Trotz technischer Hürden deutlich auf der Überholspur

Eigentlich hatte ich Rennsimulationen schon längst beiseite gelegt. Auch die Veröffentlichung des diesjährigen MotoGP hatte ich nicht auf dem Schirm – dann noch auf der Nintendo Switch? Mit eher ungutem Gefühl, ob es wirklich möglich ist, eine präzise und realitätsgetreue Simulation auf der Hybridkonsole zu erleben, nahm ich mich MotoGP 22 an und schwang mich aufs Motorrad. Ob mein Gefühl bestätigt wurde, oder ich doch gerne die globalen Meisterschaften gefahren bin, erfahrt ihr im folgenden Test.


Zu viel des Guten


Ich gestehe: MotoGP 22 überwältigte mich. Das Tutorial ist lang und detailreich – und so ganz habe ich die Motorsportsimulation immer noch nicht durchblickt. Für mich als Laien nicht verwunderlich, aber dennoch hatte ich als Newcomer auf den Rennstrecken grundsätzlich meinen Spaß. Zu Beginn könnt ihr euren eigenen Charakter erstellen: Egal ob Aussehen, Herkunft oder Rennteam – ihr habt die Wahl. Nicht nur das Aussehen eures Rennfahrers könnt ihr detailliert festlegen, sondern auch das eures Motorrades. Die Auswahl ist groß und farblich sind euch keine Grenzen gesetzt. Ihr könnt die Rennen entweder mit eher dezentem Aussehen bestreiten oder versuchen, wie ein bunter Hund aufzufallen – Einfluss auf eure Karriere und das Fahrverhalten hat das natürlich nicht.


Das befriedigende Gefühl, sich mal so richtig in die Kurve legen zu können.

© MileStone

Ich habe mich zu Beginn im angesprochenen Tutorial wiedergefunden, das aus einfachen und fortgeschrittenen Kategorien besteht. Dort werden euch in verschiedenen Disziplinen die Grundzüge des Motorradrennsports nähergebracht, die ihr abschließen müsst. Diese reichen von normaler Beschleunigung mit erlernbarem Bremsverhalten bis hin zu wirklich tiefgehendem Elektronikmanagement. Ihr könnt sogar euren Kraftstoffverbrauch anpassen – also eine Entscheidung zwischen höherer Leistung und angepasstem Spritverbrauch eures Motorrades. Tatsächlich habe ich aber recht wenig an diesen Einstellungen herumgeschraubt, lediglich die Trainingssessions absolviert, um ein kleines Bild der Möglichkeiten zu bekommen. Ich empfehle trotzdem ausdrücklich, das lange Training durchzukauen, hatte ich doch arge Probleme mit Fahrverhalten und Steuerung – besonders am Anfang meiner Reise mit MotoGP 22.


Nachdem ich das recht lange Training hinter mich brachte, startete ich einen Versuch, mich im Karrieremodus zu beweisen. Hier habt ihr ebenfalls eine Auswahl, mit welcher Motorsportklasse ihr starten möchtet. Darunter befindet sich die Moto3, die Moto2 und natürlich die MotoGP. Je nach Auswahl könnt ihr außerdem eine lange, mittellange oder kurze Saison fahren – die lange Saison geht satte 52 Wochen und spannt euch lange vor die Nintendo Switch. Habt ihr eine Saison absolviert, besteht die Möglichkeit, eine neue anzufangen – wie in einer realen Karriere eben. Bevor wir den Karrieremodus und seine Facetten noch genauer unter die Lupe nehmen, befahren wir doch direkt mal die Rennstrecke.


Neueinstieg trotz erschlagendem Umfang


Wie angesprochen: MotoGP 22 ist besonders für Neueinsteiger kompliziert. Es gibt im HUD unheimlich viele Zahlen, die euch eventuell nicht wenige Fragezeichen ins Gesicht zaubern. Seid ihr auf der Rennstrecke, könnt ihr zudem verschiedene Einstellungen an eurem Motorrad „on-the-go“ vornehmen, um euch an die Streckengegebenheiten anzupassen. Andere Veränderungen am Motorrad müsst ihr wie gewohnt bei einem Boxenstopp vornehmen. Auf der Piste selbst fahrt ihr entweder auf Rundenzeit oder direkt gegen eure Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Leuchten die grünen Lampen der Ampel auf, kann’s auch schon losgehen. Ich bin mithilfe einer Ideallinie gefahren, wie ihr sie vielleicht aus Veteranen der Rennsimulation kennt. Diese war allerdings nicht so präzise wie bei anderen Vertretern des Genres – das empfand ich aber nicht als schlimm. So musste ich trotz Hilfslinie das Brems- und Beschleunigungsverhalten erlernen. Hier kam aber nach kurzer Zeit das Gefühl eines Trial-and-Error-Spielerlebnisses auf. Nicht selten – ziemlich häufig sogar – küsste ich die Straße, was mich oft frustriert zurückließ. Besonders am Anfang konnte ich auch noch nicht das Lenkverhalten und die physikalischen Gegebenheiten einschätzen.


Zur Verbesserung eurer technischen Leistung kann euer Team in verschiedenen Bereichen forschen.

© MileStone

Diese Gegebenheiten unterscheiden sich beispielsweise auch im facettenreichen Wetter: Egal ob Sonne und Hitze, oder Regen und Kälte – ihr merkt die enormen Unterschiede im Fahrverhalten und müsst euer Motorrad dementsprechend im Boxenstopp anpassen. Damit könnt ihr den gravierenden, aber realistischen Unterschieden entgegenwirken. Seid ihr noch im anfänglichen Lernprozess und liegt mehr auf dem Boden als ihr auf dem Motorrad sitzt, könnt ihr dank der Rewind-Funktion bestimmte Momente einfach wiederholen. Die Frustration legte sich nach kurzer Zeit und das Gefühl, eine Kurve im perfekten Winkel zu schneiden, scheuchte alle anfänglichen Sorgen davon. Die Lernkurve in MotoGP 22 ist meiner Erfahrung nach sehr steil – vielleicht habe ich das Wort Simulation im Genre auch ein wenig unterschätzt. MotoGP 22 muss erlernt werden, damit Belohnung eintritt. Hilfestellungen in Form von Tutorials oder Fahrhilfen gibt es zur Genüge, die nach und nach abgeschaltet werden können. Die Zugänglichkeit des Spiels ist wirklich gut und ermöglicht auch Neueinsteigern wie mir ein erfreuliches Spielerlebnis.


So tiefgehend das Bestreiten der Rennen ist, ist auch der oben angeschnittene Karrieremodus. Ich versuchte mich für den Testzeitraum an einer kurzen Saison, sodass ich die Grundlagen des Modus erlerne. Am Anfang wählt ihr ein Team, für das ihr fahren möchtet. Davon gibt es unheimlich viele – alle natürlich realitätsgetreu und mit Lizenzen im Spiel implementiert. Je nach Erfolg und Leistung während eurer Karriere, könnt ihr die Teams auch wechseln und aufsteigen. Dazu erhaltet ihr von Zeit zu Zeit Angebote anderer Teams. Zu Beginn startet ihr als unbekannter Newcomer in niedriger Liga und baut euer Team auf. Das besteht aus einem Vertragsmanagement und einem Management des technischen Personals. Ersteres beinhaltet natürlich euren persönlichen Manager, welchen ihr ebenfalls auswählen könnt. Der Manager übernimmt die Aufgabe, Vertragsangebote eines Teams einzuholen und verhandelt dabei das Gehalt sowie Boni für besondere Leistungen.


Vom Tellerwäscher zum... Rennsportprofi?

© MileStone

Wie die anderen Teammitglieder auch, wird der Manager einem Ranking unterzogen, das von C bis S reicht. C stellt den schlechtesten Rang dar, S dementsprechend den besten Rang. Mit der Zeit erhaltet ihr Angebote von besser oder schlechter gerankten Managern, die eigene Charakteristika mit sich bringen. Das technische Personal hingegen besteht aus einem Chefingenieur und einem Datenanalysten, deren Zusammenspiel ebenfalls eine Rolle in der Effektivität und Effizienz einnimmt. Diese kosten natürlich auch Geld, ermöglichen euch aber bestimmte Forschung an eurer Technik. Ihr könnt nämlich eure Motorräder dementsprechend verbessern und technische Komponenten austauschen. Die Forschung nimmt Zeit in Anspruch, je nachdem welche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihr einsetzt. Davon gibt es nämlich auch viele verschiedene mit unterschiedlichen Skills – manche sind beispielsweise effektiver in der Motor-Forschung, andere wiederum konzentrieren sich lieber auf den Rahmen des Motorrades. Nach einiger Forschungszeit können dann neue Komponenten entwickelt werden, die euer Motorrad leistungstechnisch aufwerten. Damit ihr eure Teammitglieder bezahlen könnt, braucht es Credits, die Währung von MotoGP 22. Credits erhaltet ihr bei gut abgeschlossenen Rennen, die alle paar Wochen auf euch warten. Schließt ihr die zusätzlichen Nebenaufgaben ab, gibt es kleine monetäre Boni. Diese Nebenaufgaben motivieren zusätzlich, Rennen zu bestreiten, statt diese nur stumpf abzufahren. So hat MotoGP 22 im Karrieremodus nicht nur einen großen Verwaltungsanteil, sondern auch am Kernelement des Spiels gefeilt, um euch darüber hinaus zu belohnen.


Für alteingesessene Fans ein Muss


Für eingefleischte Fans dürfte der Modus NINE eine Besonderheit darstellen: Hier wird euch ermöglicht, die legendäre Saison von 2009 neu und realitätsnah zu erleben. Neben den Rennen, die getreu der 2009er Saison bestritten werden, wird euer Erlebnis mit kleinen Schnipseln von Originalvideomaterial unterstützt. Dieser Modus ist für echte Fans vermutlich von großer Bedeutung und eine wirklich schöne Addition. Neben NINE und dem Karrieremodus gibt es natürlich noch „schnelle Modi“, die neben einem Grand Prix oder einer Meisterschaft auch das Zeitfahren bereitstellen. Wollt ihr also den ganzen Verwaltungswahnsinn des Karrieremodus umgehen, stürzt euch in einen der schnellen Modi. MotoGP 22 besitzt zwar auch einen Multiplayer-Modus, der aber nur lokal funktioniert und nicht als Splitscreen. Heißt also, euer Freund oder eure Freundin benötigt ebenfalls eine Version von MotoGP 22, damit ihr zusammen spielen könnt.


Ein Fotomodus darf natürlich auch nicht fehlen.

© MileStone

Jetzt aber zur Frage aller Fragen: Wie läuft eine so umfangreiche und detaillierte Rennsimulation auf der Nintendo Switch? Vorweg – wie zu erwarten – müssen starke Abstriche bezüglich technischer Leistung, Bildrate und Aussehen gemacht werden. Tatsächlich ruckelt MotoGP 22 im Menü aber mehr als auf der Rennstrecke. Hier haben sich die Entwicklerinnen und Entwickler von MileStone wirklich ins Zeug gelegt, ein möglichst flüssiges Erlebnis zu schaffen. Ich kann bestätigen: Die Rennen laufen im Handheld-Modus und als Docked-Version weitestgehend ruckelfrei mit stabiler Bildrate. Leider müsst ihr beim Aussehen sogar zwei Augen zu machen: Die Nintendo Switch-Version von MotoGP 22 ist wahrlich keine Augenweide, besonders nicht im Detail. Da schafft der integrierte Fotomodus auch nur bedingt Abhilfe. Ich muss aber zugeben, das störte mich kaum bis gar nicht. Die Erwartungen an eine schicke Rennsimulation waren bei mir ohnehin nicht existent – hier erwartete ich stattdessen eher ein tiefgehend realistisches und detailliertes Rennerlebnis. Trotzdem saugte MotoGP 22 beachtlich den Akku der Nintendo Switch leer – für kurze Strecken mit der Bahn oder mit dem Bus vollkommen ausreichend, für längere Reisen solltet ihr vielleicht nicht zur Rennsimulation greifen.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Michael Barg

Puh, was ein Brett an Informationen. MotoGP 22 ist umfangreich und vor allem für Fans ein Muss, sich einmal aufs virtuelle motorisierte Zweirad zu schwingen. Die Rennen fühlen sich weitgehend realistisch an und die Spielerfahrung kann dank der umfangreichen Anpassungsmöglichkeiten auf den Spieler oder die Spielerin zugeschnitten werden. Hier wird niemand ausgeschlossen und Zugänglichkeit wird großgeschrieben, sodass Rennsport-Veteranen ihre Herausforderung bekommen, Newcomer wie ich aber trotzdem ihren Spaß haben werden. Der Karrieremodus ergänzt das Fahren der Rennen mit einer ordentlichen Portion Verwaltung, die im ersten Moment erschlagen kann. Nach einiger Zeit werdet ihr aber auch dieser Herausforderung Herr. Die kleinen Nebenaufgaben im Karrieremodus motivieren darüber hinaus, am Ball zu bleiben. Der Modus NINE belohnt erneut eingefleischte Fans und sorgt für einen starken Nostalgiekick an eine legendäre Saison im Motorsport im Jahre 2009. Wie zu erwarten, hat die Nintendo Switch auf technischer Ebene zu kämpfen – trotzdem beeindruckend, das ein so umfangreiches Spiel weitestgehend stotterfrei läuft, wenn es drauf ankommt. Die kleinen Stolpersteinchen im Menü kann ich getrost verzeihen. Newcomer, bleibt dran! Trotz der Startschwierigkeiten werdet ihr eine gute Zeit haben, sofern ihr Interesse am Motorsport habt.
Mein persönliches Highlight: Der Karrieremodus, der Realitätsgrad und die Zugänglichkeit.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 2

  • AlexWoppi

    Turmbaron

    Ohne Online ohne mich. Da bleib ich lieber bei dem allersten MotoGP für die Switch.

  • Rom-Nint

    Turmritter

    MotoGP21 ist noch einige Stunden lang im US-eShop im Angebot (8,99 $).

    Ich habe vorgestern zugeschlagen. Ist erstmal genug für einen Anfang, denke ich (habe vorher MotoGP nie gespielt).


    Erster Eindruck: hartes Spiel, aber mit viel Spaß potenzial