Auf der Suche nach dem Wesen ohne erkennbare Gestalt

Mein allererster Berührungspunkt mit dem Beat 'em up-Genre war damals Final Fight 2 auf dem Super Nintendo Entertainment System. Ein guter Freund hielt mir das Spiel eines Nachmittags unter die Nase und sagte mir, dass es unfassbar viel Spaß machen würde, sich durch die Gegnermengen zu prügeln. Und zu zweit würde das sicherlich noch mehr Spaß machen – er sollte recht behalten. Das Genre hat sich über die Jahrzehnte zwar stetig etwas weiterentwickelt, ist im Kern aber dasselbe geblieben. Ihr prügelt euch, wahlweise mit Faust oder Armverlängerung wie einem Baseballschläger, durch die verschiedensten Settings, um letztendlich einem oder mehreren Schergen ordentlich eins auf die Murmel zu geben. Tunche macht da keine Ausnahme, mischt noch Rogue-like-Elemente hinzu und bietet neben den Grundelementen aber auch noch einige andere interessante Funktionen, welche die Spielmechanik erweitern. Allesamt greifen zudem fantastisch ineinander. Ehemals als Kickstarter-Projekt ins Leben gerufen worden, hat der Titel mit etwas Verspätung dann doch noch das Licht der Spielwelt erblickt.


Jeder der fünf Helden hat einen eigenen erweiterbaren Fertigkeitenbaum.

© HypeTrain Digital

Mit einem von insgesamt fünf Charakteren begebt ihr euch auf die Reise nach dem Wesen ohne erkennbare Gestalt, genannt Tunche. Dabei soll es sich laut Volksmund, um eine tödliche Kreatur handeln, welche den Regenwald des Amazonas durchstreift und die Menschen mit ihrem inneren Selbst und ihrer Furcht konfrontiert. Nur diejenigen, welche sich als würdig erweisen, überleben im tiefen Dschungel. Seltsam ist auf jeden Fall, dass sich die Tiere im Amazonas merkwürdig aggressiv verhalten. Es wird also Zeit Tunche zu finden und die Urwaldregion wieder zu befrieden. Doch wer oder was Tunche letztendlich ist, das dürft ihr in dem sechs- bis siebenstündigen Abenteuer selbst herausfinden.


Zunächst habt ihr die Wahl zwischen fünf verschiedenen Charakteren, die alle ihre Vor- und Nachteile bezüglich Stärke, Abwehr, Geschwindigkeit und Angriffsreichweite haben. Wollt ihr eher schnell und wendig unterwegs sein, dann dürften die Zauberin Rumi oder auch Nayra, eine Kriegerin mit Speer und Schlange, genau das Richtige für euch sein. Die beiden sind zudem am ausgeglichensten von ihren Eigenschaften her und für den Einstieg in das Spiel empfehlenswert. Qaru, der kleine Junge mit Flügeln, ist sogar nochmals eine Portion schneller, dafür in Sachen Angriffsgeschwindigkeit und -reichweite aber etwas beschnitten. Rohe Angriffskraft und bessere Abwehr erhaltet ihr mit Pancho, einem stämmigen Musiker, der mit der Macht der Töne seinen Gegnern einheizt. Etwas aus der Reihe – nicht nur visuell – tanzt Hat Kid aus dem Platformer A Hat In Time von Entwickler Gears for Breakfeast. Diese wirkt durch ihre lilafarbene Robe und dem bunten Regenschirm, der ihr als Angriffswaffe dient, leider etwas deplatziert und sie bietet gegenüber der restlichen vier Helden und Heldinnen auch zu wenig Abwechslung. Für mich persönlich hätten die vier Amazonas-Bewohner bzw. -Bewohnerinnen gereicht und ich hätte auf das Hutmädchen gut verzichten können. Hauptausgangspunkt für die abenteuerliche Reise auf der Suche nach Tunche beginnt immer am Lagerfeuer eures Camps. Dorfältester Kawri geleitet euch in den Dschungel, dient als Erzähler und bringt euch beim Ableben auch immer wieder hierhin zurück. Weitere nützliche Charaktere gesellen sich im Verlauf dazu.


Power-Ups und Gegenstände helfen euch beim Kampf gegen die fiesen Waldbewohner.

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Neben einem individuell ausbaubaren Fertigkeitenbaum gibt es auch noch diverse Power-Ups in Form von spirituellen Kernen. Diese verleihen euch verschiedene Fähigkeiten, wie beispielsweise die Regeneration einer kleinen Menge an Lebenspunkten nach jedem besiegten Gegner oder auch die Chance eure Widersacher bei einem Zauberangriff zu vergiften. In jedem Durchgang erhaltet ihr zufallsbasiert nach und nach einige der Kerne und die Anzahl derer, die ihr dabei nutzen könnt, ist nur begrenzt durch die Anzahl der Kerne, die ihr bereits freigeschaltet habt. So kann es sein, dass ihr später im Spiel gut und gerne mal mehr als zehn dieser spirituellen Kerne im Inventar habt und nutzen könnt. Die Kerne können mittels in der Spielwelt gesammelter Splitter beim Dorfhändler Ogi auch noch in fünf Stufen verbessert werden. Daneben gibt es noch Essenzen, die ihr beim Dorftrainer Sacha für die Verbesserung eurer Fähigkeiten einsetzen könnt. Außerdem könnt ihr während eurer Reise Goldstücke sammeln, die ihr ebenfalls bei Ogi gegen Heiltränke, eine Sofortheilung und weitere Reiseerleichterungen eintauschen könnt. Solltet ihr allerdings das Zeitliche segnen, dann ist das Gold – im Gegensatz zu Essenz und Splittern – verloren. Wie in vielen anderen Beat 'em ups, gibt es auch in Tunche einen Stilrang, der euch anzeigt wie gut ihr gekämpft habt. Doch anstatt euch am Ende eines Kampfes oder Levels nur einen schnöden Ergebnis-Bildschirm zu präsentieren, wie ihr euch geschlagen habt, wird euch sogenannte Entropie gutgeschrieben. Je besser also euer Stilrang ist, desto mehr Entropie erhaltet ihr und füllt damit das Entropie-Meter. Bei vollständiger Füllung erhaltet ihr dadurch Entropie-Punkte, die im Camp abermals bei Ogi gegen Transmutationen eingetauscht werden können. Diese bewirken permanente Veränderungen in den Leveln, wie beispielsweise das Auftauchen eines nützlichen Heilbrunnens.


Spielerisch, tonal und visuell auf den Punkt


Doch neben den ganzen Power-Ups, Sammelgegenständen und Fertigkeiten, die wunderbar und funktional in die Spielwelt eingeflochten sind, macht Tunche auch sonst in spielerischer Hinsicht fast alles richtig. Alle Charaktere spielen sich spürbar anderes, reagieren präzise auf Eingaben und lassen sich optimal durch die malerische Spielwelt steuern.


Die Kämpfe spielen sich dynamisch, sind durchweg fair und bieten Raum für Taktik.

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Das Spiel schafft es durch langsames erhöhen des Schwierigkeitsgrades und die behutsame Einführung von neuen Gegnertypen euch nicht direkt zu überfordern. Insbesondere Letzteres ist lobenswert, denn so könnt ihr euch jeden Bewegungs- und Angriffsablauf genauestens einprägen. Auch sind die Angriffe der fiesen Urwaldbewohner nie zu stark oder unfair und zumeist nur in Gegnergruppen wirklich eine Bedrohung. Natürlich gibt es auch mal größere Gegneransammlungen und das Spielgeschehen wird dann schnell unübersichtlich. Durch die vielen Möglichkeiten auszuweichen, zu springen und per Luftsprint aus dem Gemenge zu treten, habt ihr aber stets gute Rückzugsmöglichkeiten. Außerdem könnt ihr per Tastendruck eure Gegner in die Luft befördern und damit für kurze Zeit den Kampf in eine andere, für euch sicherere Situation verlagern. Initiierte Angriffe eines Gegners könnt ihr zudem durch einen Angriff meistens abbrechen. Wirklich abwehren, in Form von Blocken, könnt ihr Angriffe übrigens nicht, was ich als durchaus positiv empfand. So wird keine Geschwindigkeit aus dem Spiel genommen, es gibt nicht noch eine zusätzliche Tasteneingabe mehr und ihr könnt euch voll und ganz auf die Bewegung im Raum und den Angriff konzentrieren. Nach jedem der vier Level erwartet euch als Herausforderung ein größerer Endgegner, welcher stufenweise andere Attacken auf euch Regnen lässt. Wer sich Zwischendurch nach mehr Herausforderung sehnt, der kann unterwegs noch die gestellten Aufgaben von Lama Leo meistern.


Die Handlung jedes einzelnen Charakters wird zwischendurch in Comic-Sequenzen erzählt.

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Bildlich und Audiovisuell einwandfrei unterstützt wird das Gerangel im Dschungel zudem auch. Jeder Gegner hat einen eigenen Laut, den er immer mal wieder, aber insbesondere auch bei Erscheinen, von sich gibt. So kündigen sich beispielsweise schnell von der Bildschirmseite einfallende Gegner wie Wildschweine kurz vorher mit einem Geräusch an, sodass ihr euch auf die bevorstehende Situation vorbereiten könnt. Oder sich von Bäumen herabseilende Affen fangen an, nun ja, Affenlaute von sich zu geben. Hinzu kommt dass Gegner, die einen Ansturm auf euch vorbereiten, dies visuell durch Bodenmarkierungen ankündigen. Die in mehreren Ebenen abgebildeten 2D-Urwald-Landschaften sind wunderschön gestaltet, die Charaktere und Gegner passen mit ihrem leichten Anime-Touch wunderbar in die Welt und alles wirkt wie aus einem Guss. Musikalisch begleitet wird das Spiel durch stimmungsvolle Synthi-Pop-Musik, die mit Instrumenten wie Panflöten, Rasseln und Bongos angereichert wurde. Schläge bzw. deren Treffer klingen wuchtig und auch alle weiteren Töne fügen sich harmonisch in die Spielwelt ein. Insgesamt ergibt sich dadurch ein ausgewogenes Bildgetümmel mit einem stimmungsvollen Klangteppich. Einzig die im Bildschirmvordergrund eingeblendeten Pflanzen und Halme hätten sich die Entwickler sparen sollen. Das verleiht dem Bild zwar mehr räumlichen Effekt, macht aber das Kampfgeschehen manchmal deutlich unübersichtlicher und Gegner verschwinden schon mal ganz gerne dahinter.


Natürlich muss man sich wie bei jedem Spiel mit Rogue-like-Elementen mit der Tatsache anfreunden, dass man gewisse Spielpassagen immer und immer wieder spielt. Für den einen mag das ermüdend sein, andere sehen darin einen Lerneffekt. Tunche ist vom Umfang her kein riesiges Spiel, bietet aber durch die verschiedenen Handlungsstränge der einzelnen Helden, welche in Form von Comic-Sequenzen erzählt werden, durchaus Wiederspielwert. Jeder hat nämlich seine eigenen Beweggründe Tunche zu finden. Für Genre-Veteranen mag das Spiel etwas zu leicht sein und in nur wenigen Stunden sollte man alles gesehen haben. Wer allerdings nicht schon gefühlt jedes Rogue-like gespielt hat und Beat 'em ups mag, der sollte einige Stunden mehr Freude an dem Spiel haben. Noch mehr Spaß macht es dann sicherlich im Mehrspieler-Modus mit bis zu vier Spielern.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von David Kuhlgert

Tunche macht unfassbar viel richtig und wenig falsch. Auch wenn das Amazonas-Abenteuer schon nach wenigen Stunden vorbei ist, lohnen sich weitere Durchläufe mit den anderen Charakteren, um einerseits die Geschichte rund um diese kennenzulernen, aber auch weil die Kämpfe und das Kampfsystem so viel Spaß machen und optimal funktionieren. Die Gegnervielfalt ist ausreichend abwechslungsreich, man kann immer passend auf deren Angriffe reagieren und macht man dennoch einen Fehler, dann ist immer genau nachvollziehbar warum. Die Lernkurve inklusive der nach und nach verfügbaren Power-Ups und Charakter-Verbesserungen ist perfekt ausbalanciert und diese ergeben bis auf ein paar Ausnahmen spielerisch absolut Sinn. Genau so muss ein modernes Beat 'em up aussehen. Als Bonus bekommt man handgezeichnete Hintergründe, Geschichten erzählt in Comic-Sequenzen und einen runden Soundtrack, welche Retro-Synthi-Pop-Klänge mit Panflöten-Musik vermischt. Ich kann jedem, der das Genre mag und auch vor Rogue-like-Elementen nicht zurückschreckt, Tunche nur wärmstens empfehlen.
Mein persönliches Highlight: Die wundervoll gezeichnete Urwald-Atmosphäre und die dynamischen Kämpfe.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 7

  • Fang

    Turmbaron

    Ähm, klingt ja ganz gut aber ich finde im E-Shop kein Spiel das so heißt.

    Hat Kid ist übrigens ein Mädchen.

  • Cirno the strongest

    eigentlich sind solche spiele nicht mein fall aber ich werd schwach weil hatkid drin ist^^

  • Ilja Rodstein

    Redakteur

    Ähm, klingt ja ganz gut aber ich finde im E-Shop kein Spiel das so heißt.

    Hat Kid ist übrigens ein Mädchen.

    Es ist irgendwie aus allen europäischen eshops verschwunden :/

  • Cirno the strongest

    Ilja Rodsteinmhh seltsam vielleicht gabs probleme

  • David Kuhlgert

    Redakteur

    Fang

    Stimmt, da ist mir leider ein Fauxpas unterlaufen. Hab es mal korrigiert und danke für den Hinweis :)

    Mal schauen, ob sich die Entwickler oder der Publisher zu Wort melden bzgl. der Entfernung aus den europäischen eShops

  • mr.raw

    Coffeebrewer

    Macht Pegi wieder Probleme? Dann dauert es wieder 2 Wochen... ärgerlich

  • Pepsi-Fan 123

    Tischtennis/Rubik´s Cube Profi

    Der Test hat mir echt gefallen und ich werde, sobald möglich, ein Blick riskieren ^^