieses Genres zu kämpfen. Haltet ihr die Schultertaste gedrückt, nehmt ihr eure Angriffsposition ein und mit einem zusätzlichen Knopfdruck nutzt ihr eure ausgerüstete Waffe. Gezielt wird hierbei automatisch, sofern ihr euch grob in die Richtung des zu tötenden Gegners dreht. Mindestens genauso einfach könnt ihr euer Ausrüstungsmenü öffnen, welches einen halbwegs gelungenen Mix aus dem endlosen Stauraum eines Silent Hills und der Statusanzeige eines Resident Evils bildet, und Gegenstände daraus benutzen.


Nachdem ihr eine Weile recht ziellos durch die Mall geschlendert seid und ein Rollgitter mithilfe eines Schlüssels geöffnet habt, findet ihr euch in einem geradlinigen Gang wieder. Dort begegnet ihr erstmals eurem Nemesis. Dass mit dem kostümierten Fremden irgendwas nicht stimmt, konnte man vielleicht schon erahnen, doch nun steht das korpulente Kaninchen drohend mit einer übergroßen Sichel in der Hand vor euch und zwingt den verängstigten Justin in die Flucht. Dieses Katz-und-Maus-Spiel setzt sich noch ein wenig fort, bis der Junge schlussendlich geschnappt wird und das eigentliche Hauptspiel beginnt.


Darin begleitet ihr eine Gruppe Journalisten bei einem Dreh, für den sie sich illegalen Zutritt zum verkommenen Anwesen des sogenannten Easter Rippers mit dem bürgerlichen Namen Anthony Smith verschaffen. Der vermeintlich zu Tode verurteilte Mörder hat das Leben zahlreicher Kinder auf dem Gewissen und man munkelt, dass sein Geist nach wie vor in den eigenen vier Wänden wandelt. Der abgeklärte, stets rauchende Gary glaubt natürlich nicht an einen solchen Spuk und wittert einzig die gewinnbringende Geschichte. Ihr schlüpft nun in die Rolle der Praktikantin Emma und anfangs macht der unerlaubte Ausflug den Eindruck eines herkömmlichen Arbeitstags voller undankbarer Bemerkungen. Dies ändert sich schlagartig, nachdem das Fahrzeug der Crew demoliert wird und sie fortan auf dem Grundstück inmitten eines weitläufigen Waldes festsitzen. Der Überlebenskampf – oder wie es der Easter Ripper pflegt zu sagen: die Eiersuche – beginnt.


Als Emma erkundet ihr im Hauptspiel das desolate Anwesen des Killers und fördert dabei etliche Grausamkeiten zutage.

© Puppet Combo

Während ihr euch zu Beginn noch nahezu frei auf dem Gelände bewegen könnt, verbringt ihr den Großteil des Abenteuers eingeschlossen im Haus des zufällig umherstreifenden Killers. Zwar findet ihr im Spielverlauf eine geringe Auswahl an Waffen, die Munition hierfür ist allerdings stark limitiert und sollte bis zuletzt aufgespart werden. Begegnet ihr dem Sichel schwingenden Mörder, empfiehlt es sich daher, euch zu verstecken. Hierfür stehen haufenweise Möbel parat, mit deren Hilfe sich der tollwütige Hase verhältnismäßig leicht abschütteln lässt. Abseits der unheimlichen Begegnungen und der damit einhergehenden Jagd löst ihr Rätsel innerhalb des Anwesens und sammelt Ostereier, wie euch geheißen wurde. All das erinnert stark an die Puzzles früher "Resident Evil"- sowie "Silent Hill"-Ableger und weiß zu unterhalten. Eine Möglichkeit zur Untersuchung der einzelnen Gegenstände hätte den Kopfnüssen jedoch noch etwas mehr Würze verliehen.


Da der Schauplatz in seiner Größe überschaubar ausfällt, lässt sich die Abwesenheit einer Karte verschmerzen. Fernab des berüchtigten Bunny Rippers gibt es keine Gegner, die ihr fürchten müsst. Das hat Murder House allerdings auch nicht nötig, schließlich benötigt ihr für einen Durchgang des Hauptspiels, wie eingangs schon einmal erwähnt, gerade einmal dreieinhalb Stunden. Das macht den Titel zu einer netten, ausgedehnten Abendbeschäftigung, solltet ihr der angestaubten Aufmachung etwas abgewinnen können.


Denn das Spiel kommt – unschwer zu erkennen – in einer Imitation der frühen 3D-Optik daher, wie sie damals auf der ersten PlayStation prominent vertreten war. Während die einen es charmant und ein Stilmittel nennen, zweifeln die anderen an ihrer Sehstärke. Seid ihr allerdings Fan der heutzutage rustikal anmutenden dreidimensionalen Grafik, kommt ihr voll auf eure Kosten. Denn Murder House fühlt sich stellenweise wirklich wie ein Titel dieser Zeit an, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. Immerhin lässt euch das Spiel die Wahl zwischen stabilen dreißig Bildern und variablen sechzig Bildern pro Sekunde. Zudem könnt ihr einen der zahlreichen Filter anwenden, welche das Bild alter Wiedergabegeräte wie Projektoren oder Röhrenfernseher simulieren und die grobe Optik ein wenig kaschieren.


Solide technische Umsetzung mit Schnitzern beim Sound


Die unspektakuläre Präsentation lässt selbst die vergleichsweise schwache Hardware von Nintendos Hybridkonsole müde lächeln. Sowohl im stationären als auch mobilen Betrieb der Nintendo Switch läuft das Spiel in einer flüssigen Bildrate. Technisch lässt sich also nichts an Murder House aussetzen. Die auditive Komponente hinterlässt hingegen eher gemischte Gefühle. Während der Synthesizer-Soundtrack die Stimmung des Spiels gekonnt einfängt und für zusätzliche Atmosphäre sorgt, fällt die Aufnahmequalität der einzelnen Dialoge konsequent ernüchternd aus. Es ist zwar offensichtlich, dass man sich hierbei von Low-Budget-Filmprojekten inspirieren ließ, dies jedoch auf Kosten des Hörgenuss geschieht. Hier hätte man ruhig zu moderneren Mitteln greifen dürfen.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Felix Kraus

Murder House ist sicherlich kein Spiel für jedermann. Solltet ihr allerdings wie ich mit der ersten PlayStation aufgewachsen sein und daher eine gewisse Wertschätzung für frühe 3D-Optik hegen, empfiehlt sich der furchterregende Kurztrip in das tödliche Anwesen. Gerade die vielen Referenzen an die großen Horrorklassiker sorgen für Schmunzler vor dem Bildschirm und die abgedrehte Geschichte rund um Anthony Smith konnte mir trotz ihrer gelegentlichen Schwere sogar diverse Lacher entlocken. Mit insgesamt vier Stunden Spielzeit kann das Gruselabenteuer auch schnell mal an einem einsamen Abend durchgezockt werden. Könnt ihr jedoch nichts mit dem Genre oder der frühen Horrorperlen anfangen, wird euch auch Murder House höchstwahrscheinlich kaltlassen.
Mein persönliches Highlight: Die ungefilterte Präsentation des Spiels und der starke Synthesizer-Soundtrack.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 3

  • Holger Wettstein

    Administrator

    Okay... jetzt sind wir schon bei der Retro 3D-Optik angekommen. Ich werde alt...

  • Solaris

    Nostalgiebrillenträger

    Kommt am Ende raus welcher Sänger/Killer unter der dem Kostüm steckt? Oder muss erst das große The Masked Killer DLC abgewartet werden? ^^

  • Felix Kraus

    Redakteur

    Solaris Die Auflösung des Ganzen ist völlig behämmert – aber auf die unterhaltsame Art. :D