Das Rhythmus-Spiel der 70er zur Entschleunigung im Alltag

Das Debut-Spiel des Independent-Studios Glee-Cheese möchte euch nicht nur mit visuellen, sondern auch auditiven Mitteln zurück in die 1970er-Jahre locken. Dabei erzählt das Rhythmus-Spiel A Musical Story auch eine Geschichte, die ebenfalls an diese Zeit erinnert. Für mich als großen Fan von Rhythmus-Spielen, der seine Jugend in Guitar Hero verbrachte und später sein Können in osu! unter Beweis stellte, fand A Musical Story sofort Anklang. Inwiefern das storygetriebene Rhythmus-Spiel überzeugen kann, schauen und hören wir uns im folgenden Test mal genauer an.


Ihr begleitet eine kleine Band auf ihrer Reise.

© Digerati

In A Musical Story begleitet ihr den jungen Gabriel bei seiner Reise, eine Band zusammenzustellen, welche sich schließlich auf den Weg zum Pinewood-Festival macht. Fans der Musik dieser Zeit werden sofort eine Verbindung zur Rock-Ikone Jimi Hendrix aufbauen können und finden sich auch in der Musik heimisch. Interessanterweise wird die Geschichte jedoch ohne jegliche Textpassagen erzählt und verlässt sich ausschließlich auf Bilder, die dementsprechend musikalisch unterstützt werden. Nach und nach kann Gabriel also seine Band zusammenstellen und sie starten klassisch in einem Tour-Van zum Festival und erleben unterwegs allerlei abgefahrene Dinge. Die Geschichte war interessant aufgemacht und vor allem als Debut-Titel eine riesige Herausforderung, diese zu erzählen, ohne auch nur einen Buchstaben zu verwenden. Stattdessen wurden, wie angesprochen, ausschließlich Bilder genutzt – mal animiert, mal nur Standbilder. Der verwendete Zeichenstil ist dabei besonders. Ich bin nicht sehr bewandert mit Kunst und kann daher nicht beschreiben, welchem Stil sich A Musical Story zuordnen lässt, aber die minimalistische Aufmachung war unheimlich hübsch und habe ich selten zuvor gesehen. Hin und wieder gab es einen Stilbruch durch Animationen anderer Art, was noch mal neuen Schwung in die Bilder brachte, der mir persönlich sehr gut gefallen hat. Im Kontrast dazu steht leider die Geschichte, welche mich persönlich nur bedingt überzeugen konnte, was eventuell der recht langsamen Erzählart geschuldet ist.


Loops als zentrales Setting


Die Geschichte wird in 24 Kapiteln erzählt – eines könnt ihr zusätzlich freischalten, solltet ihr jedes Kapitel von vorne bis hinten fehlerfrei abschließen. Sollte euch das nicht gelingen, endet das Spiel in einem Loop und wiederholt sich – ähnlich wie die rhythmischen interaktiven Elemente. Jedes Bild wird zu Beginn in einem Kreis eröffnet und schließt sich kurz darauf wieder. Drumherum bilden sich daraufhin die rhythmischen Elemente, die sich zusammen mit der Musik auftun. Nun spielt das Teilkapitel durch – sollte euch ein Fehler unterlaufen, fährt dieses zwar fort, startet aber erneut und wiederholt sich – wie in einem Loop eben. Solltet ihr also ein Element mal nicht treffen, müsst ihr den vollständigen Loop abwarten, bis ihr wieder von vorne beginnen könnt. Dieses Element ist aber hervorragend integriert und Fehler haben sich weder auditiv noch visuell bemerkbar gemacht und resultierten nicht im Stocken des Spiels. Lediglich ein kleiner Fehlersound in Form von schiefen Noten ertönt, wenn ihr einen Fehler begangen habt. Diese Loops sind kurz genug, dass diese zwanghafte Wiederholung nur bedingt stört. Allerdings müsst ihr wirklich jedes (Teil-)Kapitel ohne Fehler meistern, sonst wird die Geschichte nicht fortgesetzt. Das kann teilweise sehr frustrierend sein, wenn es sehr viele, teils schwierige rhythmische Wechsel gibt. Hier soll aber ein Indikator Abhilfe schaffen, der auftaucht, solltet ihr den Loop schon einige Male probiert haben und euch weiterhin Fehler passieren. Diesen könnt ihr auch im Menü selbst von Anfang an aktivieren, sodass A Musical Story zugänglicher wird – beachtet hierbei aber, dass dann das Sammeln von Sternen nicht möglich ist. Einen Stern für ein Kapitel erhaltet ihr, wenn ihr es von vorne bis hinten in einem Rutsch fehlerfrei abschließt.


Die Steuerung wurde sehr simpel und zugänglich gehalten.

© Digerati

A Musical Story ist leicht zu erlernen, aber schwierig zu meistern. Die Steuerung beruht lediglich auf „links“ und „rechts“; nach einigen Kapiteln müsst ihr manche Noten länger halten. So komplex ist die grundlegende Steuerung also nicht und ich hätte mir hier mehr Tiefe gewünscht. Die Einbindung weiterer Knöpfe hätte mehr Möglichkeiten gegeben, den Schwierigkeitsgrad anzupassen. Ich vermute aber, A Musical Story möchte die Steuerung bewusst eher einfach halten. Komplexität kommt nämlich definitiv mit den verschiedenen Rhythmen ins Spiel, die für mich oft nicht sehr nachvollziehbar waren. Wie gesagt, spiele ich seit Jahren Rhythmus-Spiele, welche für mich leichter nachzuvollziehen waren als A Musical Story. Ich empfand das grundlegende Element des Rhythmus-Spiels – nämlich im Takt die Noten zu treffen – teilweise unheimlich schwierig, sodass sich bei mir nicht selten der helfende Indikator einschalten musste. Schnell habe ich aber eine Lernkurve bemerkt und mich in die Rhythmen eingefunden, sodass ich ab der Hälfte des Spiels ziemlich gut durchkam und nur noch selten Probleme mit den Leveln hatte. Allerdings muss gesagt werden, dass es keine Möglichkeit zur Kalibrierung gibt. Heißt also, ihr müsst mit Sound und Input leben, den ihr habt – außer ihr spielt im Handheld-Modus. Je nachdem, welchen Fernseher ihr besitzt, kann euch die Latenz und Verzögerung zwischen In- und Output nämlich Probleme bereiten.


Nun kommen wir aber zum Herz von A Musical Story: die Musik. Diese lehnt sich ebenfalls an die 1970er-Jahre an und besteht aus insgesamt 26 Liedern. Wie die Bilder ist auch die Musik sehr psychedelisch und oft langsam, aber nie langweilig. Es gab sehr träge Tracks, aber auch schnelle Beats, die eine adäquate Abwechslung ins Spielgeschehen brachten. Hier spielt auch der Loop wieder eine große Rolle: Jeder Track in jedem Kapitel baut sich langsam auf. Habt ihr einen Abschnitt gemeistert, wird das Instrument vollständig integriert und ein neues kommt hinzu. Nach und nach werden neue Instrumente im Track vorgestellt und finden ihren Platz im Sound. Diese Funktion möchte ich gerne positiv hervorheben – die gesamte Aufmachung mit Hintergrund der Loops ist fantastisch umgesetzt, sowohl visuell, auditiv als auch durch die Geschichte. Die angesprochenen Instrumente reichen von Gitarre über Melodica bis hin zum Schlagzeug und übertreffen gewohnte Soundtracks von anderen Spielen. Hier muss A Musical Story aber auch punkten und überzeugen.


Lehnt euch zurück – und genießt!


A Musical Story soll entschleunigen. Die Entwicklerinnen und Entwickler des französischen Glee-Cheese Studio möchten, dass ihr euch Zeit nehmt und euch ein wenig dem sonst stressigen und schnellen Alltag entzieht. Nicht selten übermittelte das Spiel ein Gefühl, das Trägheit und Gelassenheit in euch auslösen soll. Die Rhythmen sind überwiegend langsam und die Musik sehr ruhig – das sollen sie auch sein. Die Geschichte ist nett, aber auch nichts Besonderes, was vielleicht auch wie gesagt der recht langsamen Erzählart geschuldet ist. Das ist vermutlich aber auch gar nicht der Anspruch von A Musical Story, sondern ein begleitendes Motiv. Die rhythmischen Einspieler und die Musik stehen im Vordergrund und haben selten von der Geschichte abgelenkt. Solltet ihr aber eher ungeduldiger Natur sein, ist A Musical Story vielleicht nichts für euch. Ein Blick und ein Hinhören können aber bei dem recht kurzen Spiel auf jeden Fall nicht schaden; es erweitert auf jeden Fall den Videospiel-Horizont.


Noch kurz ein wenig zur technischen Leistung: Grundsätzlich lief das Spiel sowohl im Handheld- als auch im Docked-Modus flüssig. Trotzdem hatte ich das Gefühl, A Musical Story läuft geschmeidiger im Handheld-Modus, was an der oben angesprochenen Latenz zwischen Fernseher und Konsole liegen kann. Zudem werden Kopfhörer empfohlen, die auch eher im Handheld-Modus zum Einsatz kommen. Zwar könnt ihr das Spiel mit Bluetooth-Kopfhörern kabellos am Fernseher spielen, habt dadurch aber doppelten Delay, was wirklich nicht zu empfehlen ist. Meine präferierte Kombination war also der Handheld-Modus mit kabelgebundenen Kopfhörern.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Michael Barg

Ich habe mich sehr über den Release von A Musical Story gefreut. Zu Beginn war ich ein wenig verwirrt von der minimalistischen und ruhigen Art des Spiels, bis ich merkte, dass es absichtlich so gestaltet ist. A Musical Story nimmt euch auf eine ruhige musikalische und psychedelische Reise mit und möchte, dass ihr die Musik wahrnehmt und als Kunst wertschätzt. Diese Wertschätzung kommt auch durch das Kontrastprogramm zum sonst stressigen Alltag zustande. Auditiv und visuell macht das Spiel einiges her, hätte aber noch ein wenig mehr Spieltiefe vertragen können und die Geschichte etwas mehr Pep. Vor allem die Musik ist hervorragend und hat nicht umsonst bereits Preise bei Game-Festivals abgeräumt. Eine Kalibrierung sollte meines Erachtens nach aber nachgereicht werden, die zum Testzeitpunkt noch fehlt, damit die Latenz verschiedener TV-Geräte behoben werden kann. Aber auch mit Kalibrierung sind manche, vor allem anfängliche Teilkapitel rhythmisch sehr schwer zu spielen und könnten euch frustriert zurücklassen – dafür ist die Lernkurve aber umso befriedigender. Insgesamt ist A Musical Story eine empfehlenswerte Erfahrung, die euch für ein paar Stunden auf einen beruhigenden Trip mitnimmt.
Mein persönliches Highlight: Die tolle Musik und die minimalistischen, aber eindrucksvollen Bilder.

Die durchschnittliche Leserwertung

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