Cyberpunk trifft auf Esoterik

Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition bildet den vorläufigen Abschluss der im vergangenen Juni auf Konsolen veröffentlichten Shadowrun Trilogy. Wart ihr zuvor in Seattle und sogar in Berlin unterwegs, verschlägt es euch dieses Mal in das Reich der Mitte – kurzum: die Volksrepublik China. Das Taktik-Rollenspiel erschien erstmals 2015 für den PC und nutzt dieselbe Engine wie die beiden Vorgänger, Shadowrun Returns und Shadowrun: Dragonfall - Director's Cut. Als Grundlage dient ein weiteres Mal das Pen-and-Paper-Universum von Shadowrun, welches eine urbane Dystopie zeichnet und den klassischen Cyberpunk mit Elementen der traditionellen Fantasy vereint. Wie sich der dritte Teil im Vergleich mit den vorherigen Ablegern schlägt, erfahrt ihr hier!


Auf der Suche nach dem Ziehvater


Wie schon in Shadowrun Returns und Shadowrun: Dragonfall - Director's Cut beginnt auch Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition mit der Erstellung eures Charakters. Dafür baut ihr euch im altvertrauten Baukasten eure Spielfigur zusammen. Ihr könnt euch entscheiden, ob ihr euch als Mensch oder Meta-Human – sprich Elf, Zwerg, Ork oder Troll – ins Abenteuer stürzen wollt. Hiermit legt ihr zugleich das Potenzial eures digitalen Ebenbilds fest. Während ihr als Elf mit eurer Eloquenz überzeugt, lassen Orks und Trolle gerne die Muskeln spielen. Ein Mensch hat hingegen keine nennenswerten Stärken, jedoch ebenso wenige Schwächen. Die eigentliche Ausrichtung zeigt sich allerdings im nächsten Schritt, der Klassenwahl. Diese ist rein optional und richtet sich primär an Neulinge, die um die einzelnen Attribute noch nicht Bescheid wissen. Wählt ihr eine Klasse, werden vorweg bereits Karmapunkte in die wichtigsten Eigenschaften investiert. Lehnt ihr das Angebot ab, habt ihr freie Hand bei der Verteilung. Anschließend dürft ihr euch noch ein Porträt aussuchen und die optischen Merkmale eurer Spielfigur anpassen. Den Abschluss markiert wie gewohnt die Wahl des Schwierigkeitsgrads, von denen es insgesamt drei gibt – Easy, Normal und Hard.


Strategische Gefechte stehen auch hier auf der Tagesordnung.

© Paradox Interactive

Anders als in den vorherigen Ablegern beginnt ihr in Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition nicht als Shadowrunner, sondern werdet vielmehr zum kriminellen Handwerk gedrängt. Die Handlung startet mit einer verzweifelten Nachricht eures Ziehvaters, der euch und euren Bruder um ein Treffen in Hong Kong bittet. Dem Ruf folgend, macht ihr euch auf den Weg von Seattle in die chinesische Metropole, wo euer Bruder, der zwischenzeitlich eine Ausbildung zum Gesetzeshüter genoss, auf euch wartet. Nach einer kurzen Begrüßung am Hafen stoßt ihr auch schon auf den ersten Widerstand: Ein paar Gangster kreuzen auf und zwingen euch zur Notwehr. Dank der Zusammenarbeit zwischen euch, eurem Bruder und dessen Partnerin könnt ihr die Gefahr allerdings schnell bannen – doch die Ganoven bildeten nur die Vorhut des bevorstehenden Übels. Ihr trefft auf eine Gruppe Shadowrunner, die ebenfalls von eurem Ziehvater kontaktiert worden war, und erneut fallen Schüsse – nur dieses Mal vonseiten der Polizei. Irgendjemand hat einen Suchbefehl auf euch und euren Bruder ausgestellt. Mit herben Verlusten schafft ihr es, in die Kanalisation zu flüchten, und taucht mit den verbliebenen Shadowrunnern unter. Warum es die Staatsgewalt auf euch abgesehen und was das Ganze mit eurem Ziehvater oder Fēng Shuǐ zu tun hat, gilt es nun, herauszufinden.


Die Geschichte von Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition unterhält für knapp zwanzig Stunden und noch einmal etwas länger, wenn ihr wirklich alle Nebenmissionen abschließen und Schriftstücke untersuchen möchtet. Erzählt wird das Ganze hauptsächlich in Textform, obwohl erstmals auch kleine Zwischensequenzen das Geschehen auflockern. Deswegen solltet ihr auch dieses Mal eine Leidenschaft für das Lesen mitbringen und der englischen Sprache mächtig sein. Shadowrun: Hong Kong – Extended Edition serviert euch wieder einmal ein sauber geschriebenes Abenteuer und kompensiert visuelle Defizite, wie die nahezu vollständige Abwesenheit von Mimik und Gestik, mit einem lebhaften Schreibstil, der die eigene Vorstellungskraft stimuliert.


Die Matrix-Abschnitte sind nicht perfekt, machen aber deutlich mehr Spaß als in den Vorgängern.

© Paradox Interactive

Selbstverständlich müsst ihr auch in Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition regelmäßig zur Waffe greifen und in taktischen Gefechten bestehen. Diese unterscheiden sich kaum von den Vorgängern und laufen nach demselben Schema ab. Begegnet ihr einem Gegner, schaltet das Spiel in den Kampfmodus und überzieht die Umgebung mit einem Raster. Erstmals dürft ihr sogar selbst die Initiative ergreifen und per Knopfdruck zum Erstschlag ausholen. Zug um Zug bewegt ihr eure Spielfiguren über jenes Raster und führt Aktionen aus, bis euer Gegenüber kapituliert oder stirbt. Um euch nicht schutzlos dem feindlichen Feuer auszusetzen, nutzt ihr das Rauminventar als Deckung. Je nachdem, wie massiv das Objekt ist, hinter dem ihr euch versteckt, fällt dessen Schutz aus. Hier wird zwischen kaum, mittelmäßiger und vollständiger Deckung unterschieden. Je höher, desto weniger Schaden müsst ihr fürchten. Gekämpft wird mit dem üblichen Arsenal, wie es schon in den vorherigen Ablegern vertreten war. Haltet eure Gegner mit Gewehren auf Distanz, geht mit Schrotflinten und Schwertern auf Tuchfühlung oder lasst magische Avatare eure Drecksarbeit verrichten – ihr habt die Wahl. Leider stellt sich auch dieses Mal schnell Monotonie in den Auseinandersetzungen ein.


Abseits der Kämpfe erkundet ihr die überschaubaren Areale, führt Gespräche, stattet euren Charakter aus und verteilt Karma – das Äquivalent zu den klassischen Attributspunkten. Erfolgreiche Missionen belohnen euch mit Geld und dem besagten Karma. Das Geld fließt primär in Ausrüstung, kann jedoch auch gelegentlich zur Bestechung oder Informationsbeschaffung verwendet werden. Das Karma investiert ihr in die Eigenschaften eurer Spielfigur und schult sie damit im Umgang mit der Schusswaffe, Worten oder auch Magie. Wofür ihr euch auch entscheidet, in Heoi – dem Hub von Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition – gibt es mindestens einen Händler, der euch mit der passenden Ausrüstung versorgen kann.


Auch audiovisuell bleibt Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition der Reihe treu. Erneut erlebt ihr das Abenteuer aus der isometrischen Perspektive und wieder einmal verzichtet man auf eine offene Welt. Optisch steht das futuristische Hong Kong den Schauplätzen der Vorgänger in nichts nach. Grelle Neonlichter erhellen die finsteren Gassen, schmutzige Slums stehen den sterilen Gebäuden der Wirtschaftsmogule gegenüber, zwielichtige Spelunken säumen den Straßenrand und Regen prasselt unaufhörlich auf den Asphalt. Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition hat den Cyberpunk verstanden und zaubert euch die ungeschönte Wahrheit der urbanen Dystopie auf den Bildschirm. Selbst die Matrix-Abschnitte können sich erstmals sehen lassen! Zwar können die virtuellen Passagen noch immer nicht mit der Vielfalt der realen Welt mithalten, sind nun aber deutlich abwechslungsreicher und dynamischer gestaltet. Dasselbe gilt für den Soundtrack, der nun etwas vielschichtiger daherkommt als in früheren Teilen.


Dürftige Technik erschwert Fortschritt


Technisch macht Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition leider mehrere Schritte zurück. Zwar läuft das Spiel sowohl im mobilen als auch stationären Betrieb der Nintendo Switch flüssig, das wackelige Gerüst der Vorgänger kommt jedoch auch hier zum Einsatz und stürzt nicht selten ein. Die Ladezeiten sind erneut unverhältnismäßig lang, öfter musste das Spiel neu gestartet werden, weil keine Eingaben mehr registriert wurden oder der Bildschirm einfror, und die letzte Mission ließ sich einfach nicht ohne Weiteres abschließen. Im nachfolgenden Spoiler-Kasten werde ich auf den Fehler eingehen und Details aus der Geschichte verraten. Möchtet ihr davon nichts wissen, überspringt bitte den Rest und scrollt zum Fazit!


Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Felix Kraus

Shadowrun: Hong Kong - Extended Edition ist, lässt man die Technik außer Acht, das beste Spiel der Reihe. Es ist mindestens genauso offen wie Shadowrun: Dragonfall - Director's Cut, hat sich der unsäglichen Matrix-Abschnitte angenommen, den Soundtrack verfeinert und präsentiert sich wieder einmal in gewohnt stimmungsvoller Optik. Die Handlung ist mitreißend und glänzt mit tollen Texten, die das Geschehen auf dem Bildschirm zusätzlich ausschmücken. Leider stellt sich auch dieses Mal schnell Monotonie in den Kämpfen ein – ein Problem, das schon die Vorgänger plagte – und die Technik ist widerspenstiger denn je. Wartet also lieber den nächsten Versionssprung ab.
Mein persönliches Highlight: Die tollen Dialoge und fernöstliche Szenerie.

Die durchschnittliche Leserwertung

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