Spielerisch ein mächtiger Vampirfürst - technisch ein blutleeres Häufchen

Vor gut anderthalb Jahren habe ich eine Vorschau zu Vampire the Masquerade: Swansong auf Basis der PC-Version geschrieben. Damals war ich von diversen Elementen angetan und war mir sicher, dass uns hier ein Hit-Kandidat auf der Nintendo Switch erwarten würde. Nun wurde der Titel endlich auf die Nintendo Switch portiert und ich habe mich erneut ins Boston der Welt der Dunkelheit gestürzt. Im folgenden Test erfahrt ihr, wieso Vampire the Masquerade: Swansong spielerisch zwar immer noch ein wirklich guter Titel ist, doch gerade die Technik eine Hit-Wertung verhindert.


Eigentlich wollten wir uns nur kurz umsehen, doch nun sind wir in einen Mordfall geraten

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Zu Beginn lege ich die Karten ganz klar auf den Tisch: Ich habe Vampire the Masquerade: Swansong auf der Nintendo Switch zugunsten eines möglichst zeitnahen Tests nicht noch einmal komplett durchgespielt. Da sich die Switch-Version inhaltlich im Vergleich zur PC-Version, die ich insgesamt dreimal durchgespielt habe, jedoch in keiner Weise verändert hat, diente dieser ganz frische Durchlauf vor allem als Technik-Check.


Swansong spielt in der sogenannten Welt der Dunkelheit, ein erzählerisches Universum, auf dem vor allem diverse Pen & Paper-Regelwerke wie Werwolf: Die Apokalypse, Mage: The Ascension oder auch das namensgebende Vampire: Die Maskerade basieren. Während dieses Universum in groben Zügen unserer heutigen Welt ähnelt, gibt es insgeheim mächtige Wesen, die im Hintergrund die Fäden ziehen und sich gegenseitig und mitunter auch untereinander bekämpfen. In der Welt von Vampire leben die namensgebenden Blutsauger nämlich direkt unter uns und manipulieren die Geschicke der Sterblichen, während sie untereinander um Macht und Einfluss kämpfen. Wer mehr Interesse an der Welt der Dunkelheit hat, der findet auf der Nintendo Switch einige erzählerisch gut gestaltete Visual Novels, welche darin spielen. Vampire the Masquerade: Swansong beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Eine Feier, bei der eigentlich die Partnerschaft zwischen dem örtlichen Machthaber, dem Prinzen, sowie einer Gruppe vampirischer Blutmagier gefeiert werden sollte, wird überfallen und die eigentlich überlegenen und mächtigen Blutsauger werden massakriert. Hier kommt ihr ins Spiel bzw. die drei Charaktere, die ihr im Laufe der Handlung verkörpern werdet.


Eure Fähigkeiten helfen euch dabei, Spuren zu sichern und dem Lösen eures Auftrags näher zu kommen

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Galeb, Leysha sowie Emem sind Vampire, die unterschiedlichen Clans, also Vampirgruppen, angehören und vom Prinzen damit beauftragt werden, den Umständen des Angriffs nachzugehen. Wie bei der Pen & Paper-Vorlage könnt ihr zu Beginn jedem der drei unterschiedliche Fähigkeiten und Disziplinen (quasi die Superkräfte der Vampire) zuordnen. Dabei stehen euch anfangs mehrere Erfahrungspunkte zur Verfügung anhand derer ihr die einzelnen Charaktere entweder in körperlichen, gesellschaftlichen oder geistigen Attributen stärken oder sie auch gezielt in Fähigkeiten wie Einschüchtern, Überzeugen, Psychologie oder auch dem Umgang mit Computern oder dem Knacken von Schlössern trainieren könnt. Hat man am Anfang schon das Gefühl, dass man viel zu wenig Punkte für viel zu viele Bereiche hat, wird dieses Gefühl im Laufe der Handlung nur noch mehr zunehmen. Zwar erhaltet ihr für das Absolvieren eurer Aufträge Erfahrungspunkte, ihr werdet jedoch niemals zum Tausendsassa mutieren und eine gewisse Spezialisierung wird irgendwann nötig - was euch wiederum bestimmte Nebenstränge verschließt. Swansong ist dabei definitiv ein Spiel, das euch zum mehrmaligen Durchspielen motivieren möchte.


Doch um was genau handelt es sich hier spielerisch? Swansong ist definitiv ein Rollenspiel, das jedoch auf die klassische Kampf-Komponente komplett verzichtet. Stattdessen werdet ihr vor allem zu Beginn des Spiels viele Ermittlungsarbeiten durchführen. Dazu gehört vor allem das genaue Absuchen von Schauplätzen, das Beschaffen von Informationen sowie das Manipulieren bzw. Austricksen. Im späteren Verlauf der Handlung mischt sich noch der eine oder andere kleine Genremix wie eine (leider sehr nervige) Stealth-Passage oder ein Reaktions-Spielchen, wenn ihr Blut trinkt, mit hinein. Das Kerngameplay beherrscht Swansong allerdings sehr gut und hier habt ihr es auch mit einem Titel zu tun, bei dem es sich wirklich lohnt, die eigene Umgebung genau zu erkunden. Dabei bietet jeder eurer Aufträge verschiedene Herangehensweisen, die mitunter auch von euren erlernten Fähigkeiten abhängen. So kann Leysha zum Beispiel mit ihrer Fähigkeit Auspex Gerüche und Geräusche intensiver wahrnehmen und so Gespräche besser belauschen, um an Informationen zu kommen. Wem das alles aber zu subtil ist, der kann auch stattdessen ihre Beherrschen-Disziplin steigern, mit der sie Menschen und, wenn sie weit genug aufgelevelt wurde, auch Vampire dazu bringen kann, ihren Befehlen zu gehorchen. Diese Herangehensweise sorgt dafür, dass es stets verschiedene Möglichkeiten gibt, den aktuellen Auftrag zu erfüllen. Aber Achtung: Fertigkeiten oder Disziplinen zu nutzen kostet euch Willenskraft bzw. Blut, die ihr zwar während eines Auftrags unter bestimmten Umständen auffüllen könnt, es empfiehlt sich jedoch ein sehr bedachter Umgang mit den Stärken eurer Charaktere.


Selbst für die Hardware der Nintendo Switch sieht eine solche Optik nicht gut aus

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Neben der Ermittlungskomponente kommt es immer wieder zu verbalen Konflikten, die ihr mit anderen Charakteren austragen müsst und die teils erheblichen Einfluss auf den Verlauf eines Auftrags oder die gesamte Handlung nehmen kann. Dabei könnt ihr gelegentlich auch eure Fertigkeiten und Disziplinen mit in die Gesprächsführung einfließen lassen, um die Chance auf einen Erfolg zu erhöhen. Doch gerade diese Mechanik kann im letzten Teil auch zu teils fatalen Konsequenzen führen, die ich hier aus Spoilergründen jedoch nicht näher erläutern möchte. Auf der einen Seite ist es löblich, dass Vampire the Masquerade: Swansong hier konsequent bleibt und auch nicht vor drastischen Folgen zurückschreckt, auf der anderen Seite kam zumindest bei meinem ersten Spieldurchlauf damals das Gefühl auf, ich hätte den betroffenen Charakter völlig falsch aufgelevelt und wäre somit chancenlos. In Sachen Erzählung und Tiefe kann das Spiel mit solchen Momenten enorm punkten, da auch die Gnadenlosigkeit der Welt der Dunkelheit treffend gezeichnet wird, allerdings solltet ihr keine Angst davor haben, auch einmal zu scheitern und dann mit den Konsequenzen eurer Handlung leben.


Spielerisch weiß Swansong also durchaus zu gefallen, doch was dem Spiel leider die Hit-Wertung verwehrt ist die Technik. Ja, die Nintendo Switch ist mittlerweile in die Jahre gekommen und nein, natürlich erwarte ich hier keinen Vergleich mit der PC-Version. Allerdings fällt die Grafik sehr grob aus, Details wie Haare oder zum Beispiel Galebs Bart sehen einfach nur verwaschen und unscharf aus und die Animationen wirken mitunter sehr schlaksig und ungelenk. Dass das besser geht, haben bereits verschiedene Titel auf Nintendos Hybriden bewiesen. Dieser Umstand wirkt sich auch deswegen negativ auf das Spielgefühl aus, weil die Welt der Dunkelheit eine sehr bestimmte Optik aufweist. Dunkle, in Rotlicht getauchte Clubräume, Wohnkomplexe, in denen das Licht eines zerschossenen Fernsehers flackert, all solche Kleinigkeiten sorgen in der PC-Version dafür, dass sich eine bedrohliche und düstere Atmosphäre aufbaut, welche die Nintendo Switch so nicht transportieren kann. Hinsichtlich der Synchronisation wurden alle Texte des Spiels ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung ist im Großen und Ganzen gelungen, allerdings wurden manche Passagen teils wortwörtlich vom Englischen ins Deutsche übersetzt, was zumindest bei mir für etwas Verwirrung sorgte. Die sehr gute, englische Sprachausgabe wurde hingehend nicht übersetzt - hier müsst ihr mit Untertiteln leben.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Florian McHugh

Vampire the Masquerade: Swansong macht auch anderthalb Jahre nach seinem Release eine Menge Spaß. Fans der Welt der Dunkelheit dürften hier sowieso ihre Freude mit haben aber auch all diejenigen, die mit dem Setting (vorerst) noch nichts anfangen können, erwartet ein sehr gutes Rollenspiel, das vor allem auf Ermittlungen, Dialoge sowie den gezielten Einsatz von Fertigkeiten setzt. Doch erwartet keine Kämpfe, die gibt es nämlich nicht und das ist auch gut so, denn so kann sich das Spiel völlig auf seine Stärken konzentrieren. Die technische Seite gehört da leider nicht zu, denn schwache Hardware hin oder her, die Nintendo Switch kann deutlich mehr als das, was hier geboten wird: Verwaschene und unscharfe Texturen, stellenweise unbeholfene Animationen und karge Hintergründe sorgen leider dafür, dass es den Spielehit-Award nicht gibt. Aufgrund des Startpreis von 59,99 € kann ich aktuell nur eine Kaufempfehlung für diejenigen aussprechen, die keine andere Konsole oder einen PC zuhause haben. Dort kriegt ihr den Titel zu einem deutlich schmaleren Preis. Nintendo Switch-Besitzer, die über die Optik hinwegsehen können, können jedoch zugreifen: Euch erwartet ein wirklich gelungener Titel.
Mein persönliches Highlight: Die Ermittlungen und die vielen Möglichkeiten, wie man ans Ziel gelangen kann.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 1

  • FrogBook

    Turmritter

    Danke für den Test. Phantom liberty ist durch. Jetzt kommt Swanson dran.


    Kann man eigentlich den Text im Spiel Vergrößern. Finde den sehr klein im handheld modus