Wenn aus Gegenständen Fenster zur Vergangenheit werden

Der Publisher Annapurna Interactive glänzt in seinem Portfolio besonders durch narrative Abenteuer, die gerne etwas künstlerischer daherkommen, aber nicht weniger eindrucksvoll ihre dann doch recht kurzen Geschichten erzählen. Besonders mit Titeln wie What Remains of Edith Finch oder Florence machten sie sich einen Namen in der Storytelling-Riege der Videospiele. Auch Hindsight möchte sich in diesen Reihen einordnen, erinnert es doch sehr an Florence oder A Memoir Blue, das im März erschien. Durch Hindsight möchte die Autorin Emma Kidwell eine ganz persönliche Geschichte der Trauer, des Verlusts, aber auch des Erkundens der eigenen Vergangenheit erzählen. Wie gut ihr das gelingt und was es in mir auslöste, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.


Zurücklehnen und mit den Gedanken arbeiten


Hindsight ist ungewöhnlich – in jeglicher Hinsicht. Bereits zu Beginn muss erwähnt werden: Interaktion und Einfluss sind hier eher weniger präsent, eher klickt ihr höchstens auf Gegenstände und bewegt euch so mit Kamerafahrten durch die Welt von Hindsight. Viel „zu tun“ gibt es nicht, eher wird von euch verlangt, ein wenig zurückzutreten und zu beobachten, anzuschauen und zu verarbeiten. In Hindsight schlüpft ihr in die Rolle von Mary, einer Frau, die in den USA aufwächst, aber japanische Wurzeln hat. Das Adventure wird aus ihrer Sicht erzählt. Ihr begleitet Mary, wie sie nach und nach ihre Vergangenheit und damit die Beziehung zu ihren Eltern entdeckt. Gerade zu Beginn fühlt sich Hindsight wie ein offener Brief an mit dem Ziel, Unausgesprochenes der Vergangenheit darzulegen. Die Worte sind dabei besonders an ihre Mutter gerichtet, teilweise auch an ihren Vater.


Bestimmte Winkel gewähren Eintritt in andere Zeitabschnitte.

© Team Hindsight

Mary besucht ihr verlassenes Elternhaus, um Möbel, Küchenutensilien, aber auch Erinnerungsstücke abzuholen, mit dem Wissen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Diese Gegenstände fallen ihr nach und nach in die Hände und sorgen dann dafür, dass sie sich an bestimmte Szenerien erinnert und diese dann als Rückblick neu erlebt. Natürlich fängt dies in der Kindheit an und ihr seht, – wie sie auch – wie Mary heranwächst und mit allerlei Alltagsproblemen konfrontiert wird. Dazu zählen in ihrem Fall der erzwungene Klavierunterricht oder der Druck, zum College gehen zu müssen – als erste und einzige ihrer Familie. Jedes Kapitel bearbeitet dabei andere Abschnitte des Lebens, die kontinuierlich rekonstruiert werden. Durch das erneute Erleben dieser Erinnerungen bekommt Mary eine neue Sicht auf die Dinge, reflektiert und teilt ihre Gedanken. Wir als Spielerinnen und Spieler beobachten ihren Werdegang, ohne stark dabei involviert zu werden. Gleichzeitig spielt Identifikation trotzdem eine Rolle – ein Paradoxon des Abstands, aber auch unmittelbare Nähe zum Geschehen wird geschaffen.


Das spiegelt sich auch im Gameplay wider: Statt dass ihr Mary aktiv steuert, klickt ihr Symbole der Erinnerung, Silhouetten und vor allem Gegenstände an, welche Kamerabewegungen zur Folge haben, die in neue Einblicke schwenken. Hindsights Schauplätze werden nämlich in Form von dreidimensionalen Standbildern gezeigt, lediglich euer Cursor lässt euch mit dem Geschehen interagieren. So wirklich komplex wird es nie, die Interaktion wird so gering wie möglich gehalten und trotzdem ist das Medium Videospiel für diese Art von Erzählung korrekt ausgewählt. Eher erinnert es an Point-And-Click-Adventures, trotzdem erweitert die präsente Steuerung der Kamera und die dadurch zu erschaffenden Perspektiven das Spiel enorm. Es werden kontinuierlich neue Fenster in die Vergangenheit geschaffen, die durch Gegenstände ausgelöst werden. Vor allem hier liegt Hindsights Stärke. Damit ihr in neue Sequenzen eindringen könnt, bewegt ihr die Kamera und schlüpft durch verschiedene perspektivische Winkel in neue Erinnerungen. Besonders visuell spielt Hindsight mit Formen und Farben, die selten im Genre zu finden sind und sticht sehr stark hervor. Der Übergang von Szene zu Szene ist jedes Mal aufs Neue wirklich beeindruckend und gerade für das künstlerische Auge ein Genuss. Auditiv wird Marys Geschichte überwiegend mit seichten Sounds eher atmosphärisch unterstützt, vermutlich mit der Intention, nicht vom Visuellen ablenken zu wollen. Hier hätte ich mir jedoch mehr auditive Tiefe gewünscht, – auch wenn das vermutlich Geschmackssache ist.


Hindsight glänzt mit farbenfrohem und minimalistischem Design.

© Team Hindsight

Hindsight ist mit seinen drei Stunden auf dem Papier recht kurz, dennoch für mich die optimale Länge für ein solches recht langsames und entschleunigtes Abenteuer. Tatsächlich ist zu empfehlen, das Spiel sehr aufmerksam und an einem Stück zu verfolgen – so gehen keine Informationen durch eine Pause verloren und die Stimmung wird aufrechterhalten. Zusammenfassend erkundet ihr in Hindsight Marys Vergangenheit, bekommt durch die Rückblicke eine neue Sicht auf Dinge, die nun zurückliegen und nicht mehr aktiv verändert werden können. Lediglich der gegenwärtige Umgang kann angepasst werden.


Hindsight setzt sich mit der eigenen Identität sowie der eigenen und fremd erscheinenden Kultur auseinander, was oft zu Konflikten mit den eigenen Eltern führt. Die Diskrepanz zwischen Eltern und Kind, die jeweils in anderen Kulturen aufwuchsen bzw. aufwachsen sorgt für innere, aber auch deutliche äußere Ungereimtheiten. Hindsight schafft es glorreich, beide Seiten der Medaille darzulegen. Gleichzeitig lebt es stark von Identifikation, erweitert aber auch den eigenen Horizont und regt zum Nachdenken an, mit der eigenen Vergangenheit Frieden zu schließen oder sich zumindest erneut auseinanderzusetzen. Spielerinnen und Spieler, die eher wenig mit interaktionsarmen Videospielen mit Fokus auf einer Geschichte anfangen können, werden mit Hindsight definitiv keinen Spaß haben. Andere wiederum, die dort Anklang finden können und gleichzeitig künstlerisch interessiert sind, werden umso tiefer in die Welt von Hindsight eintauchen wollen. Schlussendlich lief der Titel nahezu tadellos während des Testzeitraums, lediglich kleine Ruckler bei manchen Übergängen waren zu finden, die in den drei Stunden aber an der Hand abzuzählen waren und somit nicht wirklich schwer gewichten.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Michael Barg

Hindsight ist außergewöhnlich, sowohl als Genrevertreter selbst, aber auch in der Präsentation. Es erzählt eine Geschichte über Trauer, Verlust der eigenen Identifikation und Kulturkonflikte. Die Protagonistin Mary bereist ihre eigene Vergangenheit und stellt sich ihren Ängsten und Fehlern, reflektiert und gewinnt Abstand. Besonders visuell ist Hindsight einzigartig, auditiv ist für meinen Geschmack noch etwas Luft nach oben. Die Übergänge der Szenen und Kapitel und das Spielen mit Perspektiven in Verbindung mit dem Storytelling ist eine herausstechende Erfahrung. Spielerinnen und Spieler, die wenig mit interaktionsarmen Spielen mit Fokus auf Story anfangen können, werden aber leider auch hier nicht ankommen. Dennoch ist Hindsight gerade durch die Geschichte, welche deutlich zum Nachdenken anregt, eine Empfehlung wert, das Abenteuer mit seinen knapp drei Stunden zu erleben.
Mein persönliches Highlight: Die visuelle Präsentation und die Geschichte.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 0

  • Noch keine Kommentare verfasst :(