Test zu Ken Follett's The Pillars of the Earth - Nintendo Switch

Seichtes Gameplay trifft auf harte mittelalterliche Realität

Der Buchtitel Die Säulen der Erde des Autors Ken Follett ist fast jedem ein Begriff, der ab und zu mal ein Buch zur Hand nimmt. Unter dem Genre der historischen Literatur handelt es sich bei diesem Werk weltweit, insbesondere aber in Deutschland, um einen Bestseller, der durch den Autor bis heute um drei Fortsetzungen ergänzt wurde; allesamt erschienen bei der Verlagsgruppe Bastei Lübbe. Der Erfolg wurde bereits mit einer deutschen mehrteiligen Verfilmung quittiert und seit 2017 darf sich auch die Videospielwelt über eine zugängliche Umsetzung des dicken Wälzers freuen: Der bekannte deutsche Spieleentwickler Daedalic Entertainment hat die Geschichte in Form eines – wie sollte es auch anders sein – Point-and-Click-Adventures umgesetzt; denn für dieses Genre ist das Unternehmen besonders bekannt. Interessanterweise hält die deutsche Verlagsgruppe Bastei Lübbe seit über einem Jahrzehnt Anteile an Daedalic Entertainment. Eine Zusammenarbeit in Form der Produktion eines Videospiels zu Die Säulen der Erde erscheint dadurch fast natürlich. Seit Anfang März dieses Jahres dürfen auch interessierte Nintendo Switch-Spieler in den Genuss des Adventures kommen. Ob sich ein Kauf lohnt, erfahrt ihr in den folgenden Absätzen.


Im Spielverlauf können wir die verschiedenen Baustadien der Kathedrale bewundern, stets sinnvoll eingebettet in die Geschichte

© Daedalic Entertainment GmbH

Beginnen wir mit einer kurzen Einführung in die Geschichte, welche das Herzstück dieses Spiels ist. Wir befinden uns im 12. Jahrhundert im tiefsten Winter eines verschneiten Waldes des mittelalterlichen Englands. Tom Builder, seine hochschwangere Frau und ihre zwei Kinder rasten dort. Wir besorgen Wasser, essen die letzten verbliebenen Nahrungsmittel und unterhalten uns darüber, wie es nun weitergehen soll. Die Familie ist an ihrem Tiefpunkt angelangt, denn Tom Builder findet keine Arbeit; teils selbstverschuldet, ist es doch sein großer Traum, als Baumeister eine Kathedrale zu errichten. Nachdem er sich an diesem Abend endgültig eingesteht, seiner Familie zuliebe nun doch jeden Auftrag anzunehmen, setzen bei seiner Frau plötzlich die Wehen ein. Das Kind wird geboren, aber die Mutter verstirbt dabei. Im Sterben liegend, entsinnt sich Tom Builders Frau der gemeinsamen und erinnerungsreichen Vergangenheit und besteht darauf, dass er doch seinen Traum verfolgt und eine Kathedrale baut. Durch eine Verkettung verschiedener Umstände kann er dieses Projekt bald darauf in dem kleinen Ort Kingsbridge tatsächlich in Angriff nehmen. Von da an ist die Kathedrale und dessen Bauprozess der heimliche Protagonist dieser Erzählung.


Tom Builder ist nur einer von mehreren Hauptcharakteren, in deren Haut wir im Spielverlauf wechselnd schlüpfen. Ein weiterer von ihnen ist der Mönch Phillip, der früh in der Geschichte zum Prior des Klosters in Kingsbridge ernannt wird. Zudem der talentierte Jack und seine Mutter Ellen, welche als „Outlaws“, also Aussätzige und Kriminelle, gelten und in Kingsbridge ein Zuhause finden. Oder auch Aliena, die Tochter des ehemaligen Grafen; dieser wurde gestürzt, woraufhin seine Familie ihren gesellschaftlichen Stand verlor. Aliena sieht in Kingsbridge ihre Chance, sich von da aus ihren einstigen Rang Stück für Stück wieder zu erarbeiten. Sie alle versuchen, in Zeiten politischer Umbrüche, von Armut und Hungersnöten zu überleben und mit dem Aufbau von Kingsbridge und der Kathedrale ein Symbol für Zusammenhalt und dem Glauben an das Gute zu schaffen.


Die Charaktere wurden so wie die zahlreichen Umgebungen mit viel Liebe zum Detail designt

© Daedalic Entertainment GmbH

Als Spieler durchleben wir die Entwicklungen und Veränderungen des Ortes sowie der Charaktere, wir lernen jedoch auch andere Orte, Kulturen und Menschen kennen. Besonders eindrucksvoll dargestellt sind die Charakterentwicklungen: Der Prior Phillip wendet sich im Verlauf der Geschichte von einem „klassischen“ Verständnis der Religion ab, stattdessen entwickelt er eine besonders progressive Auslegung dieser und wird dafür von der Gesellschaft gefeiert, aber von der Kirche geächtet. Bei Aliena handelt es sich um eine starke Frauenfigur, die sich stets in einem Zwiespalt zwischen gesellschaftlichen Konventionen und ihrem starken und selbstständigen Charakter befindet. Etwas flacher werden dagegen die Antagonisten inszeniert, welche überwiegend nach Macht und Reichtum streben, wie etwa William Hamleigh, dessen Familie die von Aliena gestürzt hat. Außerdem werden wir auch mit dem Tod liebgewonnener Charaktere konfrontiert.


Es handelt sich um eine lineare Geschichte, die sich den Mitteln des Point-and-Click-Genres zwar bedient, auf schwierige Kombinations-Rätsel jedoch verzichtet, sodass das Gameplay durchweg recht anspruchslos bleibt. Es geht eher darum, in das mittelalterliche England und die Geschichten der Charaktere einzutauchen. Abseits einiger Quick-Time-Events müssen insbesondere die richtigen Handlungsschritte abgearbeitet und Fragen gestellt werden. Hierbei erkunden wir kleinere offene Areale, sprechen mit den Charakteren, lösen optional kleinere Aufgaben und treffen vermeintlich wichtige Entscheidungen; einige davon haben tatsächlich einen Einfluss auf die Dialoge in späteren Kapiteln.


Das Spiel ist in drei Hauptteile, bezeichnet als „Bücher“, unterteilt, welche jeweils in einige Kapitel untergliedert sind. Ursprünglich erschienen die drei Bücher separat nacheinander, mit der Version auf der Nintendo Switch erhält man jedoch das vollständige und abgeschlossene Spiel. Wer im Übrigen den für Daedalic typischen Humor erwartet, wird hier eher enttäuscht. Es handelt sich um einen ernsten, fast schon bedrückenden Stoff, der an eine moderne Serie mit komplexer Geschichte erinnert. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass jedes der drei Bücher mit einem wiederkehrenden Intro beginnt, welches die Stimmung der Serie musikalisch und inszenatorisch gut einfängt, indem Motive aus Natur und Architektur miteinander kontrastiert werden. Wenngleich die Geschichte fiktiv ist, bedient sie sich wahren historischen Geschehnissen und stellt das Zeitgeschehen und die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse recht realistisch dar. Untermalt wird das Spiel mit einem orchestralen Soundtrack, der sich stimmig einfügt. Alle Dialoge und die meisten Texte im Spiel werden auch in Form einer deutschen Synchronfassung vorgelesen.


Wenn wir flüchtig andere Orte bereisen, wird die Geschichte häufig in Form von vertonten Texten und Illustrationen erzählt

© Daedalic Entertainment GmbH

Zu den Stärken des Titels zählt neben der gut erzählten Geschichte und den Charakterentwicklungen auch die optische Inszenierung. Das Spiel wirkt durch den zweidimensionalen Stil handgezeichnet. Zwar spielt ein größerer Teil der Geschichte in Kingsbridge, sodass wir diesen Ort in zahlreichen Kapiteln abermals ablaufen, doch durch die Darstellung verschiedener Jahreszeiten und Veränderungen dieses Ortes im Laufe der Jahrzehnte wird man nicht müde, diesen Schauplatz zu betreten und zu erkunden. Zudem werden die Charaktere im Laufe der Geschichte erwachsen und altern; das alles ist zeichnerisch so gelungen dargestellt, dass ich persönlich tief in deren Biografie eintauchen und am Ende wehmütig auf deren Werdegang zurückblicken konnte. Dabei wird das Spiel trotz der ernsten Thematik nicht trist dargestellt; die Geschichte beginnt zwar im farbarmen Winter, doch besonders die Flora-freundlicheren Monate sind farbenfroh, wunderschön und stets mit viel Liebe zum Detail gezeichnet. Selbst die unwichtigeren Charaktere haben hier ein markantes Aussehen, sodass man sie nach einem der zahlreichen Zeitsprünge wiedererkennen kann.


Auch wenn das Spiel während meiner Testphase technisch überwiegend gut funktionierte, gab es ein paar sehr ärgerliche Bugs. Als ich mich beispielsweise durch das erste Kapitel bewegte, befand ich mich nach einem Wechsel des Kartenabschnitts plötzlich in einer fehlerhaften Darstellung des Prologs; ein sehr sonderbarer Spielfehler, der allerdings erforderte, dass ich das Spiel von vorne beginnen musste, da ich auch nach einem Neuladen wieder im Prolog gefangen war. Von da an habe ich das Spiel regelmäßig manuell gespeichert. Ein paar Mal ist mir zudem der Fehler begegnet, dass ich einen Dialog anfing und hierin steckenblieb; der Gesprächspartner verweigerte einfach eine Antwort und ich war in der Situation gefangen. Ein einfacher Neustart genügte aber in diesem Fall, da das Spiel häufig zwischenspeichert. Außerdem verschwanden in Dialogen manchmal einzelne Charaktere kurz, ploppten aber wieder auf. Darstellungsfehler wie diese waren zwar für das Vorankommen nicht hinderlich, unterbrechen aber kurzzeitig die Immersion.


Nach gut 15 Stunden habe ich wehmütig den kurzen Epilog der Geschichte beendet. Bis dahin habe ich gemeinsam mit den Charakteren wichtige gesellschaftliche Umbrüche, kriegerische Auseinandersetzungen und deren wichtigste Lebensabschnitte sowie den Bauprozess der Kathedrale miterleben dürfen. Ob das mächtige Bauwerk vollendet werden konnte, müsst ihr selbst herausfinden. Auch wenn die Story trotz aller Widrigkeiten zu einem sinnvollen Abschluss gefunden hat, bleibt das Gefühl, dass ich gerne noch mehr mit den liebgewonnenen Charakteren erlebt hätte.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Laura Strack

Das Point-and-Click-Adventure Die Säulen der Erde von Daedalic Entertainment weiß zu gefallen; vor allem, wenn die folgende Kurzbeschreibung euren Geschmack trifft: Eine komplexe, beinahe schon düstere Geschichte trifft auf einfaches Gameplay, das dennoch Raum für Entscheidungen lässt. Mir persönlich gefielen besonders die Charakterentwicklungen und die Tatsache, die Fort- und Rückschritte des Ortes Kingsbridge im Verlauf vieler Jahrzehnte im Angesicht gesellschaftlicher und politischer Konflikte miterleben zu dürfen – ein ernster Stoff, der auch zeichnerisch wunderschön inszeniert wurde. Einige technische Probleme können zum aktuellen Zeitpunkt das tiefe Eintauchen in die mittelalterliche Geschichte trüben. Wer sich nicht von dem simplen Gameplay abschrecken lässt und Lust auf storylastige Spiele hat, kann aber kaum enttäuscht werden. Besonders Fans der Werke von Ken Follett oder mittelalterlicher Geschichten im Allgemeinen werden definitiv Gefallen finden.
Mein persönliches Highlight: Die Charaktere und die Entwicklung ihrer Persönlichkeiten und Beziehungen im Verlauf der Jahrzehnte.

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Auszeichnungen

Spiele-Hit

Kommentare 2

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  • UNCLDNS

    Danke für den Test! :)

    Das ist tatsächlich voll mein Ding. Allgemein ist die Switch sehr gut ausgestattet mit P&C Spielen. Scheinen wohl auch gut zu laufen. Aus dem Hause Daedalic fehlt eigentlich nur noch The Whispered World. Ebenfalls könnte Double Fine noch gerne Day of the Tentacle und Full Throttle bringen und irgendjemand Monkey Island 1&2.

  • Fang

    Turmfürst

    Klingt ziemlich gut. Ich packe es mal auf meine Wunschliste. Hoffentlich werden die Bugs noch ausgebügelt.

    Grade heute erscheint ja mit Life of Delta ein neues Adventure von Daedelic. Würde mich da auch über einen Test freuen.