Billige Kopie oder vielversprechende Produktion?

Es ist kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan von Lebenssimulationen bin. Animal Crossing wird wahrscheinlich für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Umso mehr freut es mich, wenn andere Entwickler versuchen, in eine ähnliche Kerbe zu schlagen. Wie es schon bei beispielsweise Pokémon der Fall ist, zeigen kleine, eigenständige Produktionen, dass nicht nur der Platzhirsch Spaß machen kann. Dabei gilt es, verschiedene Zutaten des Originals zu nehmen und mit genügend eigenen Ideen und Innovationen zu würzen. Hokko Life versucht dies – Ähnlichkeiten zu Animal Crossing sind bereits durch diverse Trailer offensichtlich. Handelt es sich hier nur um eine schlechte Kopie des Originals oder weiß Hokko Life als eigenständige Produktion zu überzeugen?


Dieser Fisch verhält sich sehr eigenartig.

© Team17

Es wurde langsam Zeit. Ich habe mir schon länger eine Auszeit von meiner Insel in Animal Crossing: New Horizons genommen. Da kam es doch wie gerufen, einen Kurztrip nach Hokko zu machen, eine Kleinstadt voller Natur und anthropomorpher Tiere. Bevor ich meine Reise mit dem Zug antreten durfte, sollte ich mich erstmal schick machen. Ich konnte aus einer Vielzahl von Haar-und Augenfarben wählen. Verschiedene schicke Frisuren und diverse Hauttypen standen auch zur Auswahl. Zunächst verwirrt bei meiner Ankunft, was nun zu tun ist, fand ich bei einem rosafarbenen Elefanten, der von allen liebevoll Oma genannt wird, Unterschlupf. Dann ging alles ganz schnell: ein eigenes Haus und zack war ich schon der Bürgermeister. Klassisch undemokratisch durch Oma ernannt.


Auf den ersten Blick sieht alles wie gewohnt aus. Bäume, Schmetterlinge, ja sogar die Schatten der Fische scheinen wie von meiner Urlaubsinsel kopiert. Zwar leben hier andere Arten von Pflanzen und Tieren, aber vieles wirkt einfach vertraut. Es ist wahrscheinlich nicht in Ordnung, über das Aussehen von Bewohnern herzuziehen, die mich so liebevoll in Empfang genommen haben. Aber ich muss es einfach sagen: Sie sehen sehr gruselig aus.


Die Tiere wirken wie aus einer Parade von Menschen in Tierkostümen, welche eher schwerfällig durch die Gegend stapfen und ungewöhnliche, ruckartige Bewegungen machen. Zwar sind die Dialoge authentisch, sie wirken aber mehr nach Skript gesprochen als in Animal Crossing und schaffen es deswegen nicht, in mir eine Liebe für diese Tiere zu erschaffen.


Die Stadt Hokko ist in mehrere Bereiche eingeteilt: Vorort, Kernstadt, Bergpfad, Miene, Strand und einige weitere Bereiche. Viele Bereiche werden im Laufe der Handlung freigespielt. Die Handlung ist dabei eher dünn. Als Bürgermeister sollt ihr Häuser bauen und den Bewohnern helfen, eine schöne und florierende Stadt zu erschaffen. Geld ist hier natürlich auch sehr wichtig, wobei euch kein fettbauchiger Tanuki im Nacken klebt. Schulden gibt es auch nicht. Entweder ihr habt Geld und Ressourcen oder nicht. Euch steht letztlich frei, was ihr macht und wie ihr an Material oder Geld kommt, solange ihr euer Werkzeug bereithaltet und eure Lust zu arbeiten vorhanden ist.


Anders als Animal Crossing – Im guten und schlechten Sinne


Viele Elemente, welche schon vom Nintendo-Titel bekannt sind und Fans weltweit begeistern, sind auch in Hokko Life zu finden. So könnt ihr angeln, Löcher buddeln oder Insekten fangen. Bei der Angelaktivität gibt es einen kleinen Twist in Form eines Reaktionsspiels, was sehr gelungen ist. Fische reagieren auch angenehmer auf dem Schwimmer der Angel.


Im Bau-Menü gibt es viele Möglichkeiten, spannende Möbelstücke zu bauen.

© Team17

Andersherum haben die Fische und Insekten Probleme, Grenzen zu respektieren. So kommt es immer wieder vor, dass Fische das Meer verlassen und als Schatten im Sand schwimmen. Auch Insekten fliegen immer wieder in Felsen hinein, sodass sie nicht fangbar oder sichtbar sind. Manchmal friert der Bildschirm für eine Millisekunde ein und Tiere respawnen sehr unnatürlich vor eurer Nase. Das Problem taucht auch an anderer Stelle auf: So kommt es vor, dass ihr in Möbelstücke teilweise hineinlaufen könnt oder Bewohner sich in Felsen verstecken oder plötzlich an anderen Orten erscheinen.


Neben dieser klassischen Aktivitäten gibt es aber auch Elemente, welche eher an Stardew Valley oder Story of Seasons erinnern. Ihr könnt in eine Miene gehen, um dort Erze zu gewinnen und diese zu Baumaterial umzuarbeiten. Auch das Anpflanzen von Pflanzen ist in Hokko Life wesentlich differenzierter als in Animal Crossing. Die Gestaltung der Stadt und der Innenräume ist sehr flexibel. Ihr könnt Gegenstände aus der Tasche auswählen und dann platzieren. Dabei erscheint ein engmaschiges Muster aus Feldern, mit welchem ihr genau ausrichten könnt, wo der Gegenstand platziert werden soll. Das bietet viele Möglichkeiten, detailverliebt zu arbeiten.


Absolutes Highlight dieses Spiels ist wohl das Bau-Menü. Hier könnt ihr mithilfe von Baumaterial Gegenstände herstellen. Aber das ist nur der Anfang: Ihr könnt euch auch völlig neue Möbel ausdenken und aus kleinen Teilen zusammensetzen. Zum Beispiel habe ich in einer Online-Ausstellung im Spiel gesehen, wie jemand eine echt wirkende Nintendo Switch gebastelt hat. Neben verschiedener, freischaltbarer Teile gibt es auch diverse Farben und Dekorelemente, welche ihr nutzen könnt. Das Bau-Menü ist sehr benutzerfreundlich. Jede Aktion hat eine Taste zugewiesen und die Kamera lässt sich im Raum drehen und zoomen. Nach einer gewissen Zeit zur Eingewöhnung könnt ihr diesen Teil des Spiels in vollen Zügen genießen.


Die Community hat meist die größte Kreativität, wenn sie die Freiheit dafür bekommt.

© Team17

Wenn ihr gerade einmal nicht dabei seid zu tun, was ihr wollt, verfolgt ihr wahrscheinlich die verschiedenen Quests von euren Mitbürgern. Hier dürft ihr Dinge bauen, umgestalten, aufstellen oder ausliefern. Die Brandbreite an Aufgaben ist eher begrenzt und wird sehr schnell eintönig. Außerdem bringt nicht jede Aufgabe Belohnungen. Ich bin mir nicht sicher, ob das so von den Entwicklern erdacht ist oder ob es sich dabei um einen Fehler handelt. Zusätzliche Aktivitäten dazu sind diverse Turniere oder das Besuchen der Hauptstadt, was dem Online-Modus gleicht. Dort könnt ihr sehen, welche Kreationen Spieler weltweit erschaffen habe. Ihr könnt natürlich auch selbst eure Ideen einreichen. Leider konnte ich keine anderen Arten von Online-Modi entdecken.


Die Texte sind auf Deutsch verfügbar. Die Tiere haben keine Stimmen. Der Text ist sehr kinderfreundlich und durch Farben hervorgehoben, sodass wichtige Informationen stets markiert sind. Leider wirken die Dialoge hohl oder geplant, sodass die Charaktere eher weniger Tiefe bekommen. Mir gelang es nicht, diese Tiere sehr gern zu haben oder mich in das Spiel zu verlieben. Mit der Zeit wirkt das Spiel sehr einseitig, denn letztlich tut man nur das Gleiche ohne ein echtes Ziel zu verfolgen. Zum ersten Mal vermisste ich meine unbarmherzigen Schulden bei Herrn Nook.


Viele verschiedene Musikstücke liefert Hokko Life nicht. Die Kompositionen, die aber geliefert werden, sind malerisch und in jeder Form passend zum Titel abgemischt. Perfekt für eine ruhige Stimmung an einem ruhigen Tag. Kommen wir zu der meiner Meinung nach schönsten Veränderung im Vergleich zu Animal Crossing: Ihr seid nicht an die Zeit in der Wirklichkeit gebunden. Hier spielt sich das Spiel eher wie die bereits erwähnten Farming-Simulationen.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Simon Münch

Hokko Life ist eine Mischung aus Animal Crossing und Story of Seasons aber ohne die Tiefe, welche beide Titel bieten. Die grafische und technische Qualität lässt auf der Nintendo Switch einige Wünsche offen. Ruckelnde Bilder und Bugs in der Umgebung machen die Illusion eines entspannten Nachmittags zunichte. Zwar hat Hokko Life nicht nur einfach Spielelemente kopiert, die eigenen Veränderungen schaffen es aber nicht, das Spiel auf ein neues Level zu bringen. Ich sehe das Spiel eher für Kinder und weniger für die Eiferer aus Animal Crossing. Spieler, die sich kreativ mehr ausleben wollen, als in Animal Crossing, könnten hier vielleicht ein Zuhause finden, denn die Optionen im Bereich Customization sind sehr vielfältig. Das wichtigste fehlt aber in meinen Augen: die Chance, die Tiere und die Stadt wirklich ins Herz zu schließen.
Mein persönliches Highlight: Die Möglichkeit, eigene Möbel zu erfinden.

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 8

  • Vank84man

    Nintendo Fan 4ever ✌

    Gestern für meine Frau gekauft und Sie mag es sehr.

    Sie meint es ist Animal Crossing nur in noch leichter Form spielbar.

    Hokko Life sieht interessant aus,und wohl für jeden Animal Crossing Fan ein Blick wert.

  • Juann

    Turmbaronin

    Finde es schwierig diesen Titel mit Animal Crossing zu vergleichen. Hokko Life wurde von 1 Person entwickelt, die kein hohes Budget zur Verfügung hatte.

    Tatsächlich gefällt mir der Baumodus hier sehr und die Möglichkeit, die gebauten Gegenstände von anderen Spielern herunterzuladen. Damit hat man unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten.

  • AlexWoppi

    Turmbaron

    Die grafischen Probleme und Bugs sind sehr nervig, Ruckler gibbet fast jede Minute, so macht das keinen Spaß. Wenn da nicht bald nachgepatched wird, isses nicht mal ne 6 wert.

  • Simon Münch

    Inselsprecher

    Finde es schwierig diesen Titel mit Animal Crossing zu vergleichen. Hokko Life wurde von 1 Person entwickelt, die kein hohes Budget zur Verfügung hatte.

    Ich denke, egal wie klein ein Team auch sein mag, wenn ein Spiel offensichtliche Parallelen zu großen oder bekannten Produktionen hat, muss man sich auch diesem Vergleich stellen.


    Ein gutes Beispiel wäre Stardew Valley: Das Spiel hatte auch kein riesiges Budget oder ein so großes Team wie der Platzhirsch Story of Seasons. Trotzdem konnte der Titel die Welt begeistern und schneidet sehr gut in einem Vergleich ab.

  • Tomberyx

    Minish Mage

    Hm.. bei Animal Crossing hab ich noch nie das Gefühl gehabt, dass es "Tiefe" besitzt..

  • Nischenliebhaber

    Turmheld

    Simon Münch

    An Stardew Valley hat der Entwickler aber auch 5 Jahre und mehr entwickelt! Das ist auch im Indiebereich eine absolute Ausnahme und taugt nicht als Vergleich. Außerdem ist es quch nochmql ein Interwchied ob man ein 2D oder ein 3D Spiel macht!


    Es ist aber generell nicht fair ein Indiespiel mit einem Spiel von einem Konzern zu vergleichen. Da muss man einfach die Relation bewahren. Allein aus der handwerklichen Sicht heraus.


    Ich denke, der Test von Ladiesgamers bringt es besser auf den Punkt: https://ladiesgamers.com/hokko-life-review/

  • Simon Münch

    Inselsprecher

    Es ist aber generell nicht fair ein Indiespiel mit einem Spiel von einem Konzern zu vergleichen. Da muss man einfach die Relation bewahren. Allein aus der handwerklichen Sicht heraus.

    Ich verstehe definitiv, was du mit deinem Statement ausdrücken möchtest. Ich persönlich finde es nicht verkehrt, das Spiel mit dem Spiel zu vergleichen, an dem sich die Produzenten einige Inspirationen geholt haben.


    Als Tester ist es unsere Aufgabe, interessierten Leserinnen und Lesern zu helfen, Kaufentscheidung zu treffen. Vielen ist Animal Crossing bekannt, weswegen ein Vergleich mit diesem Titel sich gut anbietet. Hokko Life alleine als eine Animal Crossing-Kopie zu sehen, welche technisch schwächer ausfällt, ist nicht die Botschaft, die der Testbericht ausrückt/ausdrücken soll. Aus dem Bericht lesen sich sowohl die Stärken als auch die Schwächen von Hokko Life und spannenden Unterschiede (Baumenü etc.) zwischen dem Platzhirsch und diesem Indie-Projekt heraus – ähnlich wie der Text von Ladiesgamers dies beschreibt.

  • Waldwatz

    Turmheld

    Nischenliebhaber

    Das Spiel steht nunmal in direkter Konkurrenz mit allen anderen vorhanden spielen. Also musst du es auch mit diesen vergleichen. Es wäre auch “größeren” Studios gegenüber unfair, dieses Spiel nur deshalb höher zu bewerten weil es mit weniger Budget und weniger Manpower hergestellt wurde. Bei Olympia bekommt ein Turner ja auch nicht mehr Punkte, nur weil er schlechtere Trainingsbedingungen, weniger Trainer oder weniger Zeit zum trainieren hat.

    Da draußen im Spielemarkt herrscht ein Wettbewerb.