Umfassende Nostalgiereise in die Arcade-Hallen der 1990er-Jahre

Der Retro-Hype ist seit Jahren im vollen Gange, zieht sich durch die komplette Medienlandschaft und sorgt für allerlei nostalgische Reisen in die Vergangenheit. Auch wenn ich noch zu jung war für die Arcade-Kultur der 1990er-Jahre, war ich schon seit jeher fasziniert von Videospielen, die ich in den hierzulande eher spärlichen Arcades spielen konnte. Zwar konnte sich eine richtige Arcade-Kultur wie in Japan hier in Deutschland nie so richtig etablieren, besonders aufgrund des Glücksspiel-Missverständnisses, dennoch haben sich die verschiedenen Spielhallen-Automaten deutlich in die 90er hineingezogen und Synthwave-Sounds und Pixelart nicht weit hinter sich gelassen. Mit Arcade Paradise möchten die Entwicklerinnen und Entwickler von Nosebleed Interactive zurückliegende Träume einer eigenen Arcade-Halle wahrwerden lassen. Ob die Aufbausimulation meinen Erwartungen gerecht werden konnte, erfahrt ihr im folgenden Test.


Aus Waschsalon mach Spielhalle


In Arcade Paradise schlüpft ihr in die Rolle von Ashley, welche – um es in ihren Worten auszudrücken – bereits im Besitz eines „halben“ BWL-Abschlusses ist und den alten Waschsalon ihres Vaters übernehmen muss. Ihr Vater kommt als mürrisch-launischer Mann daher, der nur wenig in Ashleys Zukunft und Leistungen sieht, und stempelt sie als unqualifizierten Teenager ab – trotz ihrer anhaltenden Universitätsausbildung. Während ihr als Ashley erstmalig den Waschsalon mit dem Namen King Wash erkundet, trefft ihr in den hinteren Räumen auf einige Arcade-Automaten, schließt diese an, seid begeistert von deren Konzept und kombiniert daraufhin kurzerhand Waschsalon mit kleiner Spielhalle. Nach kurzer Testphase nehmt ihr Kontakt mit eurer Schwester auf, erzählt ihr vom kleinen monetären Erfolg der Daddel-Geräte und erfahrt Anerkennung und Ansporn, in dieses Geschäft einzusteigen. Nach anfänglichen Unstimmigkeiten mit eurem Vater bekommt ihr dann doch die Chance, neben dem Waschsalon auch einen Zugang zu Retro-Automaten anzubieten – früher oder später solltet ihr euren unzufriedenen Vater aber überzeugen können.


Klassische Alltagsaktivitäten werden mit Retro-Flair versehen und bekommen einen ganz besonderen Charme.

© Nosebleed Interactive

Schnell bemerkt ihr den ökonomischen Sinn, sowohl im eigenen Gameplay, aber auch an den grünen Zahlen, die ihr im Büro notiert. Es beginnt klassisch mit dem Waschen fremder Wäsche und kommt sehr repetitiv daher: Wäschekorb annehmen, Wäsche in die Maschine schmeißen, warten. Nach ca. 3 Minuten herausnehmen, in den Trockner werfen, warten. Schlägt dieser auch Alarm, könnt ihr die Wäsche abgeben und erhaltet natürlich eine Entlohnung. Je zeitgenauer ihr das Wäschewaschen managt, desto höher fällt die Entlohnung aus – ein Punkt, der später noch mal wichtig wird. Gerade zu Beginn entdeckt ihr die Facetten von Arcade Paradise sehr langsam und werdet an das Grundgerüst herangeführt. Jeder Tag beginnt dabei recht gleich: Ihr sammelt am Morgen den Müll im Waschsalon auf und schmeißt ihn in Form eines kleinen Minispiels in die draußen stehende Tonne. Hier beginnt aber schon Arcade Paradises Charme: Alle Aktivitäten sind mit Nuancen der 90er-Retro-Zeit versehen, seien es pixelige Kleidungsstücke oder aufploppende „Hit“-Signale (wie bei Retro-Beat 'em ups), alles erinnert an die 90er und strotzt vor nostalgischem Fanservice. So werdet ihr entspannt an die Thematik herangeführt, aber nicht vom Flair erschlagen, sondern könnt euch langsam einfühlen.


Dieses wohltuende Pacing zieht sich durch die komplette Reise mit Arcade Paradise. Nachdem ihr einen bestimmten Betrag erwirtschaften und das Vertrauen eures Vaters zumindest teilweise erhalten konntet, bekommt ihr die Erlaubnis, dieses wiederum in neue Spielmaschinen zu investieren. Ab da beginnt ein wirklich angenehmer Gameplay-Loop: Wäsche waschen und in der Zwischenzeit die neuen Automaten ausprobieren, das Geld aus den Maschinen entnehmen, in euren Safe stecken, neue Automaten kaufen und so weiter. Nach und nach werden neue Möglichkeiten zur Erweiterung eurer Arcade-Halle in den hinteren Räumen des Waschsalons freigeschaltet, sodass ihr ständig motiviert seid, in einen neuen Tag zu starten. Motivation wird auch durch tägliche Aufgaben generiert, die wenig später im Spiel implementiert werden. So müsst ihr beispielsweise an einem Tag im Spiel mindestens zehn Minuten ein bestimmtes Spiel am Automaten spielen. Dadurch erhaltet ihr Geld in einer anderen Währung (Pfund Sterling), die euch euer Vater überweist. Damit wiederum könnt ihr andere, übergeordnete Upgrades kaufen, die Quality-of-Life-Änderungen mit sich bringen. Diese Upgrades kommen in Form von Gegenständen wie einem neuen Safe, bei dem ihr nicht immer die lästige Kombination eingeben müsst, oder einer Assistenz, die für euch das Geld aus den Automaten entnimmt, daher. Schnell stehen eure hinteren Räume nämlich voll mit Videospielautomaten, die jeweils einen eigenen Ertrag abwerfen, den es händisch einzusammeln gilt. Damit diese auch alle in die Räumlichkeiten passen, könnt ihr euren Salon nach und nach ausbauen, was zur Folge hat, dass ihr euch im Shop eine neue Welle an Automaten zulegen könnt, die sogar bis hin zu Tanzspielen mit dazugehöriger Matte reichen. Die Auswahl an Automaten ist riesig und deckt nahezu alle Genres ab – von Twin-Stick-Shootern über Synthwave-Racer zu Rätselspielen – und erweitert somit den eigenen spielerischen Horizont. Damit ihr auch wirklich alle Automaten zumindest mal ausprobiert, besitzt jedes dieser Spiele eigene interne Ziele. Diese führen dazu, dass der Automat an Attraktivität gewinnt und dementsprechend neue Kundinnen und Kunden anzieht – da klingeln die Kassen noch lauter. Um diesen Ertrag zu optimieren, besteht die Möglichkeit, den Schwierigkeitsgrad sowie Preis pro Spiel der Arcades anzupassen. Dadurch verändern sich die stündlichen Einnahmen der Automaten.


Feinster Gameplay-Loop, der langanhaltend motiviert


Irgendwann gelangt ihr an einen Punkt, an dem ihr euch entscheiden müsst, ob ihr jetzt lieber an dem Automaten spielt oder die Wäsche aus den Maschinen nehmt. Einerseits möchtet ihr Highscores knacken, was eben Zeit erfordert, andererseits müsst ihr das Geschäft am Laufen halten. Eure ständig alarmschlagende Armbanduhr erinnert euch jedes Mal aufs Neue, dass die fertige Wäsche bitte entnommen werden möchte. Stattdessen habe ich mich oft dabei erwischt, lieber interne und externe Ziele an den Automaten abschließen zu wollen und dabei den schönen Synthwave-Klängen der Jukebox von Arcade Paradise zu lauschen. Diese können ebenfalls im Online-Shop erweitert werden, so entsteht ein wunderbar charmanter Soundtrack, der die Atmosphäre von Arcade Paradise astrein einfängt und zum Weiterspielen motiviert.


Die Auswahl an Arcade-Minispielen ist beachtlich und wurde phänomenal umgesetzt.

© Nosebleed Interactive

Auch wenn das Spiel gerade auf der Nintendo Switch nicht das hübscheste Spiel im Nintendo eShop ist, hat es bei mir starke Begeisterung ausgelöst. Im Menü stoßt ihr immerhin auf einen Leistungs- und Grafikmodus, der Wechsel wirkt auf dem Hybriden aber eher unzureichend. Der Leistungsmodus läuft minimal flüssiger, lässt das Bild aber unheimlich dunkel und verwaschen wirken – da bin ich lieber beim farbenfrohen Grafikmodus geblieben. Das eher unschöne Bild wird dafür mit charmantem Stilmix moderner und Retro-Titeln wettgemacht. Jeder dieser Titel bringt seinen eigenen Charme mit und repräsentiert ein eigenes Genre, das damals in den Arcade-Hallen zu finden war. Der generelle Gameplay-Loop bestehend aus klassischen Simulations- und Aufbauaufgaben, aber auch dem Spielen dieser verschiedenen (kleinen) Arcade-Titel wird in Arcade Paradise wunderbar kombiniert und kann langfristig motivieren. Zu Beginn werdet ihr nicht mit Tutorials und Inhalten erschlagen, sondern angenehm bei der Hand in die Arcade-Halle geführt und könnt langsam loslegen. Einen Pluspunkt bekommt Arcade Paradise außerdem für die deutsche Vertonung des Vaters, der euch besonders am Anfang mit „Tipps“ zutextet, dabei aber, wie angesprochen, unerträglich launisch und unangenehm wirkt. Restliche Kommunikationswege bleiben stumm und werden per Text vermittelt, viel zu lesen gibt es aber nicht.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Michael Barg

Arcade Paradise stellt durch Inhalt, aber auch musikalischer Unterstützung eine motivierende Nostalgiereise in die 1990er-Jahre dar. Anfangs erscheint diese repetitiv durch die dann doch eher langweiligen Aufgaben eines Waschsalons, sobald aber eure Arcade-Halle heranwächst, sind diese Sorgen längst im Abwasserkanal verschwunden. Die Daily-Goals und internen Ziele der einzelnen Automaten motivieren enorm. Sich mit allen Arcades auseinanderzusetzen, sorgt für spielverbessernde Upgrades, die immer mehr dazu einladen, die eigene Spielhalle zu besuchen. Darüber hinaus war ich jedes Mal aufs Neue gespannt, welche Art Automat mich erwartet, kommen diese doch so facettenreich daher, wie ich es mir in einer Arcade-Halle wünschen würde. Arcade Paradise ist eine wirklich befriedigende Aufbausimulation, die nur so vor 90s-Flair strotzt, aber damit nicht unangenehm übertreibt. Für Fans der 90er-Jahre – und für diejenigen, die es werden möchten – definitiv eine Empfehlung.
Mein persönliches Highlight: Die Variationen der Arcade-Automaten, der Gameplay-Loop und der sehr gut getroffene Synthwave-Soundtrack.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 7

  • Darkseico

    Turmfürst

    Super danke für den Test. Habe mir das Spiel aber schon vorher geholt da ich definitiv wusste was auf mich zu kommt. Ich liebe es einfach. :D

    Zu der Grafik: Es sieht eins zu eins wie die PC Version aus. Der Entwickler hat sich bewusst für diesen Stil entschieden. Somit hat man da keine wirklichen einbußungen. :)

    Mich hat aber am meisten die Deutsche Stimme überrascht. ;)

  • Taske

    Turmheld

    Fehler passieren, keine Frage, aber dieser hier sollte m. E. vielleicht schon korrigiert werden: Pac Man, Donkey Kong und Space Invaders gehören nicht zu dem "90ern". Während "Donkey" und "Pac Man" bereits Anfang der 80er-Jahre in den Spielhallen standen, konnte "Space Invaders" sogar schon Ende der 70er gezockt werden.

  • Michael Barg

    Redakteur

    Taske Klar, damit hast du vollkommen recht. Meinte ursprünglich, dass diese trotzdem noch in den 90er-Jahren vertreten waren - im Test absolut missverständlich geschrieben und wurde nun angepasst. Danke dir! :)

  • Taske

    Turmheld

    Taske Klar, damit hast du vollkommen recht. Meinte ursprünglich, dass diese trotzdem noch in den 90er-Jahren vertreten waren - im Test absolut missverständlich geschrieben und wurde nun angepasst. Danke dir! :)

    Gerne! Da trägt man doch fast schon wieder vergnügt die Last der Jahre! ;)

  • Skazz

    Steinbock

    Kauf ich jetzt die Switch oder die PS5-Version? Oder beide? 🙀

  • Taske

    Turmheld

    Kauf ich jetzt die Switch oder die PS5-Version? Oder beide? 🙀

    Naja, wenn man schon die Wahl hat, dann wird im Zweifel natürlich "Big N" unterstützt. Versteht sich doch von selbst, oder? ;)

  • Skazz

    Steinbock

    Klar! 😍


    Hier ein guter Ersteindruck:

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