Lasst Welten in neuem Glanz erstrahlen

Es ist Mitte November. Die Sonne versteckt sich hinter tiefgrauen Wolken, der Wind schneidet unter die Klamotten und bereitet eine unangenehme Kälte auf der Haut. Kaum verwunderlich ist es, dass wir uns in unsere Decken kuscheln, einen warmen Tee genießen und nebenher ein bisschen daddeln. Sandboxähnliche Lebenssimulations-Spiele wie „Animal Crossing: New Horizons“ oder „Stardew Valley“ haben diesem Genre einen neuen Frühling beschert. Die Prämisse ist so einfach wie genial – ohne extreme Action trotzdem ein volles Spielvergnügen zaubern. Grow: Song of The Evertree schlägt thematisch in eine ähnliche Kerbe und versucht mittels Farming und Housing ein ganz besonderes Spiel zu sein. Erschienen ist diese Produktion aus dem Hause Prideful Sloth am 16. November 2021 für die Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox One und für den PC via Steam. Kann das Spiel überzeugen und wie viel müssen wir als Nintendo-Switch-Spieler als Kompromiss hinnehmen? Wir haben den Test gemacht!


Die Rache der Natur


Die Geschichte von Grow: Song of The Evertree bringt uns an einen wundersamen Ort in den Weiten des Kosmos. Tief verborgen findet sich ein uralter Baum: der Immerbaum. Dieser Immerbaum ist mit schier unendlicher Macht ausgestattet und lässt neue Welten öffnen, florieren und gedeihen. Menschen, die aus den Tiefen des Kosmos diesen magischen Baum fanden, siedelten an den Wurzeln und labten sich an seiner Pracht. Die magische Kraft des Baumes, sein sogenanntes Lied, musste von den Menschen gesungen und gehuldigt werden, sodass eine Art Geben und Nehmen entstehen konnte. Doch die Menschen waren schlampig und egoistisch. Sie vergaßen den Baum zu pflegen und das Lied zerriss. Die Dürre des Baumes überwucherte alles, die Siedlung und die Welten des Baumes verdörrten. Alle Menschen außer euch flohen vor dieser Situation.


Die Quests sind ständig verfügbar. Nach Erfüllung gibt es nicht nur einen hübschen Stempel, sondern auch eine nützliche Belohnung.

© Prideful Sloth / 505 Games

Ihr seid ein junger Alchimist, den ihr am Anfang selbst gestalten könnt. Neben Gesichtsform und Haarfarbe könnt ihr auch das Geschlecht wählen. Auffällig hier ist die Möglichkeit, das non-binäre Geschlecht auszuwählen. Diese Option mag für viele Spieler wenig interessant wirken, ist aber ein sehr wichtiges Zeichen für eine kleine Gruppe an Spielern, die normalerweise nicht repräsentiert wird. Als junger Alchemie-Lehrling werdet ihr von euren Meistern begleitet. Diese Meister sind aber keine Menschen wir ihr. Ein sprechendes Buch, das sich wie eure Großmutter aufführt und im Prinzip euer Tagebuch darstellt und ein Alchemiegemisch, das oft eher negative Dinge zu sagen hat, zeigen euch den Weg.


Die Prämisse des Spiels ist letztlich leicht zusammenzufassen. Ihr pflanzt auf einem Ast des Immerbaumes den Samen einer neuen Welt, den ihr erschaffen habt. Diese Welt pflegt ihr dann mit Gartenarbeiten. Durch das florieren dieser und weiterer freischaltbarer Welten geht die Dürre zurück und eine neue, junge Siedlung am Fuß des Baumes kann aufgebaut werden.


Ähnlich wie in „Animal Crossing: New Horizons“ seid ihr der Taktgeber. Ihr entscheidet wo und wann Häuser errichtet werden. Ihr entscheidet auch, welche Bewohner in eurer Siedlung willkommen sind. In den verschiedenen Welten des Immerbaums seid ihr für Fruchtbarkeit und Missernte verantwortlich.


Das Gameplay fasziniert zwar nicht, unterhält aber langfristig


Das Gameplay in diesen Welten ist simpel. Von Anfang an besitzt ihr eine große Auswahl an Werkzeugen, die euch helfen sollen, die Welten zu pflegen. Jene Welten sind eigentlich nichts anderes als übergröße Ebenen, auf denen sich Tiere, Pflanzen und anderes Gedöns tummeln. Eure Werkzeuge erfüllen verschiedene Funktionen. Ähnlich wie in den „Story of Seasons“-Titeln habt ihr eine Tüte Samen, eine Gießkanne, einen Hammer, eine Axt und andere Werkzeuge, die eure Arbeit vereinfachen sollen. Wenn ihr euch auf der Ebene umseht, erblickt ihr viele alte Mauern, giftige Pflanzen und verletzte Tiere. Mit Axt, Hammer und Sichel befreit ihr die Ebene von der Unordnung. An einigen Stellen offenbaren sich dann kleine Bereichen in denen ihr einen Samen setzen könnt. Nach regelmäßiger Bewässerung sprießt ein Setzling.


Wichtigster Faktor in diesem Spiel ist die Zeit. Bekannte Titel wie „Stardew Valley“ nutzen ebenfalls eine Mechanik, in der Zeit, indem der Tageszyklus schneller als in der Realität simuliert wird, eingesetzt wird. Grow: Song of The Evertree nutzt ein ähnliches Prinzip. Die Tiefe dieses Gameplays zeigt sich aber besonders in den Einstellungen. Dort könnt ihr einstellen, wie schnell die Zeit im Spiel verstreichen soll. Besonders an Tagen, an denen viel Arbeit ansteht, ist es sehr praktisch, wenn der Sand der Zeit langsamer rieselt. Neben der Pflege der verschiedenen Welten, müsst ihr euch schließlich auch um eure Siedlung bemühen. Nachdem ihr einen bestimmten Fortschritt im Spiel erreicht habt, kommen ehemalige und neue Anwohner zurück an den Immerbaum, um erneut Wurzeln zu schlagen. Als eine Art Bürgermeister dürft ihr dann diese Siedlung verwalten und da gibt es einiges zu tun.


Es gibt eine große Zahl verschiedenster Charaktere. Ob mir meine Gummiente auch Beratung geben wird, wenn ich sie frage?

© Prideful Sloth / 505 Games

Als Verwalter eurer Siedlung könnt ihr unter Austausch der In-Game-Währung Moyra, was die Kraft des Liedes des Immerbaums darstellt, Gebäude kaufen und beliebig auf der verfügbaren Fläche aufstellen. Dabei kann es sich um Wohnhäuser oder Gemeinschaftsgebäude wie Bäckereien handeln. Durch eine Art Flughafen erreichen dann kosmische Reisende eure Siedlung. Wenn ihr diese seht, könnt ihr mit diesen interagieren und auch in eure Siedlung einladen. Hierzu müsst ihr lediglich dem künftigen Bewohner eines der freien Häuser zuweisen.


Bewohner aber nur in Häuser zu stopfen reicht nicht. Sie brauchen auch Beschäftigungen. Entweder durch bestimmte neue Gebäude oder andere Anlagen könnt ihr eure Anwohner zufriedenstellen. Nicht selten haben auch die Bewohner verschiedene Anfragen, die ihr als Sidequests erledigen solltet. Ignoriert ihr diese zu lange, verlassen sie auf lange Sicht eure junge Siedlung.


Das Spiel Grow: Song of The Evertree ist simpel und versucht mit verschiedenen eher entspannten Aktivitäten zu punkten. Leider muss ich zugeben, dass mich die ersten Stunden doch sehr gelangweilt haben. Das liegt wohl in erster Linie an der Tatsache, dass man zunächst nur limitierte Möglichkeiten hat. Welt pflegen, einige Häuser bauen und eine Handlung, die eher lose eingestreut ist, tragen nicht wirklich zu einem gelungenen Einstieg bei. Für mich interessant wurde der Titel erst ab dem Moment, als man seine erste Welt fertiggestellt hat. Ab da nimmt die ganze Handlung mehr Fahrt auf und mehr Optionen werden verfügbar.


Und selbst ab diesem Moment stimmte etwas nicht. Zumindest fühlte es sich so für mich an. In erster Linie soll man ein Alchemist sein, doch die alchemistischen Tätigkeiten lassen eher zu wünschen übrig. Während ihr die Welten pflegt, kommt ihr an verschiedenste Essenzen heran. Auch Gegenstände, die ihr findet, können in eurem Haus in deren Essenzen zerlegt werden. Essenzen sind in erster Linie notwendig, um neue, anspruchsvollere Gebäude zu bauen. Unter einer alchemistischen Tätigkeit stelle ich mir eigentlich mehr vor. Ein Crafting-System ähnlich wie bei der Atelier-Reihe, wäre eine sehr spannende Ergänzung gewesen und hätte den Alchemisten auch wirklich in Szene gesetzt. Letztlich ist Grow: Song of The Evertree wieder nur ein Siedlungsspiel mit einem Hauch von „Stardew Valley“-Flair.


Mittelmäßige Grafik – epischer Soundtrack


Das Spiel wurde offensichtlich ursprünglich für den PC entwickelt. Wenn man einen grafischen Vergleich zwischen der PC- und der Nintendo Switch-Version zieht, merkt man schnell, dass grafisch eine große Diskrepanz existiert. Die Charakter- und Weltdesigns sind liebevoll ausgestaltet und mit einer Fülle an dekorativen Elementen arrangiert. Die Magie, die dadurch auf dem PC versprüht wird, fesselt und macht einen süchtig nach mehr. Leider kann die Version für die Nintendo-Switch diesem Standard nicht unbedingt gerecht werden. Viele Texturen sind verwaschen und wirken weniger hochwertig. Die ständig schwankende Bildrate ist ein ebenso nervenaufreibendes Problem wie die teils langen Ladezeiten. Hier ist die Optimierungsarbeit für die Nintendo Switch eher nicht gelungen.


Bei solch stimmungsvollen Bildern stört auch die grafische Limitierung nicht mehr.

© Prideful Sloth / 505 Games

Glücklicherweise müssen wir beim Sound solche Abstriche nicht hinnehmen. Der Titelsong des Spiels ist einfach wunderschön und verleitet regelmäßig dazu, das Lied im Titelbildschirm anzuhören. Eindrucksvoll ist aber auch die Hintergrundmusik, die die teils mühselige Feldarbeit in ein angenehmes Unterfangen verwandelt. Ehrlich gesagt war es auch nur die Musik, die mich dazu brachte, dem Spiel eine zweite Chance nach dem schlechten Start zu geben – zum Glück, denn auf längerer Sicht bin ich doch sehr angetan gewesen.


Letztlich bekommt man bei einem Preis von unter 30 Euro im Nintendo eShop ein Spiel, das stark an „Animal Crossing“, „Stardew Valley“ und andere, ähnliche Vertreter erinnert. Der Fokus liegt auf einem entschleunigtem Gameplay, das durch seine Einfachheit faszinieren soll. Die Handlung ist besonders zu Beginn holprig, entwickelt sich dann aber im Laufe der Zeit zu einem richtigen kleinen Abenteuerroman. Zum Schluss besonders hervorheben möchte ich die Welten, welche sich durch eure Arbeit entwickeln. Zwar ist die Feldarbeit meist eintönig und mühsam, die Ergebnisse befriedigen aber ungemein. Hin und wieder kommt es vor, dass ihr kleinen Fantasietieren begegnet, da sie sich in der neuen Fauna ansiedeln konnten. Habe ich bereits erzählt, dass ihr sie streicheln und in euer Dorf mitnehmen könnt? Na, dann wisst ihr jetzt Bescheid. In eurem Dorf könnt ihr richtige kleine Reservate für eure ehemals ausgestorbenen Tierchen aufbauen oder sie als Haustiere euren Bewohnern geben. Eine Option, mit diesen knuffigen Kreaturen Selfies zu machen, ist ebenfalls eingearbeitet.


Wenn man schlussendlich den Preis gegen die gelieferte Ware aufwiegt, gebe ich ein zustimmendes Nicken. Fans von Aufbauspielen oder ruhigen Momenten werden sich sicherlich in diese Produktion verlieben und viele Stunden dort verbringen. Ich rechne mit einem Spielspaß von 60+ Stunden. Ähnlich wie in „Animal Crossing“ kann sich aber die Spielstundenzahl von Spieler zu Spieler unterscheiden und sicherlich mit Leichtigkeit auch dreistellig werden. Bei einem Preis von weniger als 30 Euro könnt ihr euch also einen richtigen Schnapper sichern, dessen Kauf ihr auch nicht bereuen werdet, wenn ihr zur Zielgruppe gehört.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Simon Münch

Grow: Song of The Evertree konfrontiert uns Spieler mit Wahrheiten. Es sind Menschen, die die Natur mit Füßen treten und alles an sich reißen. Es sind aber auch Menschen, die Welten schaffen und pflegen können. Eine andere Wahrheit ist, dass Grow: Song of The Evertree seine beste Performance nicht auf der Nintendo Switch hat. Dies wird besonders durch lange Ladezeiten, schwankende Bildrate und teils verschmierte Texturen deutlich. Trotz dieser Kritik entpuppt sich Grow: Song of The Evertree als eine kleine, preiswerte Perle. Entschleunigtes Aufbauen einer Siedlung, das Pflegen verschiedenster fantastischer Gärten und das Erkunden der eigenen Schöpfung geben ein unbeschreiblich befriedigendes Spielerlebnis. Die Handlung steht hierbei nicht im Mittelpunkt, sondern wird pointiert eingestreut, sodass der Fokus auf der stressfreien Selbstverwirklichung liegt. Ich empfehle diesen Produktion uneingeschränkt Fans der Titel „​Animal Crossing: New Horizons“, „​Stardew Valley“, „​Story of Seasons“ oder „​Garden Paws “ – ich verspreche euch, hier seid ihr Zuhause!
Mein persönliches Highlight: Der wunderschöne Titelsong

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 3

  • Lando

    Calrissian

    Ach, Scheidenkleister. :( Dabei war meine Hoffnung groß, dass man im Laufe der Jahre die Umsetzungen für die Switch in den Griff kriegen würde.

  • Tomaru

    Minish Mage

    Hab mir grad ein Video auf YT angesehen. Das sieht ja hinreißend aus. Schade dass in eurem Test fast nur Bilder mit Menüscreens verwendet wurden, da kommt das gar nicht wirklich raus.

  • Simon Münch

    Inselsprecher

    Tomaru Vielen Dank für deine wertvolle Anmerkung. Dieses Mal entschied ich mich eher für diese Bilder, da sie die Vielseitigkeit des Gameplays abbilden sollten. Tatsächlich ist nur der letzte Screenshot für die grafische Schönheit gedacht. Wie du aber sicherlich aus dem Test herauslesen konntest, bin ich kein großer Fan der grafischen Performance auf der Nintendo Switch. Das ist eigentlich auch der Hauptgrund, wieso nur ein Bilder die Schönheit von Grow: Song of The Evertree einfängt. Ich empfehle aber auch jedem sich über verschiedene Gameplay-Videos selbst ein Bild von der Grafik zu machen. Am besten sieht man das schließlich in bewegten Bildern:D