Ein interessantes Horrorspiel mit ungenutztem Potenzial – Gott sei Dank

Richtig gute Horrorspiele sind selten. Zwar gibt es unzählige Vertreter des Genres, die zumindest den Versuch wagen, die geneigte Spielerschaft in Angst und Schrecken zu versetzen, das Adrenalin steigen und das Herz schneller schlagen zu lassen, doch nicht immer gelingt das. Da Horror per se oft eine subjektive Geschichte ist, kann ich hier natürlich nur aus meiner Sicht sprechen, doch Spiele wie Layers of Fear oder das erste Amnesia schafften es immer wieder, dass ich teilweise nicht einmal die Tür zum nächsten Raum öffnen wollte, da ich schon fürchtete, was mich dahinter erwarten würde. Don’t Be Afraid wollte mir auch das Fürchten lernen und wie es das geschafft hat, wenn auch auf eine sicher nicht ganz gewollte Art, das möchte ich euch im folgenden Test näher erläutern.


Wir sind anscheinend nicht das erste entführte Kind.

© Drageus Games

Setzen wir zuerst einen Haken hinter die Handlung des Spiels. Denn zu der kann ich euch nur oberflächlich etwas erzählen, ohne Gefahr zu laufen, euch zu spoilern. Ihr schlüpft in die Rolle von David, einem kleinen Jungen, der von einem Mann namens Franklin entführt wurde und der sich im Keller eines Hauses wiederfindet. Sein Kidnapper möchte mit David ein bizarres und krankes Spiel spielen, bei dem es um nichts Geringeres als euer Überleben geht. Im Laufe der Geschichte erfahrt ihr auf verschiedene Weise mehr über Franklin sowie auch andere Kinder, die das gleiche Schicksal wie ihr erleiden mussten und kein Glück bei ihrer Flucht hatten. Daraus bildet sich im Laufe der Handlung ein recht dunkles und verstörendes Bild über den Mann, der euch von Zuhause entführt hat. Zwischendurch springt das Spiel erzählerisch auch in eine Rückblende, die euch nachspielen lässt, wie Franklin eurer überhaupt habhaft werden konnte. Ohne groß weiter ins Details zu gehen sei abschließend zur Handlung noch zu sagen, dass diese mit der einen oder anderen Wendung daherkommt und vor allem das Ende zu überraschen weiß – der Weg dahin ist jedoch häufig ziemlich vorhersehbar und auch teils recht klischeehaft aufgebaut.


Ziel des Spiels ist es, vom Keller aus das Haus zu verlassen, wobei die Bereiche des Hauses in einzelne Level unterteilt sind. Spielerisch ergeben sich durch die Tatsache, dass ihr einmal nicht als Erwachsener, sondern als Kind durch die Welt stapft, einige Möglichkeiten, die Don’t Be Afraid mal mehr, mal weniger nutzt. Allein durch eure geringere Größe fallen einige Interaktionsmöglichkeiten weg, die einer großen Spielfigur zur Verfügung stehen würde. Dadurch ergibt sich mitunter auch ein gewisses Ohnmachtsgefühl, wenn eine vermeintlich simple Aktion, wie das Erreichen eines Kopfes auf einem Mannequin, plötzlich zu einem Rätsel wird, indem ein Stuhl gesucht werden muss. Leider sind solche Momente eher die Seltenheit und abgesehen von der ungewohnten Perspektive ergeben sich spielerisch keine allzu großen Änderungen im Vergleich zu anderen Vertretern des Genres.


Jetzt heißt es aber schnell wegrennen!

© Drageus Games

David führt die meiste Zeit eine Kerze mit sich, deren Licht ihm zum einen eine bessere Sicht ermöglicht, zum anderen dafür sorgt, dass er sich überhaupt traut, sich vorwärts zu bewegen. Ihr werdet immer wieder an Stellen kommen, an denen eure Kerze ausgepustet wird und ihr zuerst für eine neue Lichtquelle sorgen und dann herausfinden müsst, wie ihr diese Stellen geschickt umgeht. Daneben verfügt David über einen Rucksack, mit den er Gegenstände, die er in dem Haus auffindet, verstauen und nutzen kann. Die Rätsel bleiben dabei stets auf einem sehr simplen Niveau, sodass ihr meistens irgendwo in dem jeweiligen Gebiet einen Schlüssel oder verschiedene Gegenstände aufsammeln und diese an der richtigen Stelle verwenden müsst. Dabei ist es stets ratsam, die Augen nach Hinweisen offen zu halten, da ihr ansonsten an manchen Stellen ziemlich lange umherirren könnt, ohne zu wissen, was als nächstes von euch verlangt wird.


Neben den Rätseln erwartet euch in fast jedem der einzelnen Teilbereiche ein Gegner, der euch ans Leder möchte. Hier geht das Spiel teils ein bisschen ins Fantastische über, denn eure Widersacher sind zu einem großen Teil nicht mehr wirklich als menschlich zu bezeichnen. Das Vorgehen ist dabei jedoch immer dasselbe: Ihr seid das wehrlose Kind, euer Gegenüber will euch umbringen und daher müsst ihr ihnen geschickt entgehen. Das fällt, bis auf eine Stelle im Spiel, auch relativ einfach aus, denn die künstliche Intelligenz der Bösewichte ist recht dürftig und reicht von festgelegten Laufpfaden bis zu vorhersehbaren Verhaltensmustern. Das ist spielerisch alles andere als anspruchsvoll, jedoch sind manche der Gegner wirklich gelungen ekelhaft geworden, was sicher gut zum Horror beigetragen hätte. Leider haben die Entwickler es mit dem Gruselfeeling etwas übertrieben. So singt eines der Biester eine Art Kinderlied, das mir im ersten Moment wirklich einen Schauer über den Rücken gejagt hat – nur um es dann in einer Art Dauerschleife zu wiederholen, inklusive der Ansage, dass es mich nun suchen kommt. So wurde das Horrorgefühl schnell mit Entnervung ausgetauscht.


Dreht den Puppen bloß nicht zu lange den Rücken zu.

© Drageus Games

Spielerisch kann Don’t Be Afraid also nicht ganz so sehr überzeugen, doch wie sieht es mit dem Horroraspekt aus? Schließlich greift das Spiel auch teils sensible Themen wie Kindesmissbrauch und Folter auf. Hier hätten sich viele Möglichkeiten ergeben, richtiges Entsetzen zu verursachen, doch diese Trumpfkarte wird erst im letzten Teil der Handlung ausgespielt, wenn sich Franklins ganze sadistische Ader zeigt und ihr aus den Augen Davids dem menschlichen Horror entkommen müsst. Doch die übrigen Dreiviertel des Spiels kommt die Antwort auf die Frage, ob Don’t Be Afraid wirklich gruselig ist, eher auf einen Umstand an: Findet ihr Jumpscares gruselig? Wenn ja, dann werdet ihr euch das eine oder andere Mal ziemlich fürchten. Wenn nicht, dann reichen die angedeuteten und gelegentlich auch sichtbaren Elemente nicht wirklich aus, um wirkliche Furcht zu erzeugen. Es stellt sich die Frage, ob sich die Entwickler mit der grundlegenden Thematik nicht selbst einen Bärendienst erwiesen haben. Denn um das volle, verstörende und furchterregende Potenzial des Szenarios zu nutzen, hätte es mehr als das letzte Drittel gebraucht und ich bin mir ziemlich sicher, dass das eindeutig zu viel des Guten gewesen wäre. So wird hier ein Spagat versucht, der leider nicht gelingt.


Grafisch merkt man dem Titel zudem auch an, dass das Budget nicht sonderlich groß gewesen sein kann. Die Optik erinnert vor allem auf der Nintendo Switch an Spiele aus den 2010er-Jahren, als zum Beispiel das erste Amnesia erschienen ist. Was wiederum gut gelungen ist, ist die Soundkulisse und vor allem der Sprecher von Franklin, dessen Lache locker in einem Joker-Imitationswettbewerb den ersten Platz einheimsen würde. Man kauft dem Sprecher den wahnsinnigen Entführer durchgehend ab und wenn er sich mit David über die verteilten Lautsprecher unterhält, bekommt man ein gutes Gefühl davon, was hier alles möglich gewesen wäre.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Florian McHugh

Don’t Be Afraid kommt mit einer sehr interessanten Prämisse daher, die eindeutig das Zeug zu verstörendem Horror hätte, dann jedoch nicht konsequent umgesetzt wird. Vielleicht ist das auch besser so, denn ob das Spiel so, wie es in seinem letzten Teil abläuft, auch die gesamte Zeit ertragbar gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln. Leider ist der Weg hin zu diesem Teil der Handlung mit recht simplen Rätseln und Verfolgungsjagden gesäumt, die spielerisch nicht durchgehend überzeugen können. Wer einmal ein Horrorspiel mit einer etwas anderen Thematik und einem doch recht anderen Ende erleben möchte, der kann das Geld wagen. Bei knapp 2-3 Stunden Spielzeit – je nachdem wie ihr euch anstellt – seid ihr auch nicht allzu lange an die Nintendo Switch gefesselt.
Mein persönliches Highlight: Das Ende sowie der Sprecher von Franklin.

Die durchschnittliche Leserwertung

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