Ein Geschwisterpaar auf Rettungsmission

Edge of Eternity wurde 2015 über Kickstarter finanziert und hatte sich dort bereits hohe Ziele gesetzt. Durch das kleine Entwicklerteam von Midgar Studio wurde 2018 das erste Kapitel des RPGs in einer Early-Access-Phase für den PC veröffentlicht und stückchenweise auf die heutigen sechs Kapitel erweitert. Dennoch ist vom ursprünglichen Kickstarter-Konzept nicht mehr viel übrig geblieben, als das Spiel 2021 schließlich offiziell veröffentlicht wurde. Nun, sechs Monate später, folgen die Konsolenversionen, darunter auch eine Cloud-Version für die Nintendo Switch.


Die Umgebung ist abwechslungsreich und durchaus auch düster.

© Dear Villagers

Kernstück jedes Rollenspiels ist meistens die fesselnde und spannende Story. Diese nimmt in Edge of Eternity leider nur langsam an Fahrt auf. Ihr schlüpft zu Beginn in die Rolle von Daryon, einem jungen Soldaten, der in den Krieg gegen die Archeliten geschickt wird. Hierbei handelt es sich um eine außerirdische Besatzungsmacht, die den Planeten vor vielen Jahren angegriffen hat. Leider wird Daryons Team Stück für Stück ausgeschaltet, sodass am Ende nur noch er selbst übrig bleibt. Dieser muss miterleben, wie mehrere Menschen von einer rätselhaften Gestalt in einem Ritual geopfert werden, um die Streitmacht zurückzuschlagen. Traumatisiert von diesem Vorgehen beschließt der Protagonist zum Deserteur zu werden und vom Schlachtfeld zu fliehen. Praktischerweise erhält er zur etwa gleichen Zeit von seiner Schwester Selene einen Brief, in dem er darum gebeten wird, nach Hause zu kommen. Daryons Mutter ist an der „Zersetzung“ erkrankt, eine tödliche und unheilbare Krankheit, die den Körper langsam in ein Monster verwandelt. Die Geschwister wollen das natürlich nicht hinnehmen und gehen auf die Suche nach einem Heilmittel.


Was sich jetzt zunächst wie eine spannende Geschichte anhört, krankt jedoch an mehreren Ecken. Wie bereits anfangs erwähnt, wurde Edge of Eternity kapitelweise veröffentlicht. Genau so fühlt sich auch die Handlung an. Regelmäßig werden Ereignisse und Personen eingeführt, die im Verlauf der Handlung komplett an Relevanz verlieren. So beschließt die Gruppe, eine silberhaarige Göttin zu suchen, die bereits einen Menschen von der Zersetzung geheilt hat. Bereits ein Kapitel später ist uns die Göttin aber komplett egal geworden und wird im Laufe des Spiels auch nicht mehr wirklich erwähnt. Die rätselhafte Gestalt am Anfang stellt sich als „der Imperator“ heraus – auch seine Motive und seine Herkunft werden nie aufgeklärt. Am Ende des Spiels bleiben hier nur Fragezeichen, was jedoch dem Umstand geschuldet sein könnte, dass das letzte Kapitel nie veröffentlicht wurde und die Story so, wie sie jetzt ist, als abgeschlossen gilt. Schade, hier hätte man noch viel mehr herausholen können.


Lange Zeit besteht die Party nur aus zwei Charakteren


Neben der Handlung leben die Rollenspiele von ihren Charakteren. Ungewöhnlich lange streift ihr zu zweit durch die Open World von Edge of Eternity. Daryon spielt sich hierbei wie ein klassischer Schwertkämpfer. Er sucht die Nähe zu den Feinden und hat einen großzügigen Lebenspunktepool. Der Gegensatz hierzu ist seine Schwester Selene. Diese wurde in den Künsten der Magie unterwiesen und greift lieber aus der Ferne mit allerlei Zaubern an. Das Geschwisterpaar überzeugt hierbei charakterlich. Beide würden für den jeweils anderen ihr Leben geben, auch wenn sie nicht immer derselben Meinung sind. Im späteren Verlauf des Spiels kommen noch drei weitere feste Partymitglieder dazu, wobei ihr im Kampf nur vier verwenden könnt. Alle Charaktere spielen sich hierbei etwas unterschiedlich und bringen ihre eigenen Stärken und Schwächen mit.


Jeder Charakter verfügt auch über eigene Ausrüstung. Während die normale Rüstung von mehreren Partymitgliedern verwendet werden kann, sind die Waffen immer auf spezielle Personen zugeschnitten. So sind alle Schwerter ausschließlich von Daryon verwendbar, während alle Stäbe für Selene gedacht sind. Das Besondere an den Waffen ist, dass diese im Laufe der Kämpfe ebenfalls mitleveln. Jede Waffe besitzt hierfür einen Maximallevel, bis zu welchem sie stärker wird. Darüber hinaus haben alle Waffen Sockelplätze für sogenannte Kristalle. Hier entsteht ein sehr spannendes Spielelement, denn diese Sockelplätze sind wie eine Art Fähigkeitsbaum gestaltet. An jeder Verzweigung könnt ihr euch für eine Richtung entscheiden und die anderen Richtungen werden anschließend gesperrt. Diese Entscheidungen könnt ihr jederzeit widerrufen und so eine Kristallkombination wählen, die für die aktuellen Gegner am besten geeignet ist.


Die Kristallsockel unterscheiden sich bei jeder Waffe. Auch die einzelnen Pfade sollten genauer betrachtet werden.

© Dear Villagers

Innerhalb dieses Fähigkeitenbaums haben die Sockelplätze eine von sechs möglichen Farben. Nur Kristalle mit der entsprechenden Farbe können in diese Sockel platziert werden. In einen roten Sockelplatz passt also nur ein roter Kristall. Die Kristalle selbst geben euch verschiedene Statusboni, aber auch neue Fähigkeiten. So gibt es beispielsweise rote Kristalle, mit denen Daryon den Feuerschlag lernt oder Selene den Feuerriss-Zauber. Gleichzeitig hat jeder Sockelplatz noch einen festen Statusbonus, wenn er gefüllt ist. Das regelmäßige Aktualisieren eurer Kristalle ist der Schlüssel zum Erfolg. Während neue Waffen im Laufe des Spiels immer mehr Sockelplätze bekommen, habt ihr zu Beginn jedoch immer das Problem, dass die neue Waffe auf Level 1 beginnt. Hier habt ihr meistens nur Platz für zwei Kristalle, wodurch gerade bei Selene der Waffenwechsel zum Verlust von Kampfkraft führt und ihr dringend an normalen Monstern etwas Aufleveln solltet.


Hierfür könnt ihr in der Open World die umherstreifenden Gegner mit einem Eröffnungsangriff überraschen. Doch bevor ihr diesen ausführt, solltet ihr eure Umgebung genau im Blick haben. Andere Gegner in der Nähe werden beispielsweise ebenfalls in den Kampf involviert. Aber auch das Gelände um euch herum kann einen Kampf positiv oder negativ beeinflussen. Geschütztürme können von euch im Kampf verwendet werden, farbige Kristalle können euch und eure Gegner heilen oder ihre Statuswerte erhöhen. Gerade bei den umherstreifenden Minibossen solltet ihr besser an alles denken, sonst sieht eure Gruppe schnell die Radieschen von unten. Die Kämpfe selbst laufen auf sogenannten Nexusfeldern ab. Diese sind hexagonförmig und können von mehreren Mitgliedern der gleichen Gruppe betreten werden. So können auf einem Nexusfeld beispielsweise alle eure Partymitglieder stehen oder ein bzw. mehrere Gegner. Die Bewegung auf ein anderes Nexusfeld stellt hierbei eine der Kampfaktionen dar.


Im Kampf setzt Edge of Eternity auf ein taktisches Kampffeld. Auf den roten Feldern befinden sich bereits Feinde.

© Dear Villagers

Im Kampf kommt ein Action-Time-Battle-System zum Einsatz, wie ihr es vielleicht von Final Fantasy-Spielen kennt. Jeder Charakter hat hierbei einen kleinen Balken, der sich im Laufe der Zeit füllt. Ist der Balken voll, dann darf der Charakter eine Aktion ausführen. Wie schnell sich der Balken füllt, könnt ihr über eure Statuswerte beeinflussen. Gerade bei Selene solltet ihr darauf achten, dass sie etwas schneller wird. Ihre Flächenzauber visieren nämlich ein Nexusfeld an und keinen Gegner. Seid ihr mit ihr zu langsam, dann bewegen sich die Gegner vom Feld weg, bevor Selene mit dem Wirken ihres Zaubers fertig ist und die Wirkung verpufft im Nichts. In den Kämpfen könnt ihr mit euren Ressourcen (Lebenspunkte, Energie, Mana, …) verschwenderisch umgehen und ruhig aus den Vollen schöpfen, denn am Ende jedes Kampfes werden diese immer wieder komplett aufgefüllt. Auch besiegte Charaktere sind am Ende des Kampfes wieder aktiver Teil eurer Truppe. Dies macht das Aufleveln der einzelnen Charaktere sehr angenehm, da ihr eure Heiltränke für Bossgegner aufsparen könnt. Und bei denen werdet ihr sie definitiv brauchen, denn die Bossgegner in Edge of Eternity stellen wirklich eine Herausforderung dar. Sollten die Kämpfe für euch zu schwer sein, könnt ihr in den Optionen neben einem vordefinierten Schwierigkeitsgrad auch eine feinere Justierung über einen Schieberegler vornehmen. Doch Vorsicht: Selbst auf der niedrigsten Schwierigkeit sind die Gegner kein Pappenstiel.


Das Leid der Cloud-Versionen


Schließlich noch einige Worte zur technischen Umsetzung, denn diese ist aus meiner Sicht der größte Kritikpunkt. Bei der Nintendo Switch-Version von Edge of Eternity handelt es sich um eine Cloud-Version. Während ich dem Cloudgedanken grundsätzlich nicht negativ eingestellt bin und durchaus die Vorteile darin sehe, stellt sich mir hier dennoch die Frage: Warum? Das Spiel wirkt grafisch zwar sehr ansprechend, dennoch sollte die Nintendo Switch es problemlos auch nativ abspielen können. Auch komplexere Berechnungen oder ähnliches kann ich auf Anhieb nicht sehen, wodurch die Cloudumsetzung einfach nur überflüssig wirkt. Noch dazu ist die Umsetzung alles andere als gut und reibungslos.


Der größte Spielspaßkiller ist hierbei der Game-Over-Bildschirm. Als wäre es nicht schon frustrierend genug eine Schlacht zu verlieren, werdet ihr bei Edge of Eternity direkt in den Bildschirm mit der Cloudserver-Verbindung zurückversetzt. Ihr müsst euch also erneut auf dem Server anmelden, warten, einen Ladebildschirm ertragen, im Menü „Fortsetzen“ auswählen und wieder einen weiteren Ladebildschirm ertragen. Wieso kann man bei einem ungewollt vorzeitigen Spielende nicht einfach direkt den Spielstand laden? Bereits bei recht kurzer Inaktivität warnt euch das Spiel auch davor, dass ihr in Kürze ausgeloggt werdet. Dies führt sogar so weit, dass ihr selbst in den Zwischenszenen diesen Warnhinweis bekommt. Eine längere Zeitspanne wäre hier definitiv angebracht. Auch bei den deutschen Bildschirmtexten sollte nochmals nachgearbeitet werden. Regelmäßig finden sich Passagen, in denen einfach keine deutschen Texte vorhanden sind, sondern nur das englischsprachige Original angezeigt wird.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Philipp Freibauer

Selten hat ein Spiel bei mir für solch eine gemischte Stimmung gesorgt. Während der Anfang des Spiels noch mühsam und schleppend war, nahm für mich der Spielspaß mit dem dritten Partymitglied spürbar zu. Tatsächlich empfinde ich den mittleren Teil des Spiels als Highlight, danach flacht das Ganze aber wieder spürbar ab. Die Geschichte wird immer verwirrender, die Kämpfe werden immer zäher. Am Ende kämpft man sich durch schlauchartige Level, in denen jeder Gegner besiegt werden muss und auch der taktische Kampfstart wegfällt. Über all das könnte ich noch mit einem geschlossenen Auge hinwegschauen, aber die aus meiner Sicht schlechte Cloud-Umsetzung raubt einem dann doch noch den letzten Spielspaß. Ich hoffe, dass hier mit einem Patch noch mal nachgearbeitet wird und zumindest die störendsten Punkte entfernt werden. Schon allein das Laden eines Spielstands direkt nach einem Game Over wäre hier eine große Verbesserung. Rollenspielfans können sich ruhig überlegen, ob sie Edge of Eternity eine Chance geben wollen. Nur sollten diese sich eventuell überlegen, ob sie nicht lieber zur PC-Variante greifen, um auf die Cloudtechnologie verzichten zu können.
Mein persönliches Highlight: Die taktischen und herausfordernden Kämpfe sowie das Kristallsystem.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 3

  • Hightower76

    Turmritter

    Rundenkämpfe finde ich allgemein toll! Ich bin aber überhaupt kein Freund des Active-Battle-Systems. Von dem her leider nichts für mich... :(

  • chyro

    Turmritter

    Ein schöner Test. Habe das Spiel selbst ca. 15 Stunden auf der Series X gespielt, als es in den Game Pass kam. Leider aufgrund der Charaktermodelle und für mich langatmigen, spannungsarmen Story das Interesse verloren. Das Kampfsystem hingegen hat mir gefallen.

    Anders als im Test kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Spiel nativ auf der Switch in der ordentlicher Qualität laufen würde. Hier wären stärkere Abstriche nötig. Es hat sogar auf der Series X an ein oder zwei Stellen mit Stottern zu kämpfen in der Open World. Mit seinen acht Mitglieder starken Team, glaube ich, dass die Midgar Studios schlicht nicht die Ressourcen hatten das Spiel anzupassen. Daher wohl die Cloudversion.

  • Tomberyx

    Minish Mage

    Im eShop steht nichtmal groß und fett dran dass es ein dummes Cloud Spiel ist, ich hätte es beinahe noch gekauft hättet ihr es nicht erwähnt und ich daraufhin nicht nochmal genau hingesehen.....