Test zu Tales of Kenzera: ZAU - Nintendo Switch
Ich bin den Leidensweg gegangen, damit ihr es nicht müsst
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28. April 2024 um 09:00 - Michael Barg
Während der The Game Awards 2023 hat Abubakar Salim ‒ unter anderem Sprecher von Bayek in Assassin’s Creed Origins ‒ sein erstes eigenes Spiel angekündigt. Durchtränkt mit afrikanischer Folklore soll Tales of Kenzera: ZAU dem frischen Game Director nicht nur bei der Bewältigung seiner Trauer um seinen verlorenen Vater helfen, sondern auch den Spielerinnen und Spielern nahelegen, wie sich der Pfad des Kummers anfühlen kann. Die damals gezeigten Spielszenen machten einen vielversprechend Eindruck und ähneln dem kürzlich erschienen Prince of Persia: The Lost Crown. Wir durften uns nun einige Stunden in der bunten Welt von Kenzera austoben und Zau in seiner Leidensgeschichte während der Suche nach seinem Vater begleiten. Was wir von Tales of Kenzera: ZAU auf der Nintendo Switch halten, erfahrt ihr in diesem Test.
Während der Reise müsst ihr euch mit zwei Kampfstilen verschiedenen Arten von Feinden widmen
© Electronic Arts / Surgent Studios
Durch EAs digitales Preview-Event durften wir eine Menge über die Hintergründe der Entstehung von Tales of Kenzera: ZAU erfahren und vor allem Salims Ansatz, den Verlust seines Vaters in Form eines Videospiels zu verarbeiten, hat es uns enorm angetan. Ähnlich wie Salim verliert der fiktive Charakter Zuberi seinen Vater und kurz darauf bekommt er von seiner Mutter ein Buch in die Hand gedrückt, welches eine Geschichte seines Vaters erzählt. Dementsprechend taucht ihr in die geschrieben Worte des dahingeschiedenen Vaters ein und findet euch in der Haut des Schamanen Zau wieder, welcher in der Welt von Kenzera lebt. Wie Zuberi muss Zau seinen Vater an den Tod abgeben, welcher in Kenzera die Form von Kalunga einnimmt. Um seinen „Baba“ wiederzuholen, schließt Zau mit Kalunga einen Pakt und muss die drei Geister erledigen, die Kalunga leugnen. Der junge Zau macht sich also auf die Reise und möchte seinen Baba mit allen Mitteln wiederbeleben. Er durchkämpft die Phasen der Trauer, welche sich deutlich in der Story, aber auch in der facettenreichen Welt von Kenzera wiederfinden. Wie ihr seht, seht die Geschichte im tiefen Bündnis mit dem Creator Abubakar Salim und kann vor allem bei Spielerinnen und Spielern Anklang finden, die ebenfalls geliebte Menschen verloren haben. Interessant ist hier, dass Story und afrikanische Mythologie gemeinsam das vollumfängliche Setting des Spiels darstellen und insgesamt ein zwar recht flaches Metroidvania, aber dafür ein nicht weniger angenehmes Spielerlebnis entsteht.
Wie Zau sollt ihr als Spielerin oder Spieler nach und nach die Phasen der Trauer erleben und euch durchkämpfen. Kaum ein anderes Genre ist dafür besser geschaffen als ein Metroidvania, welches euch von Natur aus Rückschritte erleiden lässt. Aber es mit der Zeit auch ermöglicht, euch an die außergewöhnlichen Gegebenheiten zu gewöhnen. Anders als bei herkömmlichen Vertretern des Genres startet ihr mit einem grundsoliden Kampfpaket, welches einen Dash, einen Doppelsprung und sogar zwei Kampfstile bereithält. Die Stile orientieren sich etwas an den Eigenschaften der Sonne und des Mondes und rüsten Zau mit Masken aus. Während die Sonne eher die Hau-Drauf-Kampfmechanik darstellt, könnt ihr mit dem Mond etwas verschnaufen und zur Fernkampfhaltung wechseln. Das Kampfsystem wird zwar nie besonders komplex und beschränkt sich weitestgehend auf immer gleiche Combos, aber wir finden es gar nicht mal so schlimm. Mit dem flinken Wechseln der Kampfhaltungen könnt ihr den Gegnern sehr kreativ und mit langen Kombinationen den Garaus machen, was echt Freude bringt.
Die Bosskämpfe stellen zwar Abwechslung dar, glänzen aber leider nicht mit viel Einfallsreichtum
© Electronic Arts / Surgent Studios
Freude bringen im Grunde auch die Platforming-Passagen, die graduell anspruchsvoller werden und aus einigen Trial-and-Error-Momenten bestehen. Das Movement von Zau ist bereits zu Beginn schon ziemlich agil und wird im Laufe des Spiels einigermaßen erweitert, sodass ihr euch flink durch die bunte 2,5D-Welt bewegt. Kritisieren können wir hier besonders die Spawn-Punkte, die euch in einigen Bereichen ordentlich bestrafen. Nicht selten hängt ihr etwas länger an einer harten Platformer-Nuss. Eure Platforming-Skills werden auch in einigen Mini-Challenges herausgefordert, die ihr in der recht genre-untypischen linearen Spielwelt findet. Auch wenn die im Genre eigentlich übliche Erkundung in Tales of Kenzera: Zau nicht wirklich ausgeprägt ist, werdet ihr für jeden kleinen Ansatz zumindest teilweise mit Ausrüstungsgegenständen oder Erfahrungspunkten belohnt. Diese Punkte könnt ihr in zwei ziemlich mageren Skilltrees einsetzen, die eure Kampfhaltungen geringfügig erweitern. Auch hier bietet Tales of Kenzera: Zau leider wenig Tiefgang, was mich aber nicht wirklich gestört hat. Die Ausrüstungsmedaillen ermöglichen Zau einige passive Buffs, die ich im Spiel aber kaum gemerkt habe. Dennoch könnt ihr euren Kampfstil zumindest ansatzweise anpassen – erwartet jedoch kein Blasphemous- oder Hollow Knight-Niveau. Tales of Kenzera: Zau verfehlt nämlich sein Genre und lässt sich eher einem linearen Action-Platformer zuordnen, was den Spielspaß allerdings nicht mindern sollte.
Passagen wie diese, welche präzise Eingaben erfordern, sind auf der Nintendo Switch Quellen der Frustration
© Electronic Arts / Surgent Studios
Kommen wir nun aber zum Foreshadowing der absichtlich provokant gewählten Headline: Auf der Nintendo Switch ist Tales of Kenzera: Zau eine mittelmäßige Katastrophe. Mit Freude habe ich die Demo auf der PC-Plattform Steam gespielt und auch die während des Preview-Events gezeigten Aufnahmen ließen meine Augen aufleuchten – bis ich wenige Tage nach Release selbst in Zaus Abenteuer eintauchen durfte. Während der erste Akt weitestgehend spielbar ist und für Nintendo Switch-Verhältnisse recht ordentlich aussieht, werdet ihr spätestens ab der Hälfte des zweiten Aktes, spätestens im dritten Akt Zeuge eines ruckelnden Bilderbuchs. Mit schätzungsweise 15 Bildern pro Sekunde wird von euch erwartet anspruchsvolle Platforming-Passagen zu meistern, die zusätzlich das Schlimmste aus dem Input-Lag herausholen. Ach, und von den Bugs und Fehlern will ich gar nicht erst anfangen. Habt ihr diese nach etlichen Versuchen und voller Frust geladen gemeistert, erwartet euch einer der vielen Arena-Kämpfe, in welchen ihr euch den ziemlich eintönigen Feinden stellen müsst. Würden die Standbilder wenigstens hübsch aussehen und nicht nur farbenfrohen Pixelbrei präsentieren, könntet ihr euch wenigstens am grundsätzlich toll aussehenden Artstyle, an der authentischen Welt und an den liebevollen Charaktermodellen ergötzen – nur eben auf anderen Plattformen. Mit 19,99 Euro macht ihr als Action-Platformer-Fan wirklich nichts falsch. Auch, dass wir in eine recht fremde afrikanische Mythologie eintauchen dürfen, welche wir in Videospielen zu selten sehen, halte ich persönlich für eine ausgesprochene Stärke des Spiels. Der Umgang mit Trauer in den afrikanischen Bantu-Kulturen lässt unsere westlichen Augen und Ohren aufhorchen. Er wirkt auf den ersten Blick vielleicht eigenartig bunt, trägt aber im Kern eine fantastische Reise, die hängenbleibt. Nur schade, dass wir Zau auf seiner Reise nur bis zum Ende des dritten Aktes begleiten durften, weil die Nintendo Switch im Setting eines feurigen Vulkans an ihre Grenzen stieß und für einen traurigen Testabbruch sorgte. Wir hoffen inständig auf baldige Verbesserungen in den kommenden Wochen, damit wir Zau bis zum Ende seiner Reise der Trauer begleiten dürfen.
Unser Fazit
5
Für Genre-Fans