Atmosphärisches Unterwasserabenteuer tritt in Fußstapfen vergangener Meilensteine

Als im Mai das Unterwasserabenteuer Silt erstmalig für die Nintendo Switch vorgestellt wurde, erinnerte es mich sofort an verwandte Ableger, die vor allem mit ihrem Artstyle sowie kleinen und großen Rätseln überzeugten. Zu diesen eher kryptischen Abenteuern zählen die 2D-Rätselspiele Limbo und Inside, von welchen vor allem Limbo als Meilenstein der Indie-Spiele zählt. Es ist sofort zu erkennen, dass das surreale Abenteuer Silt vom Entwicklerstudio Spiral Circus Games von eben solchen inspiriert wurde – gleichzeitig aber auch nicht weniger von den Anfängen der monochromen Animationsfilme, welche durch die Künstlerin Lotte Reiniger in den 1920er Jahren geebnet wurden. Ob sich Silt aber in die Reihen des Meilensteins Limbo einordnen lässt, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.


Unheimlich erdrückende Unterwasserwelt – davon leider zu wenig


Silts Handlung ist schnell erzählt: Zu Beginn des Unterwasserabenteuers findet ihr euch als namenloser Taucher des Ozeans wieder. Mit einem Schriftzug wird kurz und knapp erklärt, was ab Erwachen eure Aufgabe in den weiten Gewässern sein wird. In den Tiefen lauern sogenannte Goliaths, riesige monströse Wesen, die es zu beseitigen gilt. Es heißt im Schriftzug, ihr müsst die Augen der Goliaths an euch reißen, um ein noch größeres Tiefseeungeheuer zu erwecken, welches das Schicksal eurer Reise besiegelt. Nun, ihr merkt, so tief wie das weite Meer ist die Story nicht, reicht aber aus, um den Entdeckerdrang zu wecken. Im schmalen Rahmen macht ihr euch also langsam auf, die Goliaths aufzusuchen und ihre Augen zu erlangen.


Das monochrome Spiel zwischen Licht und Schatten ist wirklich eine Augenweide.

© Spiral Circus Games

Bevor wir aber zur spielerischen Komponente von Silt kommen, sprechen wir über das Offensichtliche: Silt ist hübsch. Silt sieht wirklich fantastisch aus und hat sich an grafischen Elementen von Spielen wie Limbo bedient. Diese stammen aus den Anfängen der Animationsfilme, welche in den 1920er-Jahren mit berühmten Schattenspielen entstanden sind – allen voran der Silhouetten-Animationsfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“. Von eben solchen lieh sich sogar der Name hinter dem Mega-Konzern der Animationsfilme, Walt Disney, diverse Elemente, die ihm zum Erfolg verhalfen. Ebenso interessant wie die damaligen Silhouetten-Filme kommt auch Silts Animationsstil daher. Jedes Asset, jedes Wesen und der Tiefseetaucher selbst sehen aus wie Schablonen, welche auf einen Glastisch mit Beleuchtung gelegt wurden – eben das Handwerk, das schon Lotte Reiniger vollzog. Das alles sorgt für eine fantastische, surreale Atmosphäre, die Silt ein wenig besonders macht. Um die Atmosphäre jedoch zu festigen, braucht es noch adäquates Sounddesign. Auch hier enttäuscht Silt nicht: Statt Musik zu nutzen, wird auf unheimliches und stilles Sounddesign gesetzt, das die ungeheuren Tiefen des Ozeans perfekt untermauert.


In Silt seid ihr auf euch allein gestellt, schwimmt durch die verlassenen und vor allem dunklen Weiten des Meeres. Okay, so ganz stimmt das nicht, ihr seid natürlich nicht komplett allein. Die verschiedenen, eher linearen Abschnitte von Silt teilt ihr euch mit unterschiedlichen Unterwasserwesen, die von übergroßen Zellen über elektrische Aale bis hin zu kleinen Piranhas und Schwarmfischen reichen. Jedes dieser Wesen hat eine eigene Funktion, die euch dabei hilft, die verschiedenen Rätsel zu lösen. Hier kommt die Quintessenz von Silt ins Spiel: Mit einem Leuchtstrahl könnt ihr die Kontrolle über die Begleiter übernehmen und ihre Funktionen nutzen. Mithilfe der Piranhas könnt ihr beispielsweise kleine Ranken durchtrennen, wieder zurück in euren Körper springen und den neugeöffneten Durchgang passieren.


Jedes Mal aufs Neue überraschte mich die facettenreiche Unterwasserwelt.

© Spiral Circus Games

Die Rätsel sind am Anfang noch recht simpel, werden dann aber mit steigenden Möglichkeiten im Laufe des Spiels kniffliger. Trotzdem war mir immer recht klar, welche Fähigkeiten ich in welchen Situationen nutzen muss. Generell war das Pacing der Rätsel sehr passend eingesetzt und hat mich als Spieler gut durch Silt geführt. Schwieriger wurde es dann, wenn verschiedene Wesen für ein Rätsel benötigt wurden – alles war aber im Rahmen und nichts war wirklich weit hergeholt. Hier hat Silt eine gute Balance im Schwierigkeitsgrad der Rätsel geschaffen. Die Palette an Möglichkeiten, mehrere Unterwasserwesen in Silt ihr Unwesen treiben zu lassen, hätte für wirklich umfangreiche Rätsel sorgen können, von denen es in der Gesamtheit aber leider zu wenige gibt. Schade, dass hier Potenzial verschenkt wurde, gerade bei der recht kurzen Länge des Spiels. Silt hätte durchaus mehr Rätsel und dementsprechend ein bis zwei Stündchen länger sein können, soll aber nicht die vorhandenen Rätsel und Möglichkeiten der Unterwasserwelt schmälern. Lediglich wäre hier mehr dann doch etwas mehr gewesen. Dafür schaffen die verschiedenen Goliaths eine nette Abwechslung. Dadurch gibt es nämlich größere Rätsel, an denen ihr dann ein wenig länger sitzt. Im Schwierigkeitsgrad bilden diese aber auch keine Besonderheit.


Über eine Sache muss ich aber meckern: Leider passiert es nicht selten, dass ihr „unfair“ getötet werdet und ein wenig Trial & Error an die Oberfläche schwappt. Das hat manchmal frustriert, gab es mir doch das Gefühl, diese Passagen wurden eingebaut, um mich länger im Spiel zu halten. Diese Stellen waren jedoch nach wenigen Versuchen dann auch passé und es kamen die belohnenden Aha-Momente zum Vorschein. Als störend empfand ich zudem an manchen Stellen die Steuerung. In manchen Passagen wird von euch verlangt, dass ihr schnell das Weite sucht, bevor euch ein Monster den Garaus macht – das funktioniert aber nur semi-gut, wenn der Tiefseetaucher dann manchmal doch nicht so möchte, wie ihr das gerne hättet. In den nicht so oft vorkommenden Momenten beißt ihr gerne mehrmals ins Gras.


Die facettenreichen Tiefen des Ozeans waren selten so hübsch


Besonders hervorheben möchte ich aber neben dem schicken Aussehen die grandios facettenreiche Unterwasserwelt. Von verlassenen Ruinen bis hin zur klassischen und den uns vertrauten Ozean-Tiefen ist wirklich viel vertreten. Das sorgte immer für Spannung, wenn ich ein neues Areal betreten habe. Besonders angetan haben es mir die Symmetrien in manchen Gebieten und wie mit Licht und Schatten gespielt wird. Das trug ordentlich zum Verständnis der Spielwelt bei und gerade das Schattenspiel sorgte für eine besonders bedrückende Stimmung, welche die Unweiten des Ozeans eben mit sich bringt. Generell wurde hier eine Welt geschaffen, die vor Machtlosigkeit nur so strotzt – und ihr als Tiefseetaucher mittendrin, der die Hilfe von gruseligen Wesen annehmen muss, um seine Quest zu absolvieren.


So mancher Gegner unterstützt das bedrückende Gefühl von Silt.

© Spiral Circus Games

Es muss aber gesagt werden, dass mir die Umwelt wenig darüber verriet, mit was ich interagieren kann. An manchen Stellen müsst ihr nämlich Wege öffnen, indem ihr sie sprengt – doch was aufgesprengt werden kann, war besonders am Anfang unklar. In Silt steht Kunst dann manchmal doch vor Game-Design. Hier bekommt ihr nach und nach aber auch ein Gefühl dafür, welche Wege passiert werden können und welche lediglich als Dekoration dienen. Darüber hinaus gibt es sehr offene Gebiete, die zum Erkunden einladen. Viel zu entdecken gibt es zwar nicht, dennoch laden euch diese Gebiete dazu ein, kurz inne zu halten. In solchen Momenten möchten die Entwicklerinnen und Entwickler, dass ihr die schicke Welt von Silt wertschätzt – nehmt euch die Zeit. Als Kontrast dazu gibt es dann natürlich auch schlauchige und enge Areale. Diese kommen sehr verwinkelt daher, sorgen aber für einen passenden Ausgleich in der umfangreichen Ozeanwelt.


Eigentlich gibt es an Silt generell wenig auszusetzen, wären da nicht die kleinen Ruckler in den größeren Gebieten, wenn das Unterwasserabenteuer auf die Makroansicht wechselt. Dadurch wird ein Bild des weiträumigen Gebietes geschaffen – was seine Berechtigung hat – aber auf der Nintendo Switch sorgte dies dann für eine einbrechende Framerate. Das störte leider meine Immersion in Silt. Zwar ist dies Meckern auf hohem Niveau und kommt durchaus selten vor, muss aber angemerkt werden. Sonst lief Silt sowohl im Docked-Modus als auch im Handheld reibungslos. Nur die eben angemerkte, manchmal hakelige Steuerung störte hin und wieder. Nach einiger Spielzeit verschwand aber auch diese in den Tiefen des Ozeans.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Michael Barg

Silt lockte mich mit seinem schicken und interessanten Aussehen und weckte Erinnerungen an vergangene ähnliche Vertreter des Genres. Letztendlich hielten mich aber die Atmosphäre und Rätsel bei der Stange, die Silt so besonders machen. Hier wird euch wirklich das erdrückende Gefühl der Machtlosigkeit vermittelt, das Ozeane ohnehin auslösen können. Das Gefühl wird mit der besonderen Atmosphäre vermittelt, die audiovisuell nahezu einzigartig ist. Durch das Taucher-Gameplay bewegt ihr euch in Silt nicht nur horizontal, sondern entdeckt die Level auch vertikal, was eine neue Ebene an Rätseln ermöglicht. Davon hätte ich mir gerne mehr gewünscht – aktuell kommt Silt recht schmal daher. Die Implementierung verschiedener Fähigkeiten durch diverse Unterwasserwesen garantiert interessante Passagen, die zwar nicht für Kopfzerbrechen sorgen, aber dennoch nette Aha-Moment hervorrufen. Auch, wenn Silt ein recht kurzes Abenteuer bietet, ist es auf jeden Fall eine Empfehlung wert, sich mal in die unbekannten Tiefen des Ozeans zu trauen.
Mein persönliches Highlight: Die unheimlich atmosphärische Unterwasserwelt und spätere Rätsel von Silt.

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