Der Leser entschied sich dazu, gleich zum Fazit zu springen

So … also … ja. Eigentlich würde dieser Test mit der üblichen Einleitung beginnen, mit einem Bezug auf den Inhalt des zu testenden Spiels, einem Kommentar zu möglichen Vorgängern abgerundet mit der knackigen Frage, ob der Nachfolger dem Druck standhalten kann – oder wie wäre es mit einem lustigen Fakt, der auf das zu besprechende Spiel hinleitet? Aber irgendwie passt das hier alles nicht so wirklich und sowieso ist das Unterfangen, ein klassischen Spieletest zu einem Titel wie The Stanley Parable: Ultra Deluxe zu schreiben, ein echt kniffliges. Wieso das so ist? Das möchte ich euch im folgenden Test näher erläutern … hey, hat ja doch funktioniert!


Wieso ist The Stanley Parabel: Ultra Deluxe ein Titel, über den es so schwierig ist, zu schreiben? Das liegt hauptsächlich daran, dass eigentlich schon eine Beschreibung des grundsätzlichen Spiels eine Art Spoiler darstellt. Um dieser Problematik also so gut wie möglich zu begegnen, wird dieser Test in drei Segmente unterteilt: Ein Teil, der absolut spoilerfrei ist und entsprechend nur die groben Mechaniken des Spiels beschreibt, ein zweiter Teil, der das Spielprinzip anhand der ersten paar Minuten näher vorstellt und damit minimal spoilert und einen dritten Part, der sich an all diejenigen richtet, die The Stanley Parable bereits in der Vergangenheit auf dem PC gespielt haben und wissen wollen, ob sich der Neukauf noch einmal lohnen sollte. Denn das Spiel wurde vor knapp zehn Jahren schon einmal veröffentlicht und begeisterte schon damals die Spielerschaft und stürzte die Fachpresse in Verzweiflung, wie man denn ein solches Spiel bewerten oder schlicht nur beschreiben soll.


Die Leserschaft wollte auf Nummer sicher gehen, nicht gespoilert werden und las deshalb nur den nächsten Teil des Tests ...


Was genau ist The Stanley Parable: Ultra Deluxe eigentlich? Strenggenommen haben wir es hier mit einem Walking-Simulator zu tun, bei dem ihr euch durch eine begrenzte Spielwelt bewegt, ohne über großartige Interaktionsmöglichkeiten zu verfügen. Die Prämisse klingt im ersten Moment ebenfalls nicht sonderlich originell: Ihr schlüpft in die Haut von Stanley, der jeden Tag auf seiner Arbeit in einem Büro sitzt und dort Knöpfe drückt, die ihm ein Computer vorgibt. Eines Tages bleiben die Aufforderungen allerdings aus und Stanley entschließt sich, sein kleines Kämmerlein zu verlassen, nur um herauszufinden, dass all seine Kollegen spurlos verschwunden sind. Und so entschließt sich Stanley, der Sache auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was eigentlich vor sich geht. Auf seiner abenteuerlichen Reise durch das riesige Bürogebäude ist der stumme Stanley allerdings nicht allein. Ihm zur Seite steht ein Erzähler, der von Kevan Brighting gesprochen wird und das absolute Highlight des Spiels darstellt. Denn der Erzähler, der mal allwissend und auch immer wieder alles andere als allwissend auftritt, kommentiert euren Fortschritt im Spiel und durchbricht dabei nicht nur immer wieder die vierte Wand, sondern stellt auch Sinn und Unsinn eures Tuns in Frage bis dahin, dass er auch philosophische Debatten vom Zaun bricht – sofern man bei einem stummen Protagonisten noch von einer Debatte sprechen kann.


Wohin sind nur Stanleys Kollegen verschwunden?

© Crows Crows Crows

Ziel des Spiels ist es also augenscheinlich, mehr über eure Situation herauszufinden, doch schnell wird klar, dass es in The Stanley Parable um deutlich mehr geht. Denn, um es so spoilerfrei wie möglich auszudrücken, es geht in dem Spiel darum, wie man die Grenzen eines Videospiels überschreiten und mit den Erwartungen des Spiels brechen kann. Und darin brilliert The Stanley Parable, das sich eher wie ein Meta-Kommentar auf Videospiele anfühlt. Denn während ihr spielerisch kaum interagieren könnt – womit euch das Spiel auch gerne einmal aufzieht –, werdet ihr dennoch willentlich mehrere Stunden in Stanleys absurdes Abenteuer stecken wollen, weil selten ein Spiel so tiefsinnig und humorvoll zugleich daherkam. Und ihr merkt sicher schon anhand meiner vagen Formulierungen: Es ist wirklich nicht leicht, über The Stanley Parable zu schreiben, ohne wirklich zu spoilern.


Daher komme ich für all diejenigen, die völlig unvoreingenommen an das Spiel herantreten wollen, zu einem Vorabfazit: The Stanley Parable: Ultra Deluxe ist für all diejenigen empfehlenswert, die nach einem Titel suchen, der euch dafür belohnt, dass ihr auf möglichst vielschichtige Weise versucht, die Grenze eines Walking-Simulators zu durchbrechen – die Wert auf scharfsinnige und gut pointierte Witze und Kommentare legen und die einfach mal etwas anderes nebenseits der üblichen Videospiel-Erfahrung suchen. All das erhaltet ihr und wer nach wirklich allen Kleinigkeiten, alternativen Enden und jeden Weg, das Spiel auszutricken, sucht, der dürfte gute zehn Stunden Spaß haben. Und davon lohnt sich wirklich jede einzelne, vor allem, weil es in den vermeintlich tristen Büroräumen so viele Details zu entdecken gibt, bei dem die Entwickler eindeutig ihren Sinn für Humor beweisen. Also gut, ab hier beginnt nun das seichte Spoiler-Territorium, in dem die ersten zwei Entscheidungen direkt nach dem Spielstart beschrieben werden, um euch einen besseren Einblick darin zu geben, was euch erwartet … Ihr wurdet gewarnt.


... aber dann nahm die Neugier doch überhand und man las weiter


Was The Stanley Parable eigentlich so genial macht, sind die vielen Abzweigungen, die das Spiel euch ermöglicht, ohne dass es im ersten Moment offensichtlich wäre. Denn kaum verlässt Stanley sein Büro, fängt der Erzähler an zu erklären, dass Stanley in den Meeting-Raum geht, um dort nach seinen Kollegen zu suchen. Während ihr also durch die geradlinigen Gänge des Bürogebäudes lauft, kommt ihr in einen Raum, der zwei Türen beinhaltet. Vom Erzähler, der in diesem Fall in der Vergangenheitsform spricht, als ob er einfach nur eure Entscheidungen nacherzählen würde, erfahrt ihr, dass Stanley die linke Tür nehmen wird. Doch was wenn ihr euch dagegen entscheidet und durch die rechte Tür geht? Während bei vielen Videospielen die rechte Tür wahrscheinlich nicht einmal vorhanden oder sie blockiert wäre, könnt ihr in diesem Fall auch einfach durch eben diese Tür gehen. Das hat dann zur Folge, dass der Erzähler plötzlich verwirrt innehält und sich selbst korrigiert und sich „erinnert“, dass Stanley ja noch in den Pausenraum wollte, um sich dort umzusehen. Kurz darauf kommt ihr im besagten Raum an und der Erzähler merkt sarkastisch an, dass sich der Umweg ganz sicher gelohnt haben dürfte. Nun könnt ihr der vorgeschlagenen Route zum Meeting-Raum folgen und erfahren, wie es mit der Geschichte weitergeht. Wer es dann aber noch weiter auf die Spitze treiben will, der schlägt danach wieder eine andere Richtung ein, als der Erzähler es erwartet und … aber mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.


Wer abseits der gedachten Wege unterwegs ist, erlebt so einiges.

© Crows Crows Crows

Dieses kleine Beispiel zeigt meiner Meinung nach eindrucksvoll, inwiefern The Stanley Parable von gängigen Spielerfahrungen abweicht, denn es spielt mit euren Erwartungen und fordert förmlich von euch, diese zu brechen. Mit der Zeit offenbaren sich euch immer kreativere Wege, mit den Videospiele-Standards zu brechen und sogar das ganze Spiel „kaputt zu machen“ oder eure Beziehung zum Erzähler grundlegend zu ändern. Dabei nimmt sich das Spiel zu keinem Zeitpunkt ernst, was sich vor allem an der absolut genialen Darbietung von Kevan Brighting zeigt, dessen Repertoire von nüchtern, über schmollend bis hin zu fast schon wahnsinnig und dann wiederum verzweifelt reicht.


Da der Erzähler auch das einzige Bindeglied zwischen euch und dem Spiel darstellt, baut sich so eine ganz besondere Beziehung auf, die das Spiel auch gerne einmal zu missbrauchen versucht. Wenn dieser kleine Appetithappen euren Hunger geweckt hat, dann kann ich euch nur ermutigen, euch einen direkten Nachschlag zu holen, denn ab hier wird es nur besser. Im abschließenden Teil des Tests sollen all diejenigen adressiert werden, die das Grundspiel bereits früher gespielt haben und wissen wollen, was sie alles an Neuerungen zu erwarten haben – natürlich so spoilerfrei wie nur möglich.


Alle Kenner fragten sich: „Wieso sollte gerade ICH nochmal Geld hierfür ausgeben?“, und kratzten sich am Kopf


Wenn man die Originalversion von 2013 bereits rauf und runter gespielt hat, dann könnte sich dem geneigten Käufer, wie auch mir zu Beginn des Tests die Frage stellen: Lohnt sich das überhaupt für mich? Und die Antwort ist schlicht und ergreifend: Oh, ja! Zu Beginn des Spiels habt ihr die Möglichkeit anzugeben, dass ihr The Stanley Parable bereits gespielt habt. Nach ein paar Durchgängen öffnet sich für euch dann gut sichtbar eine Tür, die euch zum „neuen Ultra-Inhalt“ führt. Hatte ich anfangs noch erwartet, dass ein paar neue Gags Einzug ins Spiel gefunden haben, persifliert die Ultra Deluxe-Version des Spiels das Thema DLC von vorne bis hinten. Waren die digitalen Zusatzinhalte 2013 noch kein so großes Thema, dreht sich nun alles um eben diese Thematik und wie wohl ein Nachfolger zu The Stanley Parable aussehen könnte.


Das Spiel nimmt das Thema DLC und potenzielle Nachfolger augenzwinkernd auf die Schippe.

© Crows Crows Crows

All dies mündet nicht nur in einem sehr zynischen Kommentar zur aktuellen Videospielentwicklung, sondern auch in neuen Spielelementen, die nahtlos in das eigentliche Hauptspiel mit eingebunden wurden. Den Entwicklern ist hier das Kunststück gelungen, eine wirklich gut gelungene Erweiterung zu entwickeln, die sich wie schon das Hauptspiel nicht immer ernst nimmt und sich auch augenzwinkernd selbst feiert und glorifiziert. Wer also Sorge hat, dass der Mehrwert nicht gegeben wäre, den kann ich beruhigen: Als Stanley-Veteran erwartet euch eine Menge frischer Inhalte und teils noch kurioseren Situationen. Vergesst nur nicht euren Eimer!


Abschließend sei noch kurz die Technik abgehandelt. Das Ursprungspiel lief 2013 noch auf der Source Engine, welche damals ausschließlich für den PC zur Verfügung stand. Mittlerweile läuft The Stanley Parable: Ultra Deluxe auf der Unity Engine und sieht daher wirklich hübsch aus und kommt mit einigen netten Grafikeffekten daher. Wer darüber hinaus jedoch eine deutsche Sprachausgabe erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Zwar bietet das Spiel euch deutsche Untertitel an, doch eine deutsche Synchronisation gibt es nicht.

Unser Fazit

9

Geniales Spiel

Meinung von Florian McHugh

The Stanley Parable: Ultra Deluxe ist eines dieser Spiele, auf die man den „Kunst“-Stempel drücken könnte. Das Spiel an sich bietet euch in Sachen Gameplay absoluten Minimalismus, kommt jedoch als bissiger Kommentar in Bezug auf die Videospielindustrie daher und animiert euch dazu, die vermeintlichen Grenzen eines Spiels zu durchbrechen. Begleitet wird das Ganze von der genialen Darbietung Kevan Brightings, der den Erzähler des Spiels vertont und der all eure Schritte kommentiert und sich zuweilen auch einmal mit euch als Spieler unterhält. Ein Spiel wie The Stanley Parable zu beschreiben, ohne groß zu spoilern, dürfte recht schwer werden und auch wenn der Fazit-Kasten gerne genutzt wird, um sich eine erste Meinung zu bilden, so ist meine Bitte: Lest euch den gesamten Test durch, denn in diesem kleinen Bereich ist es schier unmöglich, die Faszination auszudrücken, die dieses Spiel in mir ausgelöst hat. Wer nun trotzdem einfach nur das Fazit hören will: Unbedingt kaufen!
Mein persönliches Highlight: Die vielen Meta-Erlebnisse und -Kommentare. Und natürlich mein Eimer. MEIN Eimer!

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