Manchmal muss es schnell gehen

Zeitdruck in Videospielen war schon immer ein umstrittenes Thema. Während viele Spieler den strategischen Aspekt schätzen, aus der gegebenen Zeit das bestmögliche herauszuholen, fühlen sich andere gestresst und können dabei nicht wirklich entspannen. Dabei gibt es unterschiedliche Arten, wie gewisse Erfahrungen Druck aufbauen. The Legend of Zelda: Majora's Mask ist womöglich das prominenteste Beispiel unter Nintendo-Fans und lässt Spieler mit den Konsequenzen ihrer Fehltritte leben, indem ein ganzer Zeitzyklus von vorne beginnt. Die Pikmin-Reihe hingegen gibt euch für jeden Tag eine neue Chance, es besser zu machen und bestraft mögliche Missgeschicke lediglich mit einer längeren Spielzeit. Wie auch immer man zum diskutablen System stehen mag, lässt sich eins nicht leugnen: Es war damals, wie auch heute noch außergewöhnlich. Nicht umsonst trauen sich gelegentlich mutige Entwickler an ein eigenes Konzept eines Zeitsystems und geben euch erneut die Chance, womöglich dieses Mal Freude an der Idee zu finden. Treasures of the Aegean wirkt auf dem ersten Blick wie ein gewöhnlicher Platformer im knalligen Comic-Look, setzt die Spielwelt aber alle 15 Minuten wieder auf null.


Behaltet die Uhr immer im Auge.

© Numskull Games

Nachdem die Überreste einer antiken, verlorenen Zivilisation aus dem Ozean steigen und damit verbunden allerlei Schätze und unentdeckte Funde beherbergen, steigt die junge Abenteurerin Marie in den Helikopter ihres zuverlässigen Partners James und macht sich augenblicklich auf den Weg, den Geheimnissen dieser ungewöhnlichen Sensation auf die Spur zu kommen. Selbstverständlich haben es jedoch auch andere Schatzjäger auf die mysteriöse Insel abgesehen und scheuen keine Mittel, Maries Reise so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen. In seinem Grundsatz erzählt Treasures of the Aegean eine absolut durchschnittliche Abenteuergeschichte und weicht nur selten von deren Klischees ab. Da hätten wie zum einen die Protagonistin selbst, welche generell ein einfacher Lara Croft-Abklatsch ist, ohne irgendwelche eigenen Qualitäten zu besitzen. Genauso verhält es sich mit James, der bis auf technisches Wissen und Tutorial-Ratschläge niemals wirklich die Vorzüge seines Charakters präsentiert. Das bedeutet nicht, dass die Charaktere unsympathisch oder schlecht aufgebaut sind. Sie wirken viel mehr wie plumpe Schablonen, denen es ein wenig an Farbe fehlt, um sich von ihren Stereotypen zu unterscheiden.


Anders hingegen sieht es beim Gameplay aus, das unheimlich actionreich abläuft und auf flüssige, ununterbrochene Bewegungen setzt. Mit einfachen Manövern wie einem Wandsprung und der Fähigkeit, durch enge Passagen zu rutschen, fallen die akrobatischen Fähigkeiten zunächst nicht wirklich kreativ aus, funktionieren allerdings tadellos. Die Steuerung ist eingängig und schon in den ersten Sekunden erlernt, während es einige Minuten dauern kann, bis man die Raffinessen der einzelnen Movement-Optionen wirklich verinnerlicht hat. Glücklicherweise habt ihr alle Zeit der Welt dafür, da das Spielgeschehen alle 15 Minuten unterbrochen wird und von vorne beginnt. Gerade die erste Reise in die Vergangenheit kommt wie aus dem Nichts und lässt euch erst mal verarbeiten, was überhaupt geschehen ist. Um mögliche Spoiler zu vermeiden, geht dieser Spieletest nicht auf die erzählerischen Hintergründe des Phänomens ein, da der spielerische Aspekt ohnehin sehr viel spannender ist.


Das Beste aus der Zeit machen


Kommt es zu einem Timeloop, beginnt ihr an einem zufällig ausgewählten Ort auf der Karte wieder von vorne und müsst erneut die Insel erkunden. Erfreulicherweise behaltet ihr jedoch sämtliche Schätze und den generellen Fortschritt bei euch und müsst euch lediglich an die neuen Umstände der Spielwelt anpassen. Obwohl das Spiel versucht zu suggerieren, dass der Startpunkt jedes Mal unsystematisch ist, kommt mehr als einmal das Gefühl auf, dass hinter der Fassade tatsächlich ein Gedanke steckt. Mehrmals wirkte es so, dass ich unauffällig an Stellen teleportiert wurde, die unentdeckte Schätze verbargen oder mich in die richtige Richtung lenken sollten. Wirklich beweisen kann ich diesen Umstand nicht, allerdings ist es gerade diese unbewusste Wegweisung des Spiels, die das ganze Feature überraschend durchdacht macht. Da es möglich ist, an jedem möglichen Punkt auf der Karte wieder zu starten, ist die gesamte Spielwelt schon zu Beginn an vollständig erkundbar. Grundsätzlich mag sich der Fortschritt zwar an Metroid orientieren, jedoch schaltet ihr keine weiteren Fähigkeiten frei, die neue Areale eröffnen. Sowohl Schätze als auch versteckte Wandmalereien sind der Antrieb, die Umgebung im Auge zu behalten und auch wenn die generelle Geschichte leider etwas zu flach ausfällt, ergänzen optionale Schriften die Erzählung mit interessanten Informationen zur Spielwelt.


Stilistisch kann sich das Spiel definitiv sehen lassen.

© Numskull Games

Der Zeitdruck selbst ist wie gehabt extrem geschmacksabhängig. 20 Minuten wären meiner Auffassung nach etwas angenehmer gewesen, trotzdem hatte ich niemals das Gefühl, ständig aus dem Spiel geschmissen zu werden. Dies liegt teilweise an der eingängigen Steuerung, die euch dauerhaft dazu animiert, die Bewegung so ununterbrochen wie möglich aufrecht zu erhalten. Der Zeitdruck fördert diesen Umstand und regt euch somit unauffällig an, die agile Natur des Spielgefühls genauer kennenzulernen, wodurch das Zeitsystem und die Steuerung eine Einheit bilden. Deswegen ist die Eile in diesem Spiel durchdacht implementiert, völlig unabhängig davon, wie man dazu steht. Anstatt den Druck willkürlich einzubauen, um sich irgendwie von der Konkurrenz abzuheben, haben sich die Entwickler Gedanken gemacht, das ganze Gameplay und die Spielwelt um dieses Feature zu errichten. Selbstverständlich ist die Umsetzung aber nicht perfekt und kommt mit einem klaren Mangel daher.


Egal wie bedacht euch das Spiel jedes Mal nach einem Timeloop wieder in die Spielwelt setzt, kann es mehr als nervig sein, wieder an dem Punkt zurückzukommen, an dem ihr unterbrochen wurdet. Vor allem wenn das Ziel in greifbarer Nähe ist und die 15 Minuten beendet sind, gehören frustrierende Momente dazu und variieren je nach Spielart extrem stark. Ich hatte glücklicherweise nur zwei solcher Fälle, kann mir aber vorstellen, dass andere Spieler nicht ganz so vorteilhaft davonkommen und vielleicht schnell die Motivation verlieren. Dem steht die kurze Spielzeit von etwas 5-10 Stunden entgegen, und da ihr jeden Durchlauf aufgrund der Zugänglichkeit der Spielwelt anders planen könnt, macht es immer wieder Spaß, ein neues Abenteuer zu starten. Gerade der Comic-angehauchte Stil gibt dem Spiel die nötige Langlebigkeit und erscheint optisch ausgesprochen ansprechend. Auch die Spielwelt selbst lebt von knalligen Farben und verlässt sich zugunsten der Orientierung nicht auf generische grau-braune Ruinen. Der Soundtrack selbst kann diesen Anspruch leider nicht ganz halten und mag das Geschehen zwar ausreichend unterstützen, bleibt leider aber im Gegensatz zur Grafik nur mäßig in Erinnerung.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Kevin Becker

Treasures of the Aegean lebt von seinem Zeitsystem und wickelt fast jeden Gameplay-Aspekt um dieses Feature. Was für Skeptiker temporärer Ereignisse zunächst abschreckend klingen mag, erweist sich nach einer kurzen Eingewöhnungszeit als unheimlich durchdachtes Gesamtpaket. Die Steuerung ist sowohl flüssig als auch eingängig und aufgrund der schnellen Eigenheiten des Spielgefühls und dem ständigen Drang, keine Zeit zu verlieren, werdet ihr unterschwellig trainiert, das meiste aus euren spielerischen Fähigkeiten herauszuholen. Unterstützt werden die akrobatischen Tricks durch eine offene Spielwelt, die euch sämtliche Gebiete von Anfang an zur Verfügung stellt und somit wie ein einziger großer Spielplatz für allerlei individuelle Routen erscheint. Hier zeigen sich auch die Schwächen des Zeitsystems, da ihr alle 15 Minuten an einen zufällig ausgewählten Ort zurückgesetzt werdet und euch ständig anpassen müsst. Auch die Geschichte erzählt eine oberflächliche Handlung mit unspektakulären Charakteren und wird den optionalen, interessanten Entdeckungen in der Spielwelt nicht gerecht. Trotz alledem ist Treasures of the Aegean ein kleiner Geheimtipp unter den Platformern und geht mit seinen Schwächen so gekonnt um, dass es keine 15 Minuten dauert, bis ihr einen neuen Versuch wagen möchtet.
Mein persönliches Highlight: Die offene Spielwelt in Kombination mit dem Zeitsystem.

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Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 2

  • playersdestiny

    DestinysPlayer

    Klingt sehr interessant. Setze ich auf die Liste der Spiele, die ich mir mal genauer ansehen möchte. Danke für den Test!

  • Danzei

    Turmknappe

    Danke für den Test.


    Habe mir das Spiel jetzt auch geholt. Das Spiel ist eine wirklich schöne Indie-Perle.

    Man hat sich tatsächlich sehr schnell an die Steuerung gewöhnt und es spielt sich richtig flüssig. Der Begriff Parcour-Runner trifft es absolut richtig.


    Was mir sehr gut gefallen hat?

    - Eine riesengroße Karte die es zu erkunden gibt mit einem tollen, individuellen Comic-Grafikstil. Man spürt die Liebe der Entwickler zu ihrem Spiel

    - Ein wunderschöner und passender Soundtrack

    - Zwischendrin (während die Geschichte erzählt wird) kurzweilige Mini-Missionen

    - Ein erfrischendes Zeitschleifen-Prinzip. Man weiß damit genau wie lange eine Spielrunde dauert und ob man noch eine Runde spielen kann/will


    Was ich nicht so gut fand, war etwas die Unübersichtlichkeit auf der Karte wenn man etwas markiert, v.a. da sich diese teilweise nicht mehr löschen lassen.

    Und eine dringende Empfehlung von mir: Von Beginn an Notizen machen, da manche Gegenstände zwischen den Läufen "verloren" gehen und erneut gesammelt werden müssen. Dies ist vom Hersteller so gewollt, aber da einem das Spiel schnell alleine lässt, ist einem das nicht sofort bewusst. Ich habe es leider (unwissentlich) nicht gemacht und musste daher ein paar unnötige Wege machen.


    Ich habe angenehme knapp 20 Stunden gebraucht. Ich würde es vom Schwierigkeitsgrad als nicht sehr hoch einstufen. Also gut durchspielbar für einen Gelegenheitsspieler.


    Auf alle Fälle erhält das Spiel von mir verdiente 8/10 Punkte.


    PS: Im Test steht, dass man nur 15 Minuten für den Durchlauf hat und man sich ab und zu ein paar Minuten mehr Zeit wünscht. Dies ist nicht ganz richtig. Mit jedem gesammelten Schatz füllt sich die Sanduhr und man hat mehr Zeit. Am Ende waren es bei mir fast 23 Minuten (plus weitere Erleichterungen wie Schnellreise und Zeit-Boni)