Das Töchterchen wird's schon richten ...

Wer das Genre der Rogue-lites kennt, der weiß, was ihn erwartet: Die eigene Spielfigur wird durch eine mehr oder weniger aufwändige Handlung gesteuert, bis sie letztendlich an ihrem Ziel angekommen ist. Dabei können alle Arten von Themen angeschnitten werden: Die Flucht (Binding of Isaac), Rebellion (Hades), die Zerstörung des uralten Bösen (Mortia) oder das Erlangen von Reichtümern (Heroes of Hammerwatch). Bis man jedoch am Ziel ankommt, schaltet man zwischen jedem einzelnen Versuch, das Spielende zu erreichen, diverse neue Gegenstände, Waffen, Fertigkeiten oder Boni frei, die jeden weiteren Durchlauf etwas einfacher gestalten. So weit, so bekannt und Rogue Legacy 2 ist da nicht groß anders. Welcher kleine Twist die Handlung aber zumindest etwas glaubwürdiger gestaltet und wieso das Rogue-lite euch stundenlang an den Bildschirm der Nintendo Switch fesseln kann, das erfahrt ihr im folgenden Test.


Wenn der eigene Erbe ran muss


So richtig realistisch kann sich kein einziges Rogue-lite schimpfen, nicht wahr? Die Helden und Heldinnen sterben in einer Tour bei ihren Durchläufen und stehen dann letztendlich doch völlig unversehrt da, um es dann „noch ein letztes Mal“ zu versuchen. Rogue Legacy 2 geht dieses kleine Detail ganz geschickt an und schon der Titel sagt einiges dazu aus. Denn eure Legacy, zu Deutsch: Erbe, ist Dreh- und Angelpunkt des Titels. Zu Beginn erstellt ihr euch euren Charakter, der entweder männlich oder weiblich sein kann, und beginnt in klassischer Manier. Euer Ziel klingt nämlich vergleichsweise vertraut: Ihr durchsucht ein altes Schloss sowie die nahe Umgebung und versucht, dessen tyrannischen Bewohner zu besiegen. Gut, zugegeben, das ist nun sehr hinuntergebrochen, denn Rogue Legacy 2 kommt mit einer Menge an Hintergrundinformationen zu den Geschehnissen rund um eine gescheiterte Rebellion daher, die euch allesamt in Form von im Spiel auffindbaren Büchern wiedergegeben werden und die dafür sorgen, dass der Welt Leben eingehaucht wird.


Der eigene Stützpunkt kann mit der Zeit immer weiter ausgebaut und neue Boni sowie Klassen freigeschaltet werden.

© Cellar Door Games

Doch früher oder später ist es während des ersten Durchlaufs so weit: Ihr werdet von einem der vielen Gegner erledigt und euer Charakter stirbt. Anstatt nun jedoch einfach auf wundersame Weise wieder aufzuerstehen, bleibt euer Charakter für immer tot und sein Erbe übernimmt seine Rolle. Dabei habt ihr nach jedem Ableben die Wahl zwischen drei Erben, die darauf warten, das Abenteuer fortzusetzen. Und auch hier unterscheidet sich das Spiel von seiner Konkurrenz: Während ihr in anderen Rogue-lites nach und nach neue Klassen freischaltet und frei aus diesen wählen könnt, habt ihr hier die Wahl aus drei zufällig gewürfelten Klassen. So kann es auch durchaus passieren, dass ihr mit Mechaniken spielen müsst, die nicht zu euren Favoriten zählen. Bevor es jedoch mit dem frisch gewählten Abenteurer auf Reisen geht, könnt ihr euer vorher sauer verdientes Geld in eurer Basis ausgeben. Hier könnt ihr überwiegend passive Boni sowie neue Charakterklassen freischalten. So könnt ihr euer Leben, diverse Schadensarten, Rüstung oder die Höhe des verdienten Goldes erhöhen, wobei jeder neue Boni, den ihr freischaltet, eure Basis visuell erweitert und so Stück für Stück eine regelrechte Festung aus dem Boden gestampft wird. Zu Beginn schaltet ihr zudem auch die verschiedenen Händler frei, bei denen ihr ebenfalls euer hart verdientes Einkommen ausgeben könnt. Mit dem Schmied, einer Runenhändlerin sowie einem zwielichtigen Katzenduo darf hier aber nicht wirklich mit Überraschungen gerechnet werden. Einzig der Architekt kommt mit einem interessanten Element daher, denn dieser gibt euch die Möglichkeit, die Spielwelt daran zu hindern, sich mit jedem neuen Durchlauf zufällig zu verändern, was vor allem im späteren Verlauf ganz nützlich wird.


Spielerisch handelt es sich bei Rogue Legacy 2 um einen Action-Platformer. Ihr bewegt euch durch eine große, zusammenhängende Spielwelt, die in mehrere Bildschirme unterteilt ist. Ziel des Spiels ist es, eine große, goldene Türe im Eingansgbereich des Schlosses zu öffnen, wofür ihr erst einmal mehrere Bosse bezwingen müsst, die sich über das gesamte Schloss sowie dessen nähere Umgebung verteilt haben. Dabei stellen sich euch mehrere Monstrositäten in den Weg, die euch allesamt ans Leder wollen. Neben den Fertigkeiten eurer Klasse, von denen ihr bis zu 14 freischalten könnt, steht euch noch Magie zur Verfügung, von der ihr anfangs einen Zauberspruch zufällig zugeteilt bekommt. Im Laufe des Spiels findet ihr Stück für Stück neue Zauber, Ausrüstung sowie mechanische Fähigkeiten wie den typischen Doppelsprung oder einen mächtigeren Dash, die euch das Vorankommen insgesamt erleichtern.


Zusätzlich könnt ihr in der Spielwelt auch noch sogenannte Relikte finden. Diese geben euch teils mächtige Zusatzeffekte wie ein Gift- oder Brenneffekt nach einem Treffer oder euch wachsen plötzlich Flügel. Von diesen könnt ihr jedoch nicht unendlich mit euch führen, denn euer Charakter verfügt über einen Wert, der sich Entschlossenheit nennt und der zu Beginn über 100 Prozent liegt. Jedes Relikt zieht diesem Wert ein wenig ab und sobald ihr unter die magische Marke von 100 Prozent wandert, verliert ihr an maximaler Lebensenergie. Hier muss also im Laufe eures Durchgangs abgewägt werden, ob ein Relikt den Verlust an Lebenspunkten wert ist. An dieser Stelle sei nämlich klar gesagt: Rogue Legacy 2 ist ein knackiges Spiel und wartet mit einem nicht gerade geringen Schwierigkeitsgrad auf, der in einer leichten Kurve stets ansteigt. Ihr werdet häufig sterben, was allerdings auch den Reiz des Spiels ausmacht. Und so werdet ihr früher oder später an einen Punkt kommen, an dem entweder die Gegner oder ein Boss zu stark sind, und ihr entsprechend eure passiven Fähigkeiten aufwerten müsst. Hierfür braucht ihr wiederum Gold und damit kommen wir zur nächsten Besonderheit des Spiels.


Wer greift uns denn hier an? Als Erschwernis werden die Gegner in diesem Durchlauf verpixelt.

© Cellar Door Games

Denn was ich bis hierhin unterschlagen habe, ist eine kleine Besonderheit bei der Wahl des Erben. Manche eurer Charaktere verfügen nämlich von Beginn an über Mali, die das Spielgeschehen maßgeblich beeinflussen. So kann es passieren, dass euer Erbe bei einem Treffer seine Waffe fallen lässt und erst nach einigen Sekunden wieder angreifen kann. Oder die Spielwelt wird komplett in Dunkelheit getaucht und nur die Gegner und ihr werdet von einem Scheinwerferlicht beleuchtet. Damit diese kleinen oder großen Erschwernisse auch reizvoll bleiben, erhaltet ihr dafür einen Bonus auf euer verdientes Gold. So kann es passieren, dass ihr mit den richtigen Mali mehr als doppelt so viel dazuverdienen könnt. Das ist spätestens dann verlockend, wenn ihr manche Durchläufe nur dafür macht, um neue Verbesserungen freizuschalten. Dies wiederum führt dazu, dass nicht jeder Versuch stumpf im immer gleichen Spielprinzip endet, sondern euch auch spielerisch einiges abverlangt wird. Zumindest in meinem Fall hat das dazu geführt, dass selten Monotonie auftrat.


In Sachen Technik liegt uns mit Rogue Legacy 2 ein solider Port auf die Nintendo Switch vor. Das Spielgeschehen läuft flüssig auf dem Bildschirm ab und es kam in meinem vergleichsweise sehr langen Testdurchlauf von gut drei Wochen nur einmal zu einem Absturz. Die 2D-Comic-Optik ist dabei nett anzusehen und kommt auch mit einigen farbenfrohen Effekten daher, die allerdings nicht für offene Münder sorgen werden – was auch sicher nicht die Intention der Entwickler gewesen sein dürfte. Jedes Gebiet innerhalb des Schlosses kommt mit einem dafür eigens komponierten Musikstück daher, die allesamt zwar gut klingen, nach dem gefühlt tausendsten Durchlauf jedoch für mich zu einer Art Hintergrundrauschen wurden. In Sachen Steuerung reagiert eure Spielfigur ziemlich genau auf eure Eingaben und es kam zu keinerlei Verzögerungen, was besonders in manchen Sprung- und Geschicklichkeitspassagen wichtig ist. Das Spiel wurde zudem komplett ins Deutsche übersetzt.

Unser Fazit

9

Geniales Spiel

Meinung von Florian McHugh

Rogue Legacy 2 hat mich die vergangenen Wochen beinahe exklusiv an den Bildschirm der Nintendo Switch gefesselt. Zwar macht es im Großen und Ganzen nichts anders als die Konkurrenz, doch gerade die Feinheiten sind es, die das Spiel zu einer Erfahrung der angenehmen Art machen. Das Erben-System sorgt zusammen mit seinen individuellen Mali stets für eine neue Herausforderung und der Wunsch, nur noch ein Upgrade oder eine neue Klasse in meiner Basis freizuschalten, um endlich den verflixten Boss zu erledigen, war stets vorhanden. Wer Rogue-lites mag, der kommt eigentlich nicht an Rogue Legacy 2 vorbei, denn hier erwarten euch mehrere Stunden an Spielspaß und einige Herausforderungen, an denen ihr eine ganze Weile knabbern werdet.
Mein persönliches Highlight: Das Erben-System.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 1

  • Hoschi83

    Turmheld

    Danke euch für den Test.

    Hab auf der Series X schon min. 40 Stunden in das Spiel versenkt(und pausiere gerade) und werde daher die Switch Version sein lassen(auch wenn es DIE Plattform für dieses Spiel ist).

    Bin eigentlich kein Rogue Like Spieler (außer Children of Morta) aber der Titel hat mich irgendwie gekriegt.