Vollmundiges Aroma mit Schwächen im Abgang

Lebenssimulationen sind der Hit, sei es nun das Leben als Landwirt wie in Story of Seasons und Stardew Valley oder als Handwerker wie in My Time at Portia. Spieler entfliehen ihrem stressigen Alltag und lassen sich von anderen Berufen in anderen Welten hinreißen. Auch in Epic Chef erwartet euch ein anderes Leben, dieses Mal jedoch als angehender Koch. Das spanische Entwicklerteam Infinigon hat sich hierfür einen sehr passenden Publisher ausgesucht: Team 17, die uns bereits mit dem Kochjuwel Overcooked begeistern konnten. Also an die Töpfe, fertig, los!


Während ihr in anderen Spielen aus diesem Genre zunächst euren eigenen Charakter erstellen bzw. anpassen könnt, stellt euch Epic Chef den jungen Zest direkt zur Verfügung. Ihr landet zu Beginn mit dem Schiff in der Stadt Ambrosia, die bekannt für ihre Köche ist. So ist es auch üblich, dass alle Streitigkeiten zwischen Köchen stets mit einem Kochwettkampf beigelegt werden. Doch bevor es ans Kochen geht, will Zest eigentlich nur sein neu erworbenes Grundstück begutachten. Hierbei stellt sich zu seiner Überraschung heraus, dass es sich um eine komplette Villa mit einem riesigen Anwesen handelt. Es gibt nur ein kleines Problem: Sie soll verflucht sein. Das schreckt Zest natürlich nicht im Geringsten ab, wer hat schon eine eigene Villa?


Neben Gemüse könnt ihr auch noch diverse Gebäude und Gegenstände auf eurem Gelände platzieren.

© Infinigon S.L.

Nach seiner ersten Nacht, in der er aufgrund seines Bettes sehr schlecht geschlafen hat, taucht dann noch ein seltsamer Golem in seinem Vorgarten auf. Dieses sonderbare Wesen hat den Boden seines Anwesens genauer analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass hier besonders viel magische Energie vorhanden ist. Dies wirkt sich positiv auf das Pflanzenwachstum aus, sodass sämtliches Obst und Gemüse wesentlich schneller wächst als an anderen Orten. Praktischerweise gibt euch der Golem sowohl Werkzeug als auch eine kurze Einführung wie ihr in Epic Chef eigene Pflanzen anbaut. Dies ist besonders wichtig, schließlich wird man ja nur ein guter Koch, wenn man auch gute Zutaten verwendet.


Die Handlung von Epic Chef gliedert sich hierbei in Hauptgerichte und Beilagen oder wie man es aus anderen Spielen kennt: Hauptquests und Nebenquests. Während des gesamten Spiels habt ihr stets eine einzelne Hauptquest, die euch euer aktuelles Ziel vorgibt. Hierbei ist häufig nicht ganz klar, wie ihr das Ziel erfüllen könnt. So müsst ihr häufig zuerst irgendwelche besonderen Zutaten finden, ohne dass euch gesagt wird, woher ihr diese bekommen könnt. Hier kommen dann Nebenquests ins Spiel, diese sind nämlich keineswegs optional. Früher oder später müsst ihr die Nebenquests machen, um den Fortschritt in der Haupthandlung weitertreiben zu können. So schaltet ihr nach und nach neue Zutaten, neue Gebäude oder neue Tiere frei, die euch immer komplexere Rezepte kochen lassen.


Mit dem eigenen Restaurant zu Ruhm und Geld.


Bereits sehr früh kommt ihr in den Besitz eines kleinen Restaurants, das ebenfalls für die Haupthandlung wichtig ist. Das Restaurant dient außerdem zur passiven Generierung von Geld. Je nachdem wie bekannt und gut euer Restaurant ist, bekommt ihr zu Beginn jedes Tages einen kleinen Batzen Geld. Dies ist neben dem Verkauf eurer Zutaten auch die zuverlässigste Art, euren Reichtum zu vergrößern. Und ihr werdet eine Menge Geld brauchen… Damit euer Restaurant einen guten Ruf bekommt, benötigt ihr zunächst einmal Tische und Dekoration, schließlich wollen eure Gäste ja gemütlich beim Essen sitzen. Beides lässt sich in einem kleinen Baumenü in eurem Restaurant platzieren. Während ihr zunächst nur wenige Gegenstände bauen könnt, wird die Auswahl im Laufe des Spiels größer. Ein Besuch beim örtlichen Schreiner Jesus sorgt gegen Bargeld für neue Blaupausen. Wenn eure Gäste dann endlich sitzen können, benötigen diese natürlich noch etwas zu essen. Hierfür erstellt ihr eine Speisekarte aus maximal fünf Gerichten. Da jede Kundengruppe unterschiedliche Geschmäcker und Vorlieben hat, müsst ihr diese regelmäßig mit neuen Zutaten weiter optimieren. Die besondere Herausforderung besteht hierbei darin, dass es wesentlich mehr Kundengruppen als Menüslots gibt. Ihr müsst also im Laufe des Spiels immer geschickter planen, wie ihr mit einem einzelnen Gericht mehrere Kundengruppen gleichzeitig zufriedenstellen könnt. Praktischerweise müsst ihr die Gerichte lediglich einmal kochen, um sie auf die Karte zu setzen. Die Gäste selbst müssen nicht wirklich bedient werden, darum kümmert sich Mitrielle, eure Beiköchin.


Ein leckeres Spinnenbein mit einer Krabbe. Die Zutatenauswahl ist teilweise sehr ungewöhnlich.

© Infinigon S.L.

Doch bevor ihr Gerichte auf die Karte setzen könnt, müsst ihr diese natürlich erst einmal kochen. Hierbei kommt das Kochsystem zum Einsatz, welches Epic Chef recht einzigartig macht. Denn im Gegensatz zu anderen Spielen, in denen ihr einfach nur Zutaten in einen Topf werft, gibt es dieses Mal einiges zu beachten. Beginnen wir mit den Grundlagen: Jedes Gericht wird aus drei Zutaten hergestellt, hierbei dürft ihr auch Zutaten mehrmals verwenden. Es entsteht immer ein leckeres Gericht, es gibt also keine frustrierende Fehlschläge. Je nach Zutaten und Reihenfolge entsteht so ein einzigartiges Gericht, das sich optisch von anderen unterscheidet. Nun sollt ihr aber natürlich nicht wahllos irgendwelche Zutaten miteinander vermischen. Jede Zutat hat verschiedene Aromen und Eigenschaften. Die Eigenschaften beschreiben hierbei ein wenig die Herkunft der Zutat und bestehen immer aus zwei Werten: Land, Meer, Magie, Tier, Gemüse oder Gemischt. So ist beispielsweise Seegras eine Kombination aus Meer und Gemüse, ein Panguin-Ei besteht aus Land und Tier. Diese Eigenschaften werden im Laufe des Kochvorgangs wichtig, um bestimmte Zutatenkombinationen zu erzeugen, welche wiederum die vorhandenen Aromen verstärken. Die Aromen selbst unterteilen sich in drei Kategorien: Energie (rot), Leidenschaft (blau) und Raffinesse (gelb). Während den Kochduellen ergeben die nummerischen Werte dieser Aromen eure Punkte.


Habt ihr eure Zutaten gesammelt, begebt ihr euch zu einer Küche. In einem kleinen Minispiel geht es nun ans eigentliche Kochen. Zunächst entscheidet ihr euch für eure erste Zutat und werft diese in die Pfanne. Während des Garvorgangs steigen kleine bunte Blasen auf, die die Aromen repräsentieren. Je länger ihr diese Aromen in der Pfanne lasst, desto mehr Würze bekommt euer Gericht, was wiederum die Reihenfolge im Kochduell beeinflusst. Durch das Umrühren werden die Aromen aufgesammelt und für die spätere Wertung gespeichert. Wollt ihr mehr Würze erzeugen, dürft ihr nicht umrühren (da ja sonst die Aromen weg sind), sondern müsst die Pfanne fleißig schütteln, schließlich soll ja nichts anbrennen. Auf gleiche Weise verarbeitet ihr nun die anderen Zutaten, bis alle drei Zutaten in der Pfanne sind und ihr alle Aromen aufgenommen habt. Danach kann das Gericht serviert werden. Was zu Beginn des Spiels noch recht einfach ist, wird im Laufe der Zeit immer komplexer. Bereits sehr früh werden die Zutatenkombinationen für die Kochduelle relevant. Bestimmte Zutaten erzeugen mit anderen Zutaten oder Eigenschaften nämlich stärkere Aromen. Ihr müsst dann die Auswahl und die Reihenfolge sehr genau überlegen, um das beste aus den Ingredienzien herauszuholen.


Solltet ihr anschließend immer noch Probleme haben, gute Gerichte zu erzeugen, kommt die Geheimwaffe jedes Kochs zum Tragen: Ertränkt euer Gericht einfach in Soße. Soßen sind besonders stark und zählen nicht zu den Zutaten. Ihr könnt also drei Zutaten und eine Soße pro Gericht verwenden. Allerdings auch wirklich nur eine Soße. Die Wirkungsweise variiert hierbei je nach Soße. So gibt es welche, die einfach nur vorhandene Aromen in der Pfanne verstärken oder neue Aromen hinzufügen. Die stärksten Soßen für Wettkämpfe sorgen jedoch dafür, dass Aromen in der Wertung vervielfacht oder negativ bewertet werden. Sowohl bei euren Gerichten als auch bei den gegnerischen. Die Soßen selbst stellt ihr in eurer Villa am Soßenmacher her. Hierfür benötigt ihr ebenfalls verschiedene Zutaten. Neue Soßen wiederum könnt ihr durch Nebenquests oder als Belohnung von Kochwettkämpfen bekommen.


Der Wettkampf wird schwierig, denn der Juror hat besonders hohe Ansprüche.

© Infinigon S.L.

Die Kochwettkämpfe selbst sind der Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Wie bereits anfangs erwähnt, legen Köche in Ambrosia ihre Streitigkeiten in diesen Wettkämpfen bei. Zest selbst schlittert während der Haupthandlung von einem Streit in den nächsten, sodass ihr in der Regel jede Hauptquest am Ende mit einem Wettkampf abschließt. Doch auch außerhalb der Haupthandlung gibt es verschiedene Turnierwettkämpfe, durch die ihr neue Belohnungen wie Soßen, Möbel oder Kleidung freischalten könnt. Die Wettkämpfe selbst unterscheiden sich hier nur minimal im Ablauf. So wisst ihr bei den Wettkämpfen der Haupthandlung, welche Zutaten euch Bonuspunkte geben und könnt euch besser auf diese Wettkämpfe vorbereiten. In den Kochturnieren erfahrt ihr dies erst, sobald ihr das erste Mal gegen euren Kontrahenten angetreten seid. Dafür könnt ihr den Wettkampf beliebig oft wiederholen, solltet ihr nicht gewinnen. Die Wettkämpfe der Haupthandlung setzen euch stattdessen zurück zum Tagesbeginn.


Der Wettkampf selbst läuft in einer bis maximal drei Runden ab. In jeder Runde müsst ihr ein Gericht kochen, das anschließend vom Juror verkostet wird. Die Reihenfolge, in der der Juror die Gerichte pro Runde isst, wird über die Würze entschieden. Dies ist besonders durch die Soßen wichtig, die sowohl eurer Gegner als auch ihr selbst einsetzt. Punktet eurer Gegner beispielsweise durch energiereiche Gerichte, kann es eine gute Strategie sein, vor ihm das Gericht zu präsentieren und mit einer Soße zu würzen, die negative Punkte bei energiereicher Kost beschert. Da jeder Juror seinen eigenen Geschmack hat, verlaufen die Wettkämpfe in der Regel sehr abwechslungsreich. Statt immer die gleichen Rezepte zu verwenden, passt ihr euch an den Geschmack des Jurors an und versucht möglichst viele seiner Lieblingszutaten sinnvoll einzusetzen. Hier entstehen teilweise sehr witzige Rezepte, die ihr außerhalb des Wettkampfes nie kochen würdet. So wird in einem Duell mit verschiedenen Sorten von Holz gekocht, da der Juror lediglich bei Holzarten Bonuspunkte verteilt. Neben den Bonuspunkten fließen anschließend noch die Aromapunkte in die Wertung mit ein. Wer am Schluss die meisten Punkte hat, gewinnt das Duell.


Wenn da nur nicht diese Bugs wären ...


Soviel Spaß Epic Chef auch macht, es beinhaltet leider diverse technische Mängel. Während meiner Spielzeit sind mir zwar keine spielblockierenden Bugs begegnet, allerdings ist das Spiel dennoch nicht fehlerfrei. So tauchen Hinweisfenster mehrmals hintereinander auf und storyrelevante Gegenstände bekommt ihr mehrmals ins Inventar gelegt. Am störendsten ist jedoch der seltsam dröhnende Sound auf dem Gelände der Villa, der euch das Gefühl verleiht, ein Hubschrauber würde gerade direkt neben euch starten. Auch die Ladezeit zwischen Villa und dem Stadtgelände ist ungewöhnlich lange. Während all dies evtl. durch zukünftige Patches noch behebbar ist, leidet das Spiel jedoch an einer bewusst getroffenen Designentscheidung: Alle NPCs haben keinen wirklichen Tagesablauf und stehen einfach nur steif in der Gegend herum. Zu bestimmten Uhrzeiten tauchen dann kurze schwarze Überblenden auf und entfernen einzelne Charaktere bzw. fügen diese neu hinzu. Dies ist einfach nicht mehr zeitgemäß und andere Genrevertreter zeigen hier, wie man durch einfache Bewegungen und Tagesabläufe eine viel lebendigere Welt erzeugt.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Philipp Freibauer

Epic Chef ist meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Spiel, das durchaus neue Ideen beinhaltet. Das gesamte Kochsystem macht viel Spaß und durch die Kombinationsboni finden sich nur sehr selten wirklich nutzlose Zutaten. Einerseits hätte ich mir durchaus mehr Interaktionsmöglichkeiten mit dem Restaurant gewünscht, andererseits ist man mit dem Zutatensammeln und Herstellen in der Regel eh den gesamten Spieltag über ausgelastet. Während in das Kochsystem wohl wirklich viel Arbeit eingeflossen ist, wurden die anderen für Simulationen wichtige Bestandteile ein wenig vernachlässigt. Dies zeigt sich besonders an den NPCs, die alle viel zu steif und leblos wirken. Auch der Umgang mit den bisherigen Bugs gibt noch ein wenig zu denken. Während Spieler der PC Version bereits den ersten Patch mit Hotfixes bekommen hat, warten die Spieler der Nintendo Switch-Version immer noch. Trotz der Bugs entwickelt sich das Spiel dennoch als wahrer Zeitfresser. Nur noch kurz einen Tag machen, nur noch kurz den Wettkampf gewinnen, nur noch kurz…
Mein persönliches Highlight: Das Austüfteln eines neuen Rezepts für den nächsten Wettkampf.

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