Die Apokalypse wartet

Aufbauspiele wie Anno 1800 oder Die Siedler 3 kennen wahrscheinlich viele. Nicht jeder wird sich solchen Spielen widmen, da nicht jeder Spaß daran findet, eine Zivilisation zu gestalten oder ein Imperium aufzubauen. Was zunächst nach einem ruhigen, strategischen Genre klingt, kann Spieler aber auch ganz schnell ins Schwitzen bringen. Verschiedene historische Epochen oder Kriegsszenarien sind die liebsten Themen dieses Genres – die Postapokalypse findet trotz seines nahezu perfekten Settings eher selten seinen Weg in ein solches Spiel. Surviving the Aftermath ist nun ein Titel aus eben diesem Genre und beschäftigt sich thematisch damit, eine Kolonie aufzubauen, nachdem die Menschheit, wie wir sie heute für selbstverständlich halten, untergangen ist.


Das perfekte Setting für Spannung, Krankheit und Wiederaufbau


Nach vielen Jahrzehnten, die von Kriegen, Naturkatastrophen und Massensterben geprägt waren, hat sich die Lage auf der Welt wieder etwas beruhigt. Zumindest zu einem solchen Grad, dass ihr versucht, eine eigene Kolonie aus der verstrahlten Erde zu stampfen. Ihr befindet euch zu Beginn des Spiels an einem vergleichsweise lauschigen Plätzchen mit Bäumen, etwas Wasser und radioaktiv verseuchter Erde. Nachdem ihr euer kleines Camp aufgeschlagen habt, feuert ihr die Leuchtrakete ab und der Spaß – oder Alptraum – beginnt.


In der Oberwelt gibt es neben zerstörter Zivilisation auch florierende Siedlungen und Räuberlager zu entdecken.

© Paradox Interactive

Zum Überleben eurer Kolonie sind folgende Elemente entscheidend: Nahrung, Wasser und ein sicherer Unterschlupf. Zumindest reicht das theoretisch aus, um ein sinnloses Dasein zu fristen. Durch den Abbau von Holz, Plastik und anderen Ressourcen könnt ihr dann auch medizinische Versorgung, bessere Nahrung und Schutzgebäude herstellen. Euer Primärziel ist es, nicht nur zu überleben, sondern zu wachsen und die Welt in einen Ort zu verwandeln, der lebenswert ist. Hierbei nutzt das Spiel ähnlich wie andere Vertreter des Genres eine Art Zeitsimulation. Im Zeitraffer seht ihr den Tag am Bildschirm vorbeiziehen. Mithilfe des Steuerkreuzes könnt ihr die Zeit anhalten oder beschleunigen.


Neben dem Abbau von Ressourcen, der über die normalen Gruppenmitglieder, die meist als Wanderer oder Flüchtige um Obdach vor euren Toren baten, verrichtet wird, gibt es auch Spezialisten, die durch ihre besonderen Fähigkeiten versuchen, euren Fortschritt stark voranzubringen. Normalerweise seht ihr in einer schrägen Vogelperspektive euer Camp. Von dort steuert ihr alles, was für die Siedlung relevant ist. Mit den Spezialisten geht es aber nach dem Bau eines Schutztores in die Oberwelt. Dort könnt ihr sie auf eine bestimmte maximale Distanz laufen und verschiedene Aktionen ausführen lassen. Ihr könnt fremde Camps um Handel bitten, Außenposten aufbauen, mit Banditen einen Krieg beginnen oder verkümmerte Relikte unserer heutigen Zivilisation erforschen. Nach Ablauf einer bestimmten Zeit sind diese Aktionen beendet und ihr könnt die Belohnungen für eure Siedlung nutzen. Der Kerngedanke des Spiels ist, dass ihr durch strategisch geschickte Handlungen eure kleine Siedlung in einen echten Garten Eden inmitten der verstrahlten Hölle der Zukunft verwandelt.


Postapokalyptischer Stadtplaner oder inkompetenter Todesbote


Das hauptsächliche Spielgeschehen findet in der Siedlung statt. Dort könnt ihr über ein Bau-Menü verschiedene Gebäude errichten und diesen Personen aus eurer Siedlung zuweisen. Neben Wohnanlagen und sanitärer Versorgung (besser gesagt Plumpsklos) errichtet ihr auch Anlagen zum Abbau bereits erwähnter Ressourcen. Dabei gilt es aber, vorsichtig zu sein – besonders zu Beginn sind eure Mittel und Bewohner stark begrenzt, weshalb ein strategisches Vorgehen von größter Bedeutung ist. Wenn ihr das nicht tut, stirbt bei euch wie beispielsweise bei meinem Testlauf innerhalb der ersten Woche schon der erste Bewohner. Für dahingeschiedene Personen gibt es einen sehr schicken Ablageort, den ihr dringend bauen solltet, wenn ihr wollt, dass die Leichen angemessen entsorgt werden sollten. Der Tod von Bewohnern ist dabei nichts Ungewöhnliches. Sie sterben an verschiedenen Dingen, wie einer Verstrahlung, unbehandelter Krankheit oder schlichtem Verhungern. Erschwerend hinzu kommt, dass verschiedene Bereiche, in denen Ressourcen zu finden sind, nach Abbau aufgebraucht und dann nicht mehr nutzbar sind. Ein Problem, das besonders eine Vorausplanung von euch abverlangt.


Meist sind die Entscheidungen leicht zu fällen und bieten schnell verdiente Ressourcen oder Vorteile.

© Paradox Interactive

Neben dem Sammeln von Rohstoffen gibt es auch verschiedene Wege, an Nahrung heranzukommen. Auf der Karte verteilt findet ihr verschiedene Bereiche, in denen Beeren wachsen oder Tiere grasen. Mittels Jagdhütten oder einer Sammelanlage können eure Bewohner diese Lebensmittel aufsammeln und an die anderen verteilen. Das Aufstellen solcher Orte ist denkbar simpel. Im vorgesehenen Menü wählt ihr das Gebäude aus, platziert es auf einem guten Platz und lasst es bauen. Gebäude zu errichten verbraucht Ressourcen wie Plastik oder Holz, weshalb auch hier viel Planung notwendig ist. Abbaugebäude können dann über ein separates Menü ein Gebiet zugewiesen bekommen, an dem gearbeitet werden soll.


Weitere Gebäude und Gebäude-Upgrades können durch Forschung freigeschaltet werden. Diese Technologie-Forschungen benötigen bestimmte Punkte, die Spezialisten auf ihren Reisen auf der Oberwelt einsammeln können. Wie beim Gestalten der Siedlung, muss auch bei der Forschung überlegt werden, welche Dinge gerade wirklich wichtig sind. Brauchen wir eine Krankenschwester oder doch lieber eine ertragreichere Ernte? Euer Fokus in der Forschung entscheidet über Leben und Tod.


Die Postapokalypse ist hierbei ein fast schon traumhaftes Setting. Spieler erhalten einen authentischen Grund, eine Siedlung aufzubauen und es stehen zahllose Optionen zur Verfügung, wie man dieses Projekt in Angriff nehmen könnte. Vor Spielbeginn kann man für verschiedene Themen auch den Schwierigkeitsgrad wählen. Beispielsweise könnt ihr entscheiden, wie verseucht die Erde sein soll und wie viele Startressourcen ihr zu Verfügung haben wollt. So ist auch für Anfänger eine Möglichkeit gegeben, in das Spiel zu finden, ohne in einem Sumpf der Überforderung zu versinken.


Das tägliche, triste Leben der Postapokalypse wird nicht selten durch kleinere Events aufgelockert, bei denen ihr Entscheidungen zu treffen habt. Die richtige Wahl bedeutet Belohnungen, wobei Fehlentscheidungen Probleme mit sich bringen können. Sogar der Tod eines Bewohners oder Seuchen könnten als Folgen auftreten. Leider haben die Entwickler das Potenzial an dieser Stelle nicht voll ausgeschöpft. Die richtige Entscheidung ist oft sehr offensichtlich zu durchschauen und bietet dadurch kaum Spannung.


Interessanter dagegen sind die Widrigkeiten des Wetters oder andere Katastrophen. Seuchen können euer Dorf heimsuchen – habt ihr in jenem Fall keine medizinische Versorgung installiert, sterben eure Menschen wie die Fliegen. Außerdem verbrauchen solche Seuchen viel Wasser, da Menschen während einer Pandemie mehr davon verbrauchen. Besonders garstig sind Schneestürme. Einer dieser Stürme hat einem meiner Siedlungsprojekte ein hässliches Ende bereitet. Felder können in dieser Zeit nicht bestellt werden, Menschen brauchen eine Heizung und Krankheiten verbreiten sich leicht. Ein Nahrungsvorrat ist unabdingbar in dieser Zeit. Das Gameplay an sich hat also alles, was Vertreter dieses Franchise brauchen. Im Kern macht Surviving the Aftermath alles richtig – lediglich das Setting hätte noch etwas besser ausgekostet werden können.


Für die Nintendo Switch geeignet?


Der Vorteil eines PC ist es, mittels Cursor und der Maus leicht über das Spielfeld navigieren zu können. Bei Konsolen benötigt man die Joysticks und den ebenfalls zugehörigen Cursor. Dieser ist jedoch etwas ungenau. Nicht selten ging der Cursor weiter als ich wollte. Besonders schade finde ich, dass die Stärke der Nintendo Switch nicht ansatzweise ausgeschöpft wurde. Eine Touchscreen-Unterstützung hätte das Spiel in ein wahres Geschenk an Spielspaß verwandelt. Stattdessen muss man sich mit einem ungenauen Cursor und einer nicht intuitiven Tastenbelegungen abgeben. Es kommt leider viel zu häufig vor, dass simple Befehle eine Vielzahl an Tasteneingaben benötigen. Ein Klick auf dem Touchscreen wäre da eine wesentlich effizientere Lösung.


Das Elend nimmt seinen Lauf. Bei Naturkatastrophen wendet sich das Blatt innerhalb von Sekunden!

© Paradox Interactive

Genauso enttäuschend wie die fehlende Touchscreen-Unterstützung ist auch die Grafik. Wenn ihr den TV-Modus nutzt, werdet ihr eine verwaschene, aber durchaus noch erträgliche Grafik erhalten. Beim Wechsel zwischen Siedlung und Oberwelt wird euch allerdings zwischenzeitig ein starker Abfall der Framerate auffallen. Besonders heikel ist die Schriftgröße, die zumindest für meine Augen zu klein ist. An dieser Stelle dachte ich mir, dass ich dieses Spiel dann einfach im Handheld-Modus weiterteste. Schließlich sollte ich dort alles besser lesen können. Was kann denn da schon schiefgehen? Sagen wir es einmal so, die Idee war nicht so gut.


Im Handheld-Modus sind die Gebäude und Texturen überwiegend unscharf und dadurch entsprechend unansehnlich. Manche Gebäude lassen sich nur noch erahnen. Eine so starke Diskrepanz zwischen TV- und Handheld-Modus ist mir bisher nur selten untergekommen. Um die Schrift lesen zu können, musste ich fast schon meine Nase auf das Display drücken. Die Framerate hat unter diesem Wechsel ebenfalls gelitten. Besonders in der Oberwelt, wenn die Spezialisten herumwandern, kommt es zu stärkeren Rucklern. Die Portierung auf die Nintendo Switch kann man also als misslungen betrachten und ist aus meiner Sicht leider nicht den Preis wert, den man im Nintendo eShop zahlen soll.


Der Sound von Surviving the Aftermath ist angemessen. Bei manchen kleinen Missionen oder Abschnitten gibt es einen englischsprachigen Erzähler, der den Text in epischer Manier vorliest. Die Texte selbst sind vollständig auf Deutsch verfügbar. Kleinere Tippfehler oder fehlende Buchstaben sind mir aber im Verlauf des Spiels aufgefallen. Musikalisch ist neben kleineren Dudeleien und Soundeffekten aber nichts spannenderes in dieser Produktion zu finden.


Ebenfalls schwer tut sich das Spiel bei Tutorials. Zwar werden verschiedene Erklärungen immer wieder eingestreut, aber oft nicht deutlich genug ausformuliert. So soll man zum Beispiel ein Kochhaus bauen, erhält eine Erklärung, was das ist, und dass man es bei den Technologien freischalten soll. Wo es aber genau zu finden ist, wird nicht gesagt. Erst, wenn man bei den Technologien auch das Kleingedruckte der zig verschiedenen Forschungsgebiete genau liest, wird man fündig. Das ist eine Umständlichkeit, die man hätte leichter lösen können.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Simon Münch

Diese Nintendo Switch-Portierung wird das Aftermath wahrscheinlich weniger gut überstehen. Die Umsetzung von Surviving the Aftermath ist fast schon eine Frechheit. Die Stärken des Spiels gehen durch die grafische und technische Limitierung leider völlig unter. Die fehlende Unterstützung des Touchscreens ist aus meiner Sicht eine verpasste Chance, da diese eine Bedienung der vielen Menüs wesentlich intuitiver gestalten würde. Das Setting von Surviving the Aftermath ist dagegen genial und bietet viele interessante Elemente, die auch Veteranen des Genres stundenlang in den Bann ziehen werden. Die Kernelemente des Genres sind durch das Planen und Beobachten der Stadtentwicklung klug umgesetzt. Eine Vielzahl an Gebäuden und Upgrades ergänzen diesen Thriller von einem Aufbauspiel. Die Entwickler hätten aber aus meiner Sicht die kleinen Entscheidungs-Sequenzen etwas kniffliger und weniger offensichtlich ausgestalten können. Folgenschwere Entscheidungen könnten den Druck anheben und den Spielspaß intensivieren. Surviving the Aftermath fällt für die Nintendo Switch aus meiner Perspektive aber nichtsdestotrotz leider durch. Wer sich tatsächlich dieser interessanten und empfehlenswerten Produktion annehmen will, sollte lieber den PC als Medium in Betracht ziehen.
Mein persönliches Highlight: Die furchterregenden Naturkatastrophen.

Bestelle dir jetzt Surviving the Aftermath über unsere Onlineshop-Partner

Online kaufen

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 4

  • zig

    Turmheld

    tests solcher spiele finde ich immer super. jetzt bitte noch ein test zu fantasy general 2... :)

  • Karlomir

    Turmritter

    Danke für den guten Test!

  • HuiDerWannenWichtel

    Turmritter

    Ich ziehe vor euch meinen Hut. Sich durch solche Software-Katastrophen durchzufoltern, um einen Test zu verfassen - Respekt!

  • Hightower76

    Turmritter

    Mich erinnern zur Zeit einige Umsetzungen von PC/Konsole auf die Switch an damalige Umsetzungen von Highend-PC auf Schwachbrunst-Amiga (ich hatte den 500er und später den 1200er, der jedoch im Vergleich zum PC auch viel zu leistungsschwach war). Und irgendwann war das Umsetzungsthema Geschichte... :(