Solider Genre-Mittelmaß

Was tun, wenn man nach den XCOM-Spielen oder der Fire Emblem-Reihe wieder Lust auf eine Prise Rundenstrategie hat? Man wirft einen Blick in den Nintendo eShop und erfreut sich der doch recht üppigen Auswahl an Titeln, die einem feilgeboten werden. Einer davon ist Reverie Knights Tactics vom Entwickler 40 Giants Entertainment, der euch mit herausfordernden Rundenkämpfen, kleinen Rätseleinlagen sowie einer Geschichte, in deren Verlauf eure Entscheidungen eine wirkliche Rolle spielen sollen, begeistern möchte. Wieso das nur bedingt funktioniert, darauf möchte ich im nachfolgenden Test eingehen.


Die Kämpfe fallen recht herausfordern und knackig aus.

© 1C Entertainment

Elfen. Wir alle kennen sie als die stoischen, meist etwas unterkühlten Gesellen, die problemlos feststellen können, dass Wälder alt sind und die dazu neigen, mehrere Jahrhunderte alt zu werden und dementsprechend über eine Menge Weisheit verfügen. Zu Beginn der Geschichte wird jedoch ein etwas anderes Bild von den spitzohrigen Wesen gezeichnet, denn hier nehmen sie die Rolle von Aggressoren ein, die das Königreich der Goblins militärisch übernehmen und sich fortan über den Kontinent ausbreiten. Dass so etwas auf Dauer nicht gut gehen kann, dürfte beinahe auf der Hand liegen und so brüten die Vertriebenen einen blutrünstigen Plan aus, um ihre einstige Heimat zurückzuerobern und die Besatzer in die Flucht zu schlagen. Was die ersten paar Minuten noch wie eine sehr interessante und erfrischend andere Perspektive anmutet, wird jedoch schnell ins Gegenteil verdreht: Die Goblins erobern die neue Hauptstadt der Elfen, metzeln dabei alles und jeden nieder und werden dabei so bitterböse dargestellt, dass mir der Begriff „Finstergrinser“ direkt in den Kopf schoss. Mehrere Jahre nach diesem Vorfall sollt ihr einen kleinen Trupp in das Feindesland schicken, um gegen die Goblinbedrohung zu kämpfen und ganz nebenbei herauszufinden, was mit einer Spähtruppe geschehen ist, die bereits vor euch aufgebrochen ist. Dabei verfolgt ihr die Geschichte aus der Perspektive von Aurora, einer Magierin, deren Vater Teil der ursprünglichen Expedition war und die sich nun mit ihrer Freundin Brigantine sowie einigen Soldaten aufmacht, um einmal mehr das Schicksal der Elfenhauptstadt zu entscheiden.


Wie bereits erwähnt, ließ mich Reverie Knights Tactics zu Beginn kurz aufhorchen und ich hatte tatsächlich die Hoffnung, dass die Geschichte vielleicht einmal einen etwas originelleren Ansatz wagt, doch diese Hoffnungen wurden schnell wieder zerstört. Die Handlung plätschert bereits von Anfang an in stereotypischen und gewohnten Bahnen und auch die einzelnen Charaktere kommen nicht sonderlich originell daher. So ist eure Freundin Brigantine – wie der Name es vermuten lässt – eine Nahkämpferin in schwerer Rüstung, nicht gerade die Schlauste, total verfressen und immer darauf aus, irgendwo Süßigkeiten herzubekommen. Der Captain eurer Truppe ist ein unerträglich nörgelnder Unsympath und der Koch der Expedition verliert sich in Essens-Floskeln, wann immer es geht. Auch die übrigen Charaktere, die zu euch stoßen, sind nicht viel besser und bedienen sich an den typischen Abziehbildern, die man in einem Fantasy-Setting nun einmal erwartet. Einzig Auroras Charakter könnt ihr etwas formen, indem ihr euch bei manchen Dialogoptionen für eine chaotische oder eine disziplinierte Herangehensweise entscheidet. Die von den Entwicklern beschworenen Auswirkungen auf die Handlung sind zwar vorhanden, beschränken sich aber häufig nur darauf, dass euch manche Charaktere wohlgesonnen sind, wodurch ihr so den einen oder anderen Boni erhaltet – oder eben nicht. Wirklich schwerwiegende Entscheidungen halten sich dabei stets in Grenzen. Und leider bleibt es auch nicht nur bei der Handlung selbst, auch die Dialoge an sich sind eher mittelmäßig und wirken meist eher gekünstelt und gestellt, sodass mein Interesse an der Handlung recht schnell abgeflaut ist.


Wer ein aufmerksames Auge hat, kann mit Blick auf die detailreichen Hintergründe den einen oder anderen Gegenstand einheimsen.

© IC Entertainment

Nun muss ein gutes rundenbasiertes Taktikspiel aber auch nicht zwangsläufig mit einer Handlung aufwarten, die einen die Kinnlade hinunterklappen lässt. Was letztendlich zählt, sind die Kämpfe und die strategischen Möglichkeiten, die euch das Spiel bietet. Und auch hier versagt Reverie Knights Tactics zwar nicht auf ganzer Linie, kann sich jedoch auch nicht so richtig von der Konkurrenz abheben. Die einzelnen Scharmützel laufen rundenweise ab; nachdem ihr eure Kämpfer in einem begrenzten Bereich auf dem Schlachtfeld platziert habt, sind erst die Helden und dann eure Widersacher an der Reihe. Jeder Charakter kann dabei eine oder zwei Aktionen ausführen. Dabei verfügen die Charaktere über ein bestimmtes Repertoire an Fertigkeiten, die bekannten Klassentypen anderer Fantasy-RPGs entsprechen: Aurora ist zum Beispiel die Magierin, die anfangs vor allem Schaden austeilt und später auch heilen kann. Die anderen Charaktere unterteilen sich grob in die Rollen des Tanks (kann viel Schaden einstecken und Gegner an sich binden), des Schadensausteilers (hält wenig aus, kann dafür aber gut austeilen) sowie des Unterstützers, der eure Gruppe mit Buffs stärkt und den Feind schwächt. Zwar beherrscht so gut wie jeder Charakter die eine oder andere Unterstützungsfertigkeit, jedoch ist schnell klar, welcher der Helden wofür im Kampf gebraucht wird.


Ist euer Held an der Reihe, kann er sich entweder bewegen und eine Aktion ausführen, sich etwas weiter fortbewegen und dafür nichts weiter unternehmen, einen Gegenstand verwenden wie zum Beispiel einen Trank schlucken oder Bomben werfen oder ihr nutzt einfach nur eine Fertigkeit und führt diese verstärkt aus. Dadurch teilt ihr zum Beispiel mehr Schaden aus oder eure Gruppe wird effektiver geheilt. Das führt dazu, dass ihr stets abwägen müsst, ob ihr einen Angriff zum Beispiel nur mit halber Kraft oder lieber mit beiden Fertigkeitspunkten ausführt. Zusätzlich verfügen manche der Charaktere noch über einen Manapool, der sich langsam erschöpft, je mehr Fertigkeiten ihr verwendet. Sind all eure Helden an der Reihe gewesen, sind eure Widersacher am Zug, die euch ans Leder wollen.


Die Lokalisation ist leider nicht so gut gelungen.

© 1C Entertainment

Neben den eigenen Fertigkeiten gilt es auch, die Umgebung mit in eure Strategie einfließen zu lassen. Denn häufig stehen Pflanzen, Säulen oder andere Objekte umher, die ihr gegen eure Gegner einsetzen könnt – oder eben umgekehrt. Gerade anfangs können die verschiedenen Umgebungselemente schnell den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen, denn in Sachen Schwierigkeitsgrad schenkt euch Reverie Knights Tactics nichts. Zwar könnt ihr zu Spielbeginn angeben, dass ihr eher leichte Kämpfe erleben wollt, um den Fokus auf die Geschichte zu legen, doch im normalen Schwierigkeitsgrad können bereits die ersten paar Kämpfe zur Herausforderung werden, wenn nicht ansatzweise strategisch vorgegangen wird. Leider ergibt sich der höhere Schwierigkeitsgrad häufig einzig aus der Tatsache, dass euch das Spiel eine große Übermacht an Feinden in den Weg wirft, was zwar völlig legitim ist, jedoch Fehler eurerseits umso gravierender macht, wodurch euch schnell ein Game Over winkt. Das geht mitunter so weit, dass manche Konstellationen in Kämpfen fast schon unfair sind und ein sehr genau abgestimmtes Vorgehen von euch verlangen, wobei auch der Faktor Zufall gut und gerne eine Rolle spielt. Fernab der Kämpfe wird das Spielgeschehen zwischendurch immer wieder durch kleine Rätseleinlagen aufgelockert, in denen ihr zurück in euer Lager reisen und mit verschiedenen Charakteren sprechen müsst, um in der Handlung voranzukommen. Des Weiteren werden all diejenigen unter euch belohnt, die ein aufmerksames Auge haben: Denn in den einzelnen Räumen der verschiedenen Charaktere oder auch einmal in speziellen Gebieten kann man interaktive Elemente finden, nach deren Anklicken ihr nützliche Gegenstände erhaltet – wenn man sich da bei der Entwicklung nicht an den auf Smartphone beliebten Wimmelbildspielen orientiert hat.


Doch nicht nur mit dieser Mechanik hat man sich an den Spielen aus den gängigen Appstores orientiert. Das ganze Artwork und die Spielgrafik wirken eher so wie manche Genrevertreter der Mobile-Games. Das heißt nun nicht, dass Reverie Knights Tactics hässlich sei, die einzelnen Artworks kommen nur in einem recht eigenen Stil daher. Was dafür deutlich klobig und unbeholfen wirkt, sind die Animationen auf dem Schlachtfeld, allen voran die Bewegungsanimationen. Hier wirkt es so, als ob die einzelnen Figuren in einem Panzer stecken und sich erst umständlich drehen müssen, ehe sie hölzern von einem Punkt zum nächsten laufen. Die Steuerung fällt etwas umständlich aus, was jedoch der Fluch der meisten Strategiespiele ist, die mit einem Gamepad gespielt werden müssen. Hier macht Reverie Knights Tactics nicht viel anders als die Konkurrenz und nach einer kurzen Eingewöhnungszeit gehen die einzelnen Kommandos auch recht flüssig von der Hand. Das Spiel wurde zudem ins Deutsche lokalisiert, wobei die Übersetzer einen nicht ganz so fehlerfreien Job abgeliefert haben. Oft hören Sätze mittendrin auf, weil sie für die Textbox zu langsam sind, es fehlen einzelne Buchstaben oder es finden sich Rechtschreibfehler.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Florian McHugh

Reverie Knights Tactics kommt mit einigen ziemlich knackigen Schlachten daher, die Anfänger und weniger versierte Strategen bereits recht früh in die Verzweiflung treiben könnten. Wer jedoch eine Herausforderung sucht, die gelegentlich auch mal ins Unfaire abdriften kann, der dürfte hier fündig werden. Denn neben der Tatsache, dass ihr die einzelnen Fertigkeiten eurer Charaktere stets sinnvoll und gezielt einsetzen müsst, solltet ihr auch immer einen Blick auf eure Umwelt haben, die sich in den Scharmützeln als Fluch und Segen erweisen kann. Erwartet jedoch keine allzu spannende oder epische Handlung, denn obwohl Reverie Knights Tactics verheißungsvoll beginnt, entpuppen sich Geschichte sowie Charaktere eher stereotypisch und können nicht wirklich überzeugen. Dazu kommt eine recht eigene Optik und vergleichsweise hölzerne Animationen, die das Gesamtbild dann doch etwas trüben. Fans von Rundenstrategie können jedoch einen Blick wagen.
Mein persönliches Highlight: Die Umwelt, die in eurer Planung stets mit einbezogen werden sollte.

Bestelle dir jetzt Reverie Knights Tactics über unsere Onlineshop-Partner

Online kaufen

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 4

  • Fang

    Turmheld

    Da werde ich wohl passen. Aber es kommen ja noch genug Taktikspiele dieses Jahr.

  • EdenGazier

    Prinzipal der Spiele

    Ich hatte es auch erstmals mir angeschaut, aber schon ohne es testen zu müssen gewusst, das es nur was Durchschnittliches ist. Zumindest diese Vision eines Spiels, trifft nicht meinen Geschmack

  • lunatic1988

    Wurstkönig

    Da warte ich dann doch lieber auf Triangle Strategy und Advance Wars =) Sah interessant aus aber wirkt doch nicht so für mich geeignet, allein der hohe Schwierigkeitsgrad schreckt mich sehr ab. Bin eher der Chillout-Gamer geworden :D

  • ThyTrueMaverick

    Turmheld

    Hatte die Prolog-Demo auf GoG gespielt und war recht schnell ernüchtert von dem Titel.


    Das traurige ist, dass ausgerechnet die Kämpfe der Knackpunkt an dem Spiel sind, und das, wo 1C Entertainment mit der King's Bounty Reihe eigentlich durchaus bewiesen hat, etwas von Hexfeld-Taktik-Kämpfen zu verstehen.


    Sehr schade, aber Triangle Strategy steht ja schon bald vor der Tür. :mariov: