Ein fantasievolles Abenteuer im Neonschein

Shadowrun Returns erschien erstmals 2013 für den PC und wagt nun fast zehn Jahre später den Sprung auf Konsolen, darunter die Nintendo Switch. Das einst per Kickstarter finanzierte Abenteuer basiert auf dem gleichnamigen Pen-and-Paper-Universum und entführt euch in eine dystopische Zukunft mit Fantasy-Elementen. Die Welt von Shadowrun zeichnet sich durch eine große soziale Kluft aus. Während die wenigen Wirtschaftsgrößen immer mächtiger und reicher werden, wächst die Unterschicht und zieht sich in desolaten Vierteln zurück, wo sie ein Dasein im Schatten fristet – geprägt von Gewalt, Prostitution, Drogenkonsum und Tod. Körperliche Defizite werden kurzerhand mit hochkomplexen Prothesen ausgeglichen und der Mensch entfernt sich immer mehr von seinem natürlichen Ursprung. Die sogenannten Shadowrunner erfüllen Aufträge für diejenigen, die den höchsten Scheck ausstellen, und schrecken dabei weder vor Diebstahl, Entführung oder gar Mord zurück. Shadowrun Returns liefert euch einen schonungslosen Einblick in eine solch traurige Existenz und kleidet das Ganze in das Gewand eines taktischen Rollenspiels. Ob das Abenteuer eure kostbare Zeit wert ist, möchten wir euch nun verraten.


Ein Serienkiller treibt sein Unwesen


Shadowrun Returns ist ein taktisches Rollenspiel mit Fokus auf der Narration. Ihr werdet demnach viel lesen und ebenso viel über die Welt erfahren, in der ihr euch bewegt. Vorwissen ist nicht unbedingt nötig, kann allerdings nicht schaden. Das zugrunde liegende Universum bedient nicht nur den klassischen Cyberpunk, sondern enthält auch Fantasy-Elemente wie Elfen, Orks, Zwergen, Trolle, Schamanismus und Magie. Was zunächst nach einer kruden Mischung klingt, entfaltet sich schnell als frische unverbrauchte Prämisse. Ehe ihr euer Abenteuer beginnt, müsst ihr euch einen Charakter erstellen. Zur Auswahl stehen fünf Rassen, zwei Geschlechter und eine Handvoll optischer Details. Zudem dürft ihr euch entscheiden, ob ihr mit einer vordefinierten Klasse starten möchtet oder eure anfänglichen Punkte selbst verteilt. Abschließend dürft ihr noch einen aus drei Schwierigkeitsgraden wählen. Habt ihr euer digitales Ebenbild gemeißelt und euch für eine Schwierigkeitsstufe entschieden, geht es auch schon los.


In den Feuergefechten solltet ihr stets auf eure Deckung achten!

© Paradox Interactive

Das Spiel beginnt mit einer ominösen Nachricht eures Kollegen und Freunds Sam Watts, die euch über seinen Tod in Kenntnis setzt. Nach einer kurzen Rückblende, die gleichzeitig als Tutorial dient, bittet euch der einstige Trunkenbold darum, seinen Mörder ausfindig zu machen. Da in der konfliktreichen Welt von Shadowrun Returns kaum Platz für Nächstenliebe bleibt, winkt natürlich eine saftige Belohnung für die Auslieferung des Übeltäters – tot oder lebendig. Schnell findet ihr jedoch heraus, dass es sich hierbei nicht um einen Einzelfall handelt und der Henker mit präziser anatomischer Kenntnis vorgeht. Den Opfern werden allesamt ausgewählte Organe entnommen, die sie zuvor per Spende erhalten haben. Ein blutiger Pfad zeichnet euren Weg und es liegt an euch, den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.


Die Geschichte von Shadowrun Returns unterhält für etwa zwölf Stunden und überrascht mit zahlreichen Wendungen. Die lineare Erzählweise erlaubt es zwar kaum, euren eigenen Weg einzuschlagen, hält aber auch Störquellen fern und behütet euch vor ausufernder Ablenkung. Die Texte sind allesamt schön geschrieben und könnten geradewegs aus der Literatur stammen. Obwohl die Dialoge zwischen einzelnen Charakteren verhältnismäßig starr präsentiert werden, erhält man dank der ausführlichen Beschreibungen einen guten Eindruck über die Gefühlswelt des Gegenübers, ohne dass dessen Charaktermodell aufwendige Mimik und Gestik vollzieht. Etwas ärgerlich ist hingegen, dass das Spiel einzig die englische Sprache unterstützt. Eine deutsche Übersetzung sucht ihr vergeblich.


Der farbenfrohe Schein verschiedener Neonröhren ist in der Welt von Shadowrun Returns keine Seltenheit.

© Paradox Interactive

Aufgelockert wird die textlastige Handlung durch taktische Kämpfe, die in Runden ausgefochten werden. Zwar ist euer Charakter vorzugsweise alleine unterwegs, wird jedoch gelegentlich von Auftraggebern oder gar einem eigens zusammengestellten Team begleitet. Kommt es zu einer Auseinandersetzung, wird das Schlachtfeld in ein Raster unterteilt. Zug um Zug bewegt ihr eure Spielfigur oder führt verschiedene Aktionen aus. Wie weit sich euer Charakter binnen einer Aktion bewegen kann, hängt von dessen Attributen ab. Mittels Prozentanzeige über den Köpfen eurer Gegner wird euch signalisiert, wie hoch die Chancen für einen erfolgreichen Angriff stehen. In einem rudimentären Ausrüstungsmenü stattet ihr euren Charakter für den Ernstfall aus. Welche Waffe sagt eurem Spielstil zu? Geht ihr gerne auf Tuchfühlung, greift zum Schwert oder der Schrotflinte! Möchtet ihr hingegen auf Distanz bleiben, zückt die Pistole oder das Sturmgewehr! Wollt ihr nicht auf derartige Mordinstrumente angewiesen sein, schult eure magischen Fähigkeiten! Shadowrun Returns weist euch zahlreiche Wege, solche Konfrontationen zu lösen. Leider lässt die Tiefe nach einer Weile etwas zu wünschen übrig, verhalten sich doch alle Projektilangriffe sehr ähnlich und laufen nach demselben Schema ab.


Seid ihr einmal nicht mit dem Lesen von Dialogen oder Kämpfen beschäftigt, könnt ihr euren Charakter ausstatten. Eure Spielfigur kann dreierlei Waffen und sechs Hilfsgegenstände zugleich tragen. Zudem dürft ihr euer virtuelles Counterfeit in ein einteiliges Outfit hüllen, welches sich positiv auf eure Attribute auswirkt. Durch erfolgreiche Kämpfe und abgeschlossene Missionen verdient ihr Karma, welches ihr in die sechs Grundeigenschaften fließen lassen könnt und das klassischen Erfahrungspunkte ersetzt.


Shadowrun Returns präsentiert sich aus der isometrischen Perspektive und verzichtet auf eine offene Spielwelt. Linear reist ihr von Areal zu Areal und schließt dort eure Missionen ab. Erkundung lohnt sich nur sehr selten, da es abseits des Hauptpfads leider nicht allzu viel zu entdecken gibt. Dennoch glänzen die Umgebungen mit einer hohen visuellen Abwechslung und wissen den Spagat zwischen Reichtum und Armut zu meistern. Unglücklicherweise zählt das nicht für die wenigen Matrix-Abschnitte, obwohl man gerade da kreative Grenzen hätte sprengen können. Hacking mag selten unterhaltsam in Videospielen dargestellt werden, doch hier herrscht pure Monotonie, was die Reise in den Cyberspace wie einen jährlichen Pflichtbesuch bei den Großeltern erscheinen lässt – die Zeit möchte einfach nicht vergehen. Auch die musikalische Untermalung kann nicht überzeugen. Zwar gehen die Melodien aus dem Synthesizer gut ins Ohr, wirken aber oftmals etwas deplatziert und fehlen an den richtigen Stellen, was die audiovisuelle Harmonie ein bisschen stört.


Durchwachsene Technik trübt das Gesamtbild


Das urbane Abenteuer flimmert stets flüssig über den Bildschirm der Nintendo Switch – und das sowohl im mobilen als auch im stationären Betrieb. Leider ist jeder größere Gebietswechsel mit einer verhältnismäßig langen Ladezeit verbunden. Das wäre an sich kein Problem, wenn diese auch als eine solche erkennbar wäre. Während des Testzeitraums erweckte häufig ein Standbild des letzten Geschehens eher den Eindruck, als sei das Spiel abgestürzt, nur um nach einer gefühlten Minute in den regulären Ladebildschirm zu münden. Auch blieben Auftragsmarkierungen gelegentlich auf dem Bildschirm erhalten, obwohl das besagte Missionsobjekt schon lange in das Inventar eures Charakters gewandert ist. So etwas führt zu unnötiger Verwirrung und zeugt von Unsauberkeit bei der Portierung. Hier sollte unbedingt mittels Patch nachträglich poliert werden.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Felix Kraus

Shadowrun Returns ist kein vollwertiges Rollenspiel. Dafür ist der Verlauf viel zu linear und die Charakterentwicklung zu rudimentär gehalten. Vielmehr wird euch ein fesselndes Abenteuer mit entsprechenden Elementen des Genres geboten. Die Handlung ist spannend und fängt die Essenz der Pen-and-Paper-Vorlage gut ein. Ebenso kann die optische Darstellung der futuristischen Dystopie vollends überzeugen. Leider könnt ihr keinen großartigen Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen und die taktischen Gefechte verlieren mit der Zeit ein bisschen an Reiz. Zudem lassen sich Mängel in der Portierung feststellen, die teilweise in unnötiger Verwirrung resultieren. Sollte hier mittels Patch nachgeholfen werden, dürft ihr der Bewertung gerne noch einen Punkt hinzufügen.
Mein persönliches Highlight: Die starken Texte und treffende Präsentation.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 2

  • wonderboy

    Turmbaron

    Kein Deutsch - Kein Kauf!

  • Fabinho84

    Turmbaron

    wonderboyherrje wenn ich das schon lese, englisch sollte jeder ausreichend können um ein paar Textboxen zu lesen und wenn nicht, sind gerade Games die perfekte Gelegenheit das zu lernen. Wir haben uns damals bei jedem Rpg gefreut , wenn es überhaupt im Westen kam und auf englisch war.