Nur die Erinnerung bleibt ...

Stellt euch vor, ihr wacht eines Tages auf und habt keinerlei Erinnerung mehr daran, was eigentlich passiert ist und wo ihr euch befindet. Ungefähr so ist der Beginn von Unreal Life am ehesten zu beschreiben. Zusammen mit dem an Point-and-Click-Adventure erinnernden Gameplay entsteht eine spannende Mischung. Wie gut diese in der Praxis funktioniert, erfahrt ihr nachfolgend.


Ein stimmiger Mystery-Thriller!


Klingt die Story bis hierhin nach seichter 0815-Kost, zeigt sich die Besonderheit bereits innerhalb der ersten Spielminuten. Protagonistin Hal erinnert sich nämlich an nichts außer an eine Person namens „Frau Sakura“. Sie macht sich also auf die Suche nach eben jener Frau und trifft dabei nicht nur auf tierische Helfer, mit denen sie sprechen kann, sondern bekommt eine Ampel an ihre Seite gestellt, die aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten stets den Kontakt zu ihr hält. Um Frau Sakura und ihrer Erinnerung näher zu kommen, kann Hal mit allerlei Gegenständen interagieren und sich die Erinnerung dieser ansehen. Dadurch erhaltet ihr Hinweise zum weiteren Vorankommen und über das, was mit Hal geschehen ist.


Die stimmige Atmosphäre findet sich im gesamten Spiel.

© hako life / SelectaPlay

Wie eingangs erwähnt, erinnert das Gameplay dabei vor allem an Point-and-Click-Adventures. Ihr steuert Hal von Umgebung zu Umgebung (wahlweise sogar per Touchscreen!), unterhaltet euch mit den Charakteren, interagiert mit den Gegenständen, lest Erinnerungen aus und steckt manche der Gegenstände auch in eure Tasche. Diese dürfen an anderen Orten zum Einsatz kommen, um die Geschichte voranzutreiben. Das alles spielt sich dabei wunderbar flüssig und nur selten kommt das Gefühl auf, nicht zu wissen, an welcher Stelle es weitergeht. Zwar wird euer Gehirnschmalz auch ab und an auf die Probe gestellt, jedoch in einem angenehmen Rahmen, der niemals unlogisch oder gar unfair wirkt und das trotz der besonderen Welt, in welcher Hal sich befindet. So müsst ihr beispielsweise an einer Stelle des Spiels sowohl Hal als auch einen kleinen Hund so durch ein Areal führen, dass am Ende eine Blume gegossen werden kann, wodurch sich ein neuer Weg eröffnet.


Insgesamt weiß die Story vor allem dadurch zu begeistern, dass jede Spielmechanik perfekt in die anderen übergeht. Angefangen bei der Optik, über die Dialoge und Steuerung bis hin zur unglaublich guten Einbindung der HD-Vibration bekommt ihr ein sehr stimmiges Abenteuer geboten. Letztere Funktion wird beispielsweise immer wieder eingesetzt, um Hals Schritte auf unterschiedlichen Untergründen darzustellen. So gibt die Vibration verschiedene „Töne“ von sich, wodurch ihr als Spieler perfekt in die Szenerien eintauchen könnt. Selten hat man auf der Nintendo Switch eine solche gewinnbringende Einbindung der Vibration erlebt! Leider tauchen aber vor allem im Bereich der Texte immer wieder nervige Fehler auf. So finden sich sehr viele Stellen im Spiel, an denen die Dialoge nicht im Gesamten dargestellt werden, sondern mitten im Satz abbrechen, und auch einige Programmierhinweise konnte ich entdecken, welche da nicht hingehörten. Dies stört den Moment, zerstört aber nicht den positiven Gesamteindruck.


Was uns wohl erwartet, wenn Hal endlich Frau Sakura findet?

© hako life / SelectaPlay

Wie gern hätte ich im Nachhinein noch mehr Zeit mit sprechenden Pinguinen verbracht. Gerade diese sind mir im Kopf geblieben, da ihr sie an einem Bahnhof mithilfe von Garnelen von Ort zu Ort lotsen müsst, um einen Kran zu aktivieren, welcher letztlich einem verzweifelten Fisch das Leben rettet. Oder auch der Moment, in welchem ich den bereits zuvor erwähnten Hund fernsteuerte, damit sich mir der Weg in eine ominöse Bibliothek offenbarte. Doch auch das eine Mal, als ich einen Hasen-Polizisten mittels eines Apfels ablenkte, um eben jene Bibliothek betreten zu können … Ihr merkt, Unreal Life strotzt vor Absurditäten, die nicht nur erzählerisch spitze sind, sondern auch spielerisch Spaß machen. Das ganze Abenteuer ist für mich ein kleines Gesamtkunstwerk, in welchem diese ganzen absurden Charaktere und Handlungen einfach Sinn machen.


Ich würde euch gerne noch viel mehr davon erzählen, was mich an Unreal Life so begeisterte, aber das wäre euch gegenüber unfair. Das Spiel muss selbst erlebt werden, um die Faszination dahinter zu verstehen. Daher spreche ich trotz kleinerer Fehler eine klare Empfehlung für jeden aus, der auch nur ansatzweise etwas mit Adventures anfangen kann. Fühlt ihr euch dahingehend angesprochen, greift ohne Umschweife zu!


Investieren dürft ihr in das Abenteuer von Hal rund sieben bis acht Stunden, bis ihr das finale Ende seht. Da es jedoch unterschiedliche Enden zu entdecken gibt, können je nach Spielweise noch ein bis zwei weitere Stunden hinzukommen. Insgesamt blicke ich wehmütig zurück, da ich gerne noch mehr Zeit mit Hal und dieser skurrilen Welt verbracht hätte. Lange hat mich kein Spiel mehr so begeistert, woran vor allem das stimmige Gesamtbild schuld ist. Habt ihr das Ende jedoch einmal erreicht, lohnt sich ein zweiter oder gar dritter Durchgang nicht wirklich, da euch alle Wendungen der Handlung bekannt sind und die Überraschungsmomente flöten gehen. Aber auch für diesen einen, in meinem Kopf abgespeicherten Durchgang hat sich Unreal Life für mich definitiv gelohnt.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Maik Styppa-Braun

Unreal Life machte in den ersten Spielszenen einen guten Eindruck und überzeugte dann spielerisch auf ganzer Linie. Rückblickend könnte der Titel wohl zu einem meiner beliebtesten Spiele 2021 gekürt werden, da es vor allem durch seine simple Art in Kombination mit den cleveren Ideen begeistern kann. Selten habe ich ein Spiel gesehen, in welchem einfach jedes Spielelement so gut in das Gesamtpaket passt. Die witzigen Charaktere, die stimmige Spielwelt, die tolle Atmosphäre und einfach die Kombination aus all diesem. Ich hoffe, auch manch ein Entwickler erlebt das Abenteuer von Hal und lässt sich beispielsweise von der Einbindung der HD-Vibration oder dem guten Storytelling inspirieren. Ohne die vielen kleinen Fehler wäre die Wertung wohl noch höher gewesen.
Mein persönliches Highlight: Einfach alles (bis auf die Fehler bei der deutschen Übersetzung).

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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