Durchkämmt ein von Zombies versifftes Deutschland

Heidelberg 1693 ist ein 2D-Action-Platformer des deutschen Entwicklerteams Andrade Games, das in der deutschen Universitätsstadt des 17. Jahrhunderts spielt. Ihr schlüpft in die Rolle eines Musketiers des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. und müsst euch mit einer Muskete bewaffnet durch eine Welt voller Zombies und Feinde kämpfen, die vom Mondkönig losgeschickt wurden. Im Laufe des Gothic-Abenteuers trefft ihr auf echte Schauplätze in Heidelberg und auf reale historische Figuren und Herrscher, die damals im Pfälzischen Erbfolgekrieg eine Rolle spielten. Schafft ihr es, den Gefahren zu entkommen und den Mondkönig zur Strecke zu bringen?


Von Super Castlevania IV inspiriert


Heidelberg 1693 ist von Super Castlevania IV inspiriert und spielt sich auch ähnlich wie die alten Castlevania-Teile. Trotzdem kann der Titel mit einigen Alleinstellungsmerkmalen punkten: Es handelt sich zunächst um ein Spiel mit einer Altersfreigabe von 18 Jahren, ihr werdet also viel Blut und Gewalt zu Gesicht bekommen. Zwischen den einzelnen Leveln, die ihr auf der Stadtkarte von Heidelberg auswählen könnt, wird die Geschichte durch Bilder und einfache Zwischensequenzen erzählt, die an das Stummfilm-Genre angelehnt sind. Zugegeben, ohne Vorwissen kann es etwas schwer sein, die Rahmenhandlung zu verstehen und theoretisch kann das Spiel auch gut gespielt werden, ohne auf die Story zu achten, jedoch könnt ihr euch selbstständig online über die vorkommenden Persönlichkeiten und den Pfälzischen Erbfolgekrieg detaillierter informieren, sollte euch die Thematik interessieren.


Von Stummfilmen inspirierte Zwischensequenzen erwarten euch zwischen den Leveln.

© Red Art Games

Im ersten Level werdet ihr mit der simplen Steuerung vertraut gemacht: Ihr könnt mit einem kurzen Degen Gegner im Nahkampf niederstrecken und diesen auch beim Springen nutzen – ein Doppelsprung ist ebenso möglich. Ähnlich wie in Zelda II: The Adventure of Link könnt ihr während dem Fallen und Landen mit dem Degen nach unten stechen und Gegner von oben töten.


Die Muskete ist wiederum für den Fernkampf gedacht: Eine starke Waffe mit hoher Reichweite, die jedoch den Nachteil hat, dass sie nach jedem Schuss nachgeladen werden muss. Das Nachladen dieses Vorderladergewehrs dauert mehrere Sekunden, währenddessen könnt ihr euch nicht bewegen und seid Angriffen von Gegnern hilflos ausgesetzt. Dies kann ziemlich nervig sein, ist jedoch ein bewusst herausforderndes Element, welches ein noch strategischeres Vorgehen erfordert: Oft begann ich unvorsichtig damit, meine Waffe nachzuladen, und wurde währenddessen von Gegnern erwischt. Nachladen ist allerdings wichtig, denn ohne rasch einen Schuss abfeuern zu können, kann es sehr schnell brenzlig werden – es kommt darauf an, die richtigen Momente zwischendurch zu finden, um die Waffe in Ruhe einsatzbereit zu machen. Abgesehen vom Degen und der Muskete, die ihr beide durchgehend an eurem Körper tragt, könnt ihr hin und wieder sekundäre Waffen in den Leveln finden bzw. von besiegten Gegnern entwenden, beispielsweise Waffen, die eine größere Fläche abdecken, oder sogar ein Schutzschild. Die sekundären Waffen lassen sich nur wenige Male einsetzen und sobald ihr eine neue findet, wird die alte ersetzt.


Abgesehen davon wird euch leider nicht viel Gameplay-Abwechslung geboten: Richtige Waffen-Upgrades gibt es im Laufe des Spiels nicht und das Spielprinzip ist fast durchgehend dasselbe, ganz ohne große Überraschungen – sich durch 2D-Level nach vorne arbeiten, Gegner niedermetzeln, nicht getroffen werden und schlussendlich das Ziel erreichen, um zum nächsten Level zu gelangen. Generell ist das Spieltempo dabei relativ langsam gehalten und ihr könnt meist nicht einfach an Gegnern vorbeispringen. Ein simples Durchrushen der Level wird anders als in vielen anderen Spielen nicht belohnt, sondern eine gewisse taktische Vorgehensweise sollte an den Tag gelegt werden, um erfolgreich zu sein.


Frustrierend und faszinierend zugleich


Seid gewarnt: Heidelberg 1693 ist schwer – sehr schwer! Es ist vollkommen normal, Hunderte Male zu sterben, bevor alle Heidelberg-Level geschafft und der Mondkönig endlich besiegt ist. Und sollte euch das normale Spiel dennoch zu einfach sein – oder solltet ihr durch die im Laufe des Spiels gewonnenen Erfahrungen für den zweiten Spieldurchgang eine noch größere Herausforderung suchen –, dann wartet im Anschluss ein noch schwierigerer Modus auf euch, bei dem Gegner, selbst nachdem sie besiegt wurden, wieder respawnen und euch das Leben zur Hölle machen werden. Casual-Spieler dürften in Heidelberg 1693 ihren (vielleicht unüberwindbaren) Meister finden, denn die Sprünge fühlen sich recht steif an – wie man es von Spielen dieser Art aus den 80er- und 90er-Jahren gewohnt ist – und ein leichterer Schwierigkeitsgrad steht nicht zur Verfügung.


Schnelle Reflexe und ein guter Überblick über die Umgebung sind gefragt.

© Red Art Games

Glücklicherweise sind die Speicherpunkte in Heidelberg 1693 gut platziert, sodass ihr nach einem Tod nie ein gesamtes Level von Anfang an spielen müsst und euch von Speicherpunkt zu Speicherpunkt vorarbeiten könnt. In manchen Level kann es ein paar Minuten dauern, sich mit den Bewegungsmustern und Erscheinungsorten der Gegner vertraut zu machen: Leider kann es nämlich durchaus manchmal passieren, dass man von Gegnern derart schnell überrascht wird, dass ein Ausweichen selbst mit der besten Reaktionszeit kaum möglich ist. Hin und wieder müsst ihr auch Hindernissen aus dem Weg gehen und Sprünge meistern, die jedoch allesamt nicht so herausfordernd sind wie die vielen aufdringlichen Gegner.


Abgesehen von den teilweise unvorhersehbaren Angriffen in neuen Gegenden bin ich von den verschiedenen Gegnern positiv überrascht: Die Entwickler haben sich einige interessante Figuren ausgedacht, die oft sehr ebenbürtig mit dem steuerbaren Hauptcharakter sind, sowohl was die Anzahl der Leben als auch die Stärke der Waffen angeht. Da wären zunächst die einfachen Zombies, die einzeln keine allzu große Gefahr darstellen, euch jedoch in großen Scharen in Bedrängnis bringen können. Dann gibt es wiederum Schützen, die aus der Ferne ihr Gewehr auf euch richten und die ihr möglichst schnell besiegen solltet. Besonders trickreich ist eine Art Totenkopf-Geist, der stets neue Schädel heraufbeschwört, die euch ständig verfolgen und nicht in Ruhe lassen. Auch auf Frauen, die Äxte werfen, Säufer, die euch vom Balkon aus beschmeißen, oder Musiker, die versuchen, euch mit ihrer Musik zur Strecke zu bringen, werdet ihr im Laufe der düsteren Geschichte treffen. Die schöne Gegner-Vielfalt ist ein Mitgrund, wieso auch nach mehrmaligem Wiederholen von Abschnitten selten Langeweile eintritt.


Bekämpft Herrscher des 17. Jahrhunderts, die als skurrile Boss-Gestalten auftreten.

© Red Art Games

Besonders nett ist die Tatsache, dass Gegner nicht nur euch, sondern auch sich gegenseitig eliminieren können, beispielsweise wenn man sich hinter ein Monster stellt, sodass sich dieses in der Schussbahn des zweiten Gegners befindet und von diesem unfreiwillig niedergeknallt wird. Es lohnt sich, die Angriffsmuster und Positionen der Gegner zu studieren, um diese auszutricksen. Hin und wieder warten auch mächtige Boss-Gestalten bekannter historischer Persönlichkeiten auf euch, die ebenfalls sehr herausfordernd, allerdings nie zu unfair sind. Etwas merkwürdig ist jedoch die Verteilung der Bosse, welche zu Beginn noch öfter auftauchen, zwischendurch jedoch lange Zeit überhaupt nicht mehr.


Im gesamten Spiel wimmelt es nur so vor Monstern und ekligen Gestalten, denen man am liebsten aus dem Weg gehen will. Der einzige Lichtblick in dieser düsteren Welt sind lustvolle Frauen, die in dem ein oder anderen Level darauf warten, von euch gerettet zu werden, um euch daraufhin mit Liebe zu belohnen – die einzige Möglichkeit, die Anzahl eurer sonst regulären drei Herzen temporär zu erhöhen. Habt ihr weniger als drei Herzen, so könnt ihr welche von gehängten Leichen erhalten, die hin und wieder in der Luft schweben. Es gibt in dem Spiel zudem ein paar alternative Wege, doch Sammelgegenstände oder gänzlich andere Spiel-Modi sind nicht enthalten. Als Bonus für das Durchspielen wartet am Ende jedoch ein kleines Extra zum Durchlesen und Schmökern auf euch, wodurch ihr einige Einblicke in die Entwicklung des Spiels erhaltet.


Der Pixel-Art-Stil ist übrigens sehr gut gelungen und die Umgebungen sind zum Teil richtig schön und detailliert gestaltet. Auch wenn in der Hektik des Spiels nicht oft Zeit dazu ist, lohnt sich ein gelegentlicher Blick auf den Hintergrund in den verschiedenen Level allemal, denn hier wurde viel Liebe reingesteckt. Auch die Musik passt gut zum Spiel und der düstere Stil untermalt das Spielgeschehen wunderbar, besonders das Titellied weiß zu gefallen. Ihr solltet jedoch keine epischen Ohrwurm-Melodien wie in der Castlevania-Reihe erwarten, sondern euch eher auf einen größtenteils düster-atmosphärischen Soundtrack einstellen.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Felix Eder

Heidelberg 1693 ist besonders all jenen zu empfehlen, die mit Spielen wie Ghosts 'n Goblins oder den alten Castlevania-Spielen aufgewachsen sind oder mit Titeln dieser Art Freude haben. Wer wenig Frusttoleranz aufbringen kann und ungern Abschnitte immer wieder und wieder spielen will, sollte hingegen lieber auf leichtere Alternativen zurückgreifen. Denn kann Heidelberg 1693 frustrierend sein? Durchaus, doch das gehört in gewisser Weise auch zu diesem Spiel hinzu und sorgt für mehr Nervenkitzel, der den Reiz des 2D-Action-Platformers ausmacht. Ich bin in diesem Spiel insgesamt 620 Mal gestorben, bis ich endlich stolz von mir behaupten konnte, den Abspann erreicht zu haben. Heidelberg 1693 konnte mich mit der schaurigen Atmosphäre sowie dem für uns besonders interessanten und schön gestalteten Setting durchaus in den Bann ziehen und auch wenn das Spiel in Sachen Abwechslung, Gameplay und Musik nicht ganz an Castlevania oder Bloodstained rankommt, kann ich für Genre-Fans auf jeden Fall eine klare Kaufempfehlung aussprechen.
Mein persönliches Highlight: Immer dann, wenn ich in dieser abgrundtief düsteren Gegend eine Gespielin fand, um meine Lebensenergie zu erhöhen.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 1