Test zu Road 96: Mile 0 - Nintendo Switch
Willkommen zurück in Petria
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4. April 2023 um 12:00 - Simon Münch
Es sind bereits zwei Jahre ins Land gezogen, seit das Spiel Road 96 auf der Nintendo Switch erschienen ist. Zu dieser Zeit hat sich unsere Redakteurin Kerstin der Produktion in einem ausführlichen Testbericht angenommen und dabei neben einer soliden Wertung von 7 Punkten und lobenden Worten auch einige Kritikpunkte benannt. Das Jahr 2023 markiert inzwischen einen neuen Meilenstein für das Franchise: Mit Road 96: Mile 0 erscheint ein Prequel, der eine neue Perspektive auf die Ereignisse des totalitär regierten Petria gewährt.
Ein bisschen werden hier auch Klischees bedient: Reichtum trifft auf Armut, Heimatliebe auf Rebellion.
© DigixArt Entertainment
Wie auch der erste Titel der Reihe beschäftigt sich Road 96: Mile 0 mit den politischen Ereignissen eines Landes, das durch Korruption zerfressen ist. Ein Diktator namens Tyrak hat die Fäden fest in der Hand, worunter die meisten Menschen zu leiden haben, während nur wenige Auserwählte zum erlauchten Kreis der Reichen und Unantastbaren gehören. Alle anderen fristen ihr Dasein als verarmte Arbeiter oder schließen sich im Untergrund der Rebellion an. Die Geschichte spielt sich dieses Mal in einer Luxusstadt im Süden des Landes ab mit zwei sehr verschiedenen Charakteren im Rampenlicht.
Bereits aus Road 96 bekannt, tritt die rothaarige und vorlaute Zoe in diesem Prequel-Titel in den Mittelpunkt. Dabei gehört sie als Tochter des Ölministers zur High-Society Petrias. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Kaito treibt sie allerlei Schabernack, doch etwas scheint im Busch zu sein. Kaito, anders als seine beste Freundin, lebt mit seinen Eltern im Armenviertel und wird von vielen entsprechend schlecht behandelt. Diese Ungerechtigkeit kann er nur dem System zuschreiben, welches er zusammen mit dessen Präsidenten verabscheut. Die gesamte Handlung erstreckt sich über wenige Tage im Mai 1996 und spielt vor den großen Fluchtversuchen diverser Jugendlicher aus Road 96. Es wird dabei thematisiert, was Zoe dazu bewegt hat, ihr eigentlich lauschiges Leben zurückzulassen.
Anders als im ersten Teil spielt ihr nur Kaito oder Zoe – die Story ist linear gehalten und springt nicht von Person zu Person. Dieser Erzählstil passt hervorragend zum Umstand, dass Zoes Vorgeschichte im Mittelpunkt steht. Je nach Situation bekommt ihr eine Person zugewiesen, lauft in einem vorgegebenen Areal herum und interagiert mit Gegenständen und Personen in der Ego-Perspektive. In verschiedenen Akten erlebt ihr dabei unterschiedliche Situationen aus der Perspektive von Kaito oder Zoe. Diese Änderung des Erzählstils ermöglicht euch, die Beweggründe der einzelnen Personen nicht nur durch äußere Beobachtung zu erkennen, sondern auch deren Innensicht zu hören.
Während einer Traumsequenz könnt ihr Antworten auswählen, indem ihr einen bestimmten Pfad einschlagt.
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Dabei sind es die Entscheidungen in Form von Antwortmöglichkeiten, die das Spiel im Laufe der Handlung beeinflussen. Bei Zoe gibt es die Möglichkeit, sie im Laufe der Zeit auf eine Weise zu beeinflussen, dass sie entweder patriotischer wird oder das System Petrias anzweifelt – Kaito hingegen kann zum Rebell mutieren oder die Widerstandsgruppe, die einen vermeintlichen Bombenanschlag vor 10 Jahren verübt hat, hinterfragen.
Dabei zeigen sich die Konsequenzen der von euch während des Spiels getroffenen Entscheidungen besonders im Höhepunkt der Handlung.
Ein besonderer Höhepunkt des Spiels ist die Abwechslung dank verschiedener Gameplay-Mechaniken, die teils durch Spiele der Neunzigerjahre inspiriert sind. Wenn ein Charakter gerade eine Sache verarbeiten muss oder sehr inspiriert von einer Situation ist, begebt ihr euch in eine Art fantastische Innenwelt, in der ihr die Charaktere aus der Third-Person-Perspektive in einer Art Jump ’n’ Run steuert. Beide sind Fans von Skateboards und Inlinern, weswegen sie über den imaginären Asphalt ihrer Gedankenwelt fegen, während ihr mit dem Druck von Tasten springt oder euch duckt. Mit den Sticks könnt ihr die Charaktere nach links und rechts bewegen, während es stets automatisch nach vorn geht. Die einzelnen Level bauen dabei auf Rhythmus auf, weswegen ein gewisses Talent in diesem Bereich sicherlich praktisch ist. Wenn ihr aber zu oft scheitert, lässt sich ein Abschnitt auch überspringen. Während eines solchen Abenteuers erwarten euch bildgewaltige Szenerien, die sich mit einem aktuellen Thema der Handlung auseinandersetzt. Dabei kommt es auch vor, dass ihr über die Auswahl eines Weges bestimmte Entscheidungen trefft. Dabei zeigen sich diese Level äußerst atmosphärisch und fesselnd. Am Ende eines solchen Levels gibt es Punkte und eine Bewertung.
Heutzutage stechen die 90er besonders durch die Musik hervor, die ein gewisses Lebensgefühl vermittelt. Wie auch Road 96 versucht Road 96 Mile 0 dieses Gefühl aufzugreifen. Mit einer Reihe von interessanten Tracks und Künstlern werden die einzelnen Abschnitte begleitet und verlocken, ein Level immer wieder nur der Musik wegen zu spielen. Besonders in den Skate-Leveln ist es die Musik, die den Ton angibt. Dabei ist der Song an den Weg der Level gekoppelt – das bedeutet, wenn ihr verliert und zu einem Checkpoint zurückgesetzt werdet, spielt die Musik ab diesem Moment weiter. Somit ist es notwendig, einen ganzen Level zu schaffen, um auch den gesamten Song zu hören. Im Menü lassen sich die Songs noch einmal anhören oder als Level spielen.
Wie bereits eingangs erwähnt, hatte Road 96 mit einigen technischen Schwächen zu kämpfen. Dabei gab es besonders im Bereich Bildrate gerechtfertigte Kritik. Bedauerlicherweise lässt sich beim neuen Ableger diese Kritik nicht zerstreuen. Abermals kämpft die Nintendo Switch mit Rucklern. Besonders in kurzen Zwischensequenzen machen sich diese diese unangenehmen bemerkbar. Dennoch gibt es aber auf der positiven Seite zu berichten, dass sich diese Ruckler während der eigentlichen Erkundung in Grenzen halten. Wenn sich aber zu viele Modelle in einer Umgebung bewegen, wird auch hier die Bildrate empfindlich gestört.
Grafisch unterscheidet sich Road 96: Mile 0 nur in wenigen Details von seinem Vorgänger. Hier wird besonders deutlich, dass die Umgebung etwas detailreicher, aber auch die Charakter-Modelle besser ausgereift wirken. Wenn man vergleichbare Titel – wie Life is Strange aus dem Jahre 2015 – heranziehen möchte, fällt allerdings auf, dass es diesem noch immer grafisch unterlegen ist. Gleichwohl passt alles in dieser Geschichte zusammen, weswegen der teils klobige Stil weniger als schlecht, sondern mehr als künstlerische Entscheidung wahrgenommen werden kann.
Starke Botschaften finden sich überall. Mal offensichtlich, mal aber auch versteckt.
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Ein weiterer Kritikpunkt, der sich wacker hält, sind die Ladezeiten zwischen einzelnen Bereichen. Es kommt regelmäßig vor, dass zu neuen Sequenzen gewechselt werden muss. An dieser Stelle kann es zu Wartezeiten bis zu einer Minute kommen. Auch eigenartig ist, dass der Ladebildschirm weggedrückt werden muss, wenn der Balken voll ist. Gerade während solcher Wartezeitn lenke ich mich gerne ab, wenn es dann nicht automatisch weitergeht, fühle ich mich so, als hätte ich meine Zeit verschwendet.
Das wahrscheinlich schwerwiegendste Problem des Spiels betrifft die Steuerung. In der First-Person-Perspektive wird ein kleines Fadenkreuz angezeigt. Während ihr mit dem einen Stick die gesamte Blickrichtung ändert, könnt ihr mit dem anderen das Fadenkreuz steuern und gerade in Gesprächen müssen Antwortmöglichkeiten mit diesem Fadenkreuz ausgewählt werden. Das Problem ist abermals, dass die Genauigkeit zu wünschen übrig lässt, denn es kann nämlich mehrfach vorkommen, dass ihr das Feld verfehlt, das ihr anklicken wolltet. Auch kleinere Mini-Games scheitern an dieser Steuerung und machen deshalb schlicht keinen Spaß.
Mit einer kurzen Spielzeit von weniger als zehn Stunden für die Hauptstory ist das Spiel ideal für Spielende, die nach einem kurzen, aber sehr intensiven Vergnügen suchen. Einen Wiederspielwert gibt es: Verschiedenen Entscheidungen haben Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Ich für meinen Teil habe den Titel regelrecht verschlungen und bin nun Feuer und Flamme noch einmal Road 96 anzuschmeißen. Das Potenzial für die Spielreihe ist immens, da es noch so einige Charaktere gibt, in deren Leben man eintauchen könnte. Ähnlich wie die Hoffnung auf Freiheit für Petria, lebt meine Hoffnung auf einen weiteren Ableger der Reihe.
Unser Fazit
7
Spaßgarant