Der kindliche Zerstörungstrieb kehrt zurück

Schon als Kinder bereiteten meinem Bruder und mir Titel wie Burnout oder FlatOut auf der PlayStation 2 große Freude, vergnügten wir uns doch in der heimischen Garage damit, kleine Matchbox-Autos an die Wand zu donnern, in der Hoffnung abgeflogene Teile aufsammeln zu können. Der kindliche Zerstörungstrieb war groß – manchmal vielleicht zu groß. Als wir dieses Erlebnis virtuell an Konsolen erleben konnten, wollten wir die Gamepads gar nicht mehr auf Seite legen. Mit Wreckfest versucht das Studio Bugbear Entertainment an diese zerstörerischen Gegebenheiten anzuknüpfen. Ob dieser Titel nach all den Jahren ähnliche Freude in mir auslösen konnte, erfahrt ihr in folgendem Test.


Destruktionstrieb in einer Vielzahl an Disziplinen


Wie schon bei anderen Vertretern des Genres, steht bei Wreckfest ebenfalls das Demolieren und Ausschalten gegnerischer Autos im Vordergrund. Egal ob im klassischen Rundkurs, in einer Arena oder auf dem weiten Feld – die Devise ist: Rase so heftig wie möglich in andere Karosserien, bis deine als letztes fahrtüchtig ist. Die Prämisse ist also sichtlich einfach, wie aber kann dieses Gamedesign anhaltend Spaß machen? Um diese Frage zu klären, fangen wir etwas weitsichtiger an. Wreckfest bietet bereits zu Beginn eine Menge abwechslungsreiche Modi und wie bei klassischen Rennspielen startet ihr auch hier mit eher unspektakulären Autos, die in Buchstaben klassifiziert werden. Für jede Disziplin gibt es eine eigene Kfz-Kategorie – manche sind auf die angesprochene Zerstörung ausgelegt, mit wiederum anderen müssen klassische Rennen wie ein Rundkurs abgeschlossen werden. So wird viel Abwechslung in das sonst recht eintönige Grundgerüst gebracht, die ich sehr begrüße, da sie mich auch nicht selten schmunzeln ließ. Irgendwie hatte es dann doch was, Gegner mit Rasenmähern oder Mähdreschern auszuschalten.


Bereits zu Beginn wird ein deutlicher Eindruck von Wreckfest vermittelt.

© THQ Nordic

Das vollständig kindliche Feeling kommt aber auf jeden Fall in den angesprochenen Arena-Kämpfen zum Vorschein. Wie bei einem aktuell im Trend stehenden Battle Royale, startet ihr als einer von 16 Fahrenden in einer Gitterarena, deren Wände gewölbt sind, sodass ihr diese vertikal hochfahren könnt. Mittig stehen ebenfalls Hindernisse, die zum Befahren einladen – mit einem Sprung in gegnerische Autos rasen hat dann doch schon noch etwas Stil. Insgesamt besteht der Singleplayer aus mehreren größeren „Meisterschaften“, die anfänglich an Amateure, später aber dann auch an Profis gerichtet sind. Diese bestehen wiederum aus vielen unterschiedlichen Disziplinen, sodass ihr selten mehrere Rundkurse als Kategorie hintereinander abschließen müsst. So erwartet euch immer was Neues und es wird selten langweilig – im Gegenteil, ich war immer gespannt darauf, was mich als nächstes erwarten würde. Das spielerische Angebot von Wreckfest ist groß: Neben den erwähnten Meisterschaften wird euch immer noch Content nachgeliefert. Dieser kommt in Form von temporären Events (Saisons), die neue Disziplinen ins Spiel bringen. Darunter fällt zum Beispiel ein Modus, in dem ihr so schnell wie möglich goldene Münzen sammeln müsst; in einem anderen Modus bestimmt nur eure Punkteanzahl, wer am Ende das Siegertreppchen erklimmen darf. Seid ihr eher gesellig unterwegs und mögt Online-Multiplayer-Action, dann seid ihr bei Wreckfest ebenfalls richtig. Egal ob eine kurze Session im Schnellen Spiel, private Matches, oder Spezialrunden – das Angebot scheint endlos. Während der Testzeit liefen Online-Matches tadellos, lediglich die Anzahl der Spielerinnen und Spieler war sehr gering, sodass der Rest mit Bots aufgefüllt werden musste.


Taktische Herangehensweisen trotz Zerstörungsdrang


In den Rundkursen trefft ihr wie erwähnt auf klassisches Racing-Gameplay. Ihr startet auch hier als einer von 16 Fahrerinnen und Fahrern und müsst wie gewohnt als erstes die Ziellinie überqueren. Hier unterscheidet sich Wreckfest ein wenig von anderen Titeln im Renn-Genre: Es wird auch hier von euch verlangt, so unfair wie möglich zu fahren, um andere Fahrzeuge beispielsweise komplett auszuschalten, auszubremsen, oder rauszudrehen. Gelingt euch dies, erhaltet ihr extra Erfahrungspunkte – laufen parallel dazu noch Nebenziele, können die zu erhaltenen Punkte deutlich in die Höhe schießen. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf passt ihr eure Fahrweise an. Die Nebenziele gestalten sich wie zu erwarten mit Dingen, die eine gewisse Fahrweise von euch verlangen. Beispielsweise müsst ihr Schäden in einer gewissen Höhe anrichten, den ersten Platz für eine gesamte Runde belegen oder eine Anzahl an Gegnern während des Rennens ausschalten. Damit lockert Wreckfest das sonst eintönig bleibende Gameplay auf, was von euch verlangt, Fahrweisen anzupassen – manchmal entgehen euch sonst wirklich spaßige Kanten des Spiels. Beispielsweise ist es unheimlich befriedigend, ein gegnerisches Fahrzeug auszuschalten; am besten noch, wenn es sich um euren Rivalen handelt. Dieser entsteht, solltet ihr plötzlich und unverhältnismäßig in ein anderes Fahrzeug hinein rasen, und begleitet euch bis zum Ende des Rennens. Zusammenpralle mit und Demolierungen dieses Gegners bescheren euch zusätzliche Punkte für das Rennen.


Mal findet ihr euch auf normalen Straßen wieder, manchmal auf fremden Feldern.

© THQ Nordic

Damit ihr aber nicht gedankenlos drauf los rast, gibt es im Spiel einen kleinen Indikator, der den Zustand des Fahrzeugs angibt; dazu gibt es noch eine „Lebensanzeige“. Fällt diese auf null war es das mit euch und ihr bleibt liegen. In manchen Disziplinen führt dies automatisch zum Game Over im Rennen, in anderen gehört dies jedoch dazu und ihr könnt neu einsteigen, müsst aber einige Abstriche in der Punktevergabe verkraften. Aber auch hier ist das System ein wenig ausgeklügelter: Der Indikator nimmt die Form eines Autos an und zeigt auf, welche Teile besonders betroffen sind. Rammt ihr beispielsweise eher mit einer vorderen Ecke, kann es schnell passieren, dass dieser Reifen den Geist aufgibt, was logischerweise Folgen auf das Fahrverhalten des Autos hat. So wird gefordert, dass ihr im Eifer des Gefechts dann doch ein wenig aufpassen müsst; eine Mechanik, die noch ein wenig positiven Kniff in die ganze Sache bringt, ist Wreckfest auf den ersten Blick doch nur an Zerstörungswütige gerichtet.


Aber nicht nur die Anpassungen eurer Fahrweise bestimmt euren Erfolg: Wreckfest bietet zudem die Möglichkeit, eure Autos unabhängig der verbauten Teile zu tunen. Demnach könnt ihr beispielsweise die Härte der Federung und andere Teilen verändern, je nachdem, welches Rennen auf euch wartet. Hier sind wir aber wirklich bei den detailreichsten Einstellungen angekommen, die bei harten Nüssen von Nutzen sein können. Dies möchte ich ebenfalls positiv hervorheben: So stupide Wreckfest auf den ersten Blick erscheinen mag, beinhaltet es doch detaillierten Ernst, um Rennen zu bestreiten. Diese Ernsthaftigkeit wird nicht selten mit skurrilen Disziplinen und Events so aufgelockert, dass ein entspannter und humorvoller Racing-Mix entsteht. Der Titel könnte also wie folgt erweitert werden: Drive Hard, Drive Smart, Die Last.


Motivierende Progression und Fahrzeuge aus aller Welt


Etwas Ernsthaftigkeit wird auch beim Kauf neuer Fahrzeuge gefordert, denn hier müsst ihr euch nämlich gut überlegen, welches Vehikel ihr euch als nächstes anschafft. Mit steigenden Erfahrungspunkten erhöht sich euer Level und ihr erhaltet dadurch Zugang zu neuen Teilen, mit denen ihr das Auto aufwerten könnt. Diese wiederum haben natürlich ihren Preis – hier kommt die Währung in Form von Credits ins Spiel. Für spätere Disziplinen müsst ihr euren Fuhrpark nämlich definitiv ausbauen. Mit der Möhre, die euch zum Start geschenkt wird, kommt ihr recht früh schon am Straßenrand zum Liegen. Idealerweise besteht euer Fuhrpark früher oder später aus Karosserien aus aller Welt und am besten noch aus unterschiedlichen Modellen, die für ihre eigenen Disziplinen vorgesehen sind. So wird auch ein kleiner Sammeltrieb geweckt, am Ende alle verfügbaren Autos zu besitzen. Wie angesprochen werden nicht nur Autos freigeschaltet, sondern auch Teile, die eure Autos aufmotzen. Jedes Kfz könnt ihr in einem gesonderten Menü tunen – dazu gehörten neue Motoren, Reifen, Bremsen und alles, was das Kfz-Herz begehrt. Durch neue Teile steigt auch ein Indikator, der die Leistung eures Fahrzeugs angibt. Fans kommt diese Funktion aus anderen, eher klassischeren Rennspielen bekannt vor. Für die Kreativen unter euch gibt es auch die Funktion, das Aussehen eures Fahrzeugs zu verändern. In diesem Menüpunkt könnt ihr euch zwar nicht komplett frei entfalten, euch stehen aber etliche Optionen zur optischen Anpassung der Fahrzeuge zu Verfügung – dort ist wirklich für jeden was dabei. So vielfältig wie die Design-Entscheidungen bei Wreckfest ausgefallen sind, ist der enthaltene Soundtrack. Dieser reicht von fetzigen Rock- und Metal-Sounds bis hin zu Techno oder Drum and Bass. Leider kann die Musikauswahl weder eingesehen, noch angepasst werden.


Zu guter Letzt gehe ich auf die Unterschiede zwischen Handheld- und Docked-Modus ein. Im Handheld-Modus schraubt die Nintendo Switch ihre Auflösung ordentlich runter, um die 30 Bilder pro Sekunde zu halten. Wirklich selten ist die Bildrate eingebrochen; wenn, dann beispielsweise beim Start eines Rennens, wenn 16 Autos gleichzeitig in Bewegung geraten. Daher kann ich gerne von den Einbrüchen absehen. Ich gewöhnte mich zudem schnell an das Aussehen und konnte während meiner Bahnfahrten einige spaßige Matches absolvieren. Auf dem heimischen Fernseher sieht die Lage schon deutlich anders aus: Das Bild wird ordentlich hochskaliert und Ruckler oder Einbrüche sind nahezu vollständig Geschichte – hier hat das Entwicklerstudio ordentliche Arbeit geleistet.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Michael Barg

Wreckfest ist ein riesiger Spielplatz für Autoliebhaber, vollgestopft mit humorvollen Momenten, die sich selten zu ernst nehmen. Freudestrahlend steuerte ich den Mähdrescher durch die Felder, mit dem Ziel, meine Kontrahenten auszuschalten und Schaden anzurichten. Ein wenig Ruhe kehrte dann mit eher klassischen Rundkursen ein, die trotzdem das hauseigene Wreckfest-Flair beinhalteten. Das Gameplay wird nicht langweilig, fordert stattdessen an manchen Stellen Taktik und das Aufsteigen in Leveln zum Freischalten neuer Autos und deren Teilen und motiviert dadurch auch länger, sich auf die Piste zu begeben. Das Entdecken der vielfältigen Spielmodi hält langfristig an und ein funktionierender Multiplayer-Modus ist auch enthalten. Vor allem im Docked-Modus macht Wreckfest eine unheimlich gute Figur, die Abstriche im Handheld-Modus sind auch definitiv tragbar.
Mein persönliches Highlight: Skurrile Fahrzeuge, der kindliche Zerstörungstrieb und das breitgefächerte Angebot an Spielmodi.

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 6

  • Flomo

    Turmbaron

    Echt läuft es mit 60 Bilder ?

  • Michael Barg

    Redakteur

    Flomo Im Docked-Modus erreicht es auf jeden Fall die 60, nur das Halten ist schwierig, je nachdem, was eben gerade los ist. Trotzdem super flüssig und sehr angenehm, mal die 60 ausgereizt zu sehen! :D

    Edit: Ich muss mich leider verbessern, nachdem mich mein werter Kollege ebenfalls auf die Bildrate angesprochen hat, habe ich nochmal recherchiert und Wreckfest kurz angeschmissen. Die Bildrate bleibt bei nach wie vor bei 30 FPS, nicht bei den fälschlicherweise angegebenen 60 Bildern. Im Test wurde es schon angepasst, möchte dich aber hier in den Kommentaren ebenfalls aufklären :)

  • Flomo

    Turmbaron

    Michael Barg

    Danke , ja also mir kam es im TV Modus auch Butter weich wie 60 FPS vor ,aber nirgends stand 60 FPS . Darum meine Frage 😅

  • AlexWoppi

    Turmbaron

    Weiß jemand, wann der Patch kommt, der die Game Crashes im Turniermodus beheben wird? Aktuell ist es nicht möglich, den Modus der 50+ Tage geht, zu absolvieren. Sobald man mit ner Karre die Rampe hoch will, stürzt es ab.

  • 489100

    Es sieht echt gut aus. Ich wünsche allen viel Spaß damit.

  • Flomo

    Turmbaron

    AlexWoppi

    Das Problem habe ich auch .

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