Werdet zum IEW Champion!

Der Neo Geo Pocket Color dürfte hierzulande eher als Nischenprodukt bekannt sein. Das portable Gerät aus dem Hause SNK erschien 1999 auf dem japanischen Markt und stand somit in direkter Konkurrenz zu Nintendos Game Boy Color, der ebenfalls kurz vor der Jahrtausendwende veröffentlicht wurde. Obwohl der Handheld in westlichen Gefilden unter dem Radar lief, bot der Titel seinerzeit bereits 16-Bit-Optik im Taschenformat und brachte einige Spieleperlen hervor, die nun schrittweise ihren Weg auf die Nintendo Switch finden. Zu Beginn des Jahres versorgte uns SNK mit einer Portierung des Crossover-Kartenspiels SNK vs. Capcom: Card Fighters' Clash und überraschte mit einer liebevollen Aufmachung des Klassikers. Dieselbe Tugend verfolgt man mit der Veröffentlichung von Big Bang Pro Wrestling, welches rechtzeitig vor der diesjährigen Wrestlemania an den Start ging. Ob der pixelige Schaukampf heute noch überzeugen kann, verraten wir euch im nachfolgenden Test.


Ohne Schnickschnack hinein ins Geschehen


Big Bang Pro Wrestling wirft euch ohne jegliches Training in die erbarmungslose Welt des Wrestlings. Zur Auswahl stehen vier Modi: One Match, Tournament, IEW Champion und Versus Match. In One Match könnt ihr nach eigenen Regeln dem amüsanten Schaukampf frönen. Vor dem Kampf legt ihr verschiedene Einstellungen wie Zeitlimit, Regeln, Schwierigkeitsstufe und die Optik des Rings fest. Zu den Regeln zählen die Möglichkeit eines Count-outs und natürlich die vier unterschiedlichen Matchtypen. Der herkömmliche Kampf wird per Aufgabe oder Pinfall entschieden. Das No-Rule-Match kommt mit denselben Siegesbedingungen daher, allerdings werdet ihr nicht länger disqualifiziert, wenn ihr eurem Gegenüber einen Stuhl über den Kopf zieht. Bei einem Reward-Match wird ein Sack mit Geld auf einer Stange platziert, die es anschließend als Erster hochzuklettern gilt. Im Sarg-Match müsst ihr euren Kontrahenten in einen offenen Sarg befördern und dessen Deckel schließen, um zu gewinnen.


Mit saftigen Chair Shots zwingt der schlanke Sho den kräftigen Mike in die Knie.

© SNK

Habt ihr eure persönlichen Einstellungen festgelegt, geht das Spiel zur Charakterauswahl über. Das Roster umfasst zu Beginn acht Wrestler, die allesamt ein reales Vorbild haben, aufgrund von Markenrechten jedoch nicht deren Namen tragen. Die Superstars verfügen über eine überschaubare Anzahl eigener Manöver, die ihr durch simple Tastenkombinationen vom Stapel lassen könnt. Wie ihr die besagten Kunststücke ausführt, verrät euch ein liebevoller Scan des farbigen Handbuchs, welches ihr per Knopfdruck aufrufen könnt. Dort findet ihr alles, was der fehlende Trainingsmodus vermissen lässt, darunter Informationen zu den einzelnen Matchtypen und der besagten Kämpferriege. Seid ihr mit der Wahl eurer Spielfigur zufrieden, geht die Sause auch schon los.


Nach den kurzen Einzugssequenzen der teilnehmenden Athleten klingelt auch schon die Ringglocke. Wie der Game Boy Color besitzt auch der Neo Geo Pocket Color nur eine geringe Anzahl an Knöpfen. Mit einem Knopf plus entsprechender Richtungstaste flitzt ihr über die Matte, verlasst den Ring, führt Pins aus, verhöhnt euren Gegner oder klettert auf die Seilpfosten. Die andere Taste ist für die Offensive zuständig und lässt euren Charakter zuschlagen, Griffe einleiten oder den Gegner zur Aufgabe zwingen, wenn dessen Stamina entsprechend geleert wurde. Die vergleichsweise überschaubare Liste verschiedener Manöver verleitet zur Annahme, Big Bang Pro Wrestling sei äußerst einsteigerfreundlich – doch dem ist nicht so. Eure Kontrahenten haben gerade zu Beginn des Matchs eine teils übermenschliche Reaktionsgeschwindigkeit, was einen erfolgreichen Konter nahezu unmöglich macht. Die Lösung besteht darin, euer Gegenüber zunächst mit ordentlicher Dresche zu bearbeiten – und das ist aufgrund der etwas schwammigen Tiefenwahrnehmung gar nicht mal so einfach. Zwar kommt mit der Erfahrung auch irgendwann die Erkenntnis und ihr dominiert die Liga, bis dahin kann Big Bang Pro Wrestling jedoch zu einigen Frustmomenten führen.


Der Weg zum Titel ist kein Kinderspiel – die Verteidigung des Golds noch weniger.

© SNK

Da ihr nun grob wisst, wie das Spielgeschehen abläuft, wenden wir uns dem nächsten Modus zu. Das Tournament lässt euch eigene Turniere mit acht Superstars erstellen, die wahlweise von euch oder vom Computer gesteuert werden. Leider könnt ihr für das gesamte Turnier nur eine Regel und keine verschiedenen Match-Typen festlegen, was den Modus zur Aneinanderreihung von „One Match“-Kämpfen verkommen lässt. Zwar muss mindestens ein Teilnehmer unter eurer Kontrolle stehen, den Rest der Matches könnt ihr jedoch von der CPU simulieren lassen, was zu durchaus ansehnlichen Kämpfen führt. In Anbetracht der relativ geringen Leistung, die der Neo Geo Pocket Color damals hatte, ist das echt bewundernswert.


Der wohl spaßigste Modus für Solisten dürfte IEW Champion darstellen. Dort kämpft ihr euch zum Titelträger und verteidigt euer Gold im Anschluss. Während der Weg zum Champion noch mit herkömmlichen Matches bestritten wird, fällt die Verteidigung eures Gürtels exotischer aus. Mit kleinen Promo-Sequenzen vor jedem Kampf räumt man sogar dem obligatorischen Schauspiel ein bisschen Platz ein und lernt die einzelnen Gimmicks der Wrestler kennen. IEW Champion ist eine charmante Einzelspielerkampagne, die ihr auf keinen Fall ignorieren dürft, sollte Big Bang Pro Wrestling auf eurer Konsole landen. Den Abschluss macht das typische Versus Match, ein Mehrspielermodus für bis zu zwei Spielerinnen und Spieler. Dieser verfügt über dieselben Einstellungsmöglichkeiten wie One Match und lässt euch lokal an einer Konsole gegen eure Freundinnen und Freunde antreten.


Charmante Pixelgrafik und vielseitige Darstellungsoptionen


Big Bang Pro Wrestling präsentiert sich in einer charmanten Pixelgrafik. Das Spiel läuft stets geschmeidig und fehlerfrei auf der Nintendo Switch. Der Soundtrack besteht aus teils eingängigen Chiptunes und fällt demnach nicht unbedingt unter die Kategorie der vielschichtigen Kompositionen. Die Einmarschmusik von The Great Eagle sollte hier dennoch einmal hervorgehoben werden, zählt sie doch zu den stärksten Melodien im Spiel. Wie schon SNK vs. Capcom: Card Fighters' Clash überzeugt auch Big Bang Pro Wrestling mit seinen vielseitigen Darstellungsoptionen. Ihr könnt aus verschiedenen Bildschirmrahmen auswählen bzw. diese gänzlich deaktivieren, mit einem Raster den Bildschirm des Neo Geo Pocket Colors simulieren, die Zoomstufe anpassen oder im bereits erwähnten liebevollen Scan des farbigen Handbuch wälzen. Sogar eine Rückspulfunktion ist mit an Bord. Bei einer solch liebevollen Aufmachung dürfen gerne weitere Klassiker ihren Weg auf die Nintendo Switch finden.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Felix Kraus

Big Bang Pro Wrestling hätte sich keinen besseren Veröffentlichungstermin aussuchen können. Mit euphorischem Blick auf die bevorstehende Wrestlemania warf ich den Klassiker an – und wurde erst einmal ordentlich vermöbelt. Trotz der überschaubaren Manöverliste gestaltet sich der Einstieg alles andere als einfach. Gerade im Reward-Match zeigt sich die erbarmungslose KI des Computers, die euch trotz blitzschnellen Drückens der A-Taste spielend von der Stange wirft. Doch je länger ihr spielt, desto mehr versteht ihr die Feinheiten von Big Bang Pro Wrestling, was euch schlussendlich zum Sieg führt. Die liebevolle Aufmachung des Klassikers und die kleine, aber feine Einzelspielerkampagne versprühen einen solchen Zauber, dass der geringe Umfang des Spiels schnell in den Hintergrund rückt. Hegt ihr eine Leidenschaft für das Wrestling und seid auf der Suche nach kurzweiliger, charmanter Unterhaltung, könnte Big Bang Pro Wrestling einen Blick wert sein.
Mein persönliches Highlight: Der Weg zum IEW Champion!

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 1

  • Tabby

    Turmbaron

    Ich fände es schön, wenn es noch eine zweite Collection geben würde. Einzeln würde ich mir die Games wohl nicht kaufen.