Test zu Mario & Luigi: Brothership - Nintendo Switch
Alle Fans an Bord!
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4. November 2024 um 13:00 - Daniel Kania
Schon seit mehreren Generationen sorgen die Abenteuer von Super Mario für Spaß und Spannung – ganz unabhängig von Alter oder Videospielerfahrung. Das gilt nicht nur für die Hüpf-Spiele des Klempners, sondern auch für seine übrigen Eskapaden. Darunter sind es vor allem die Rollenspiele, die bei mir für große Begeisterung sorgen können. Dank ihrer einfach zu verstehenden Systeme und den intuitiven Action-Elementen eignen sie sich bestens als Einstieg ins Genre, bieten jedoch auch genug Tiefe, um für erfahrene Spieler reizvoll zu sein.
Meine Faszination für Mario-Rollenspiele rührt jedoch aus einem anderen Grund: die Story. Mario-Abenteuer haben nicht gerade den Ruf, aber auch nicht gerade die Notwendigkeit, eine tiefgehende Handlung zu haben. Ganz anders bei RPGs, die von der Erzählung und somit von den Figuren und Ereignissen leben. Mario-Rollenspiele sind dahingehend einzigartig, dass sie Mario und Co. an Orte bringen und in Situationen verwickeln, die im Rahmen der Hauptserie nur schwer vorstellbar wären. Das gibt ihnen ihre eigene Identität und ihren Reiz.
So sollte es zumindest sein. In Wirklichkeit liegt jedoch ein Jahrzehnt hinter uns, in denen die Mario-Rollenspiele diese Charakteristika immer weiter verloren haben. Die Paper Mario-Spiele haben eine Transformation zu Adventures durchgemacht und den RPG-Anteil seitdem eher stiefmütterlich behandelt. Das färbte sich auch auf die Designs ab, die größtenteils aus dem generischen Mario-Cast bestanden. Ähnliches war bei Mario & Luigi: Paper Jam Bros. zu beobachten, dem 2015 erschienenen, letzten neuen Serienteil des ursprünglichen Entwicklerstudios AlphaDream.
Doch die 20er-Jahre scheinen alles besser machen zu wollen. Die zuletzt veröffentlichten Neuauflagen von Super Mario RPG und Paper Mario: Die Legende vom Äonentor für die Nintendo Switch weckten neue Hoffnungen für die Zukunft der Mario-Rollenspiele – und das nicht unbegründet. Mit Mario & Luigi: Brothership steht in dieser Woche der erste völlig neue Serienteil seit neun Jahren an. In unseren zwei Vorschau-Berichten machte ich bereits klar, dass die Brüder sich wieder in Bestform geben. Nun kann ich auch mit Gewissheit sagen: Die Serienrückkehr ist vollends geglückt.
Die Kräfte einer Wattanikerin wie Connetta sind unabdingbar für die Rettung von Konektania
© Nintendo
Zu Beginn der Geschichte werden Mario, Luigi und weitere Bekannte aus dem Pilz-Königreich von einem Strudel aus Licht eingesaugt, der sie in eine andere Welt namens Konektania bringt. Im Zentrum dieser stand einst der große Konektarbor-Baum, welcher die Inseln mit der Konektar-Energie versorgte und so zusammenhielt. Doch böse Mächte zerstörten den Baum und ließen das Land in Stücke zerbrechen, die nun als Inseln über die Meere strömen. Seit dem Vorfall pflegt die Wattanikerin Connetta einen Baum, der zum nächsten Konektarbor heranwachsen soll.
Gestrandet in dieser anderen Welt entschließen sich die Brüder, dabei zu helfen, das auseinander geratene Konektania wieder zusammenzubringen. Im Gegenzug möchte Wattz – ein fliegendes Sparschweinchen, das dem Klempnerduo bei diesem Abenteuer zur Seite stehen wird – einen Weg finden, sie zurück ins Pilz-Königreich zu bringen. Euch erwartet ein ausgiebiges Seereise-Abenteuer, das vor Überraschungen, Wendungen und witzigen Momenten nur so überquillt. Dabei lernt ihr viele neue Freunde wie auch Feinde kennen und trefft ebenso auf einige bekannte Gesichter.
In Konektania finden sich zwar typische Mario-Settings wie Wälder und Wüsten oder Vulkane und Schneeberge, ihre Gestaltung ist aber alles andere als 08/15. In typischer Mario & Luigi-Manier hat die Spielwelt viele magische und mysteriöse oder aber schrille und witzige Elemente. Im Design verfolgte man hier oft eine Stecker- beziehungsweise Steckdosen-Thematik, die sich über die gesamte Spielerfahrung spannt und dem Spiel sehr viel Persönlichkeit und Einzigartigkeit verleiht. Es ist immer spannend zu sehen, was einem als Nächstes auf der Reise erwartet.
Diese Entdeckerlust ist zu großen Stücken dem Seefahrt-Setting zuzuschreiben, welches sogar im Gameplay miteinbezogen wird. Auf Kapitarbora, eurer Basisinsel, die zugleich als Schiff fungiert, dürfen Mario und Luigi als Kapitäne den Kurs bestimmen. Das geschieht über eine Seekarte, auf der verschiedene Strömungen eingezeichnet sind, entlang welchen ihr euch bewegen könnt. Unterwegs heißt es dann immer wieder „Land in Sicht!“, wenn ihr durchs Fernrohr schaut und eine Insel erspäht, auf die sich die Brüder via Kanone schießen können.
Das Ganze erinnert ein wenig an die Fortbewegung aus The Legend of Zelda: Phantom Hourglass, hätte aber gerne mehr Anleihen von The Legend of Zelda: The Wind Waker haben können. Was ich damit sagen will: Ich hätte mir etwas mehr direkte Kontrolle und Freiheit bei der Erkundung gewünscht. Die Strömungen machen es recht offensichtlich, wo sich etwas verbirgt, und der Blick durchs Fernrohr verkauft euch eine eher halbgare Illusion davon, wo sich Inseln befinden und wie sie im Verhältnis zum Schiff positioniert sind. Abseits davon gibt es auf dem Meer nicht wahnsinnig viel zu sehen.
Darauf lag offensichtlich aber nicht der Fokus, sondern auf den Inseln selbst. Auf einer solchen angekommen, stellt sich das übliche Mario & Luigi-Gameplay ein. Erkundung besteht sowohl aus Platforming-Passagen als auch aus Rätseln, oftmals kombiniert. Auszeichnend für die Serie ist, dass ihr beide Brüder gleichzeitig steuert. Der A- und X-Knopf stehen für Marios Sprung und Hammer, der B- und Y-Knopf für Luigis. Zusätzlich können sich die beiden für Brüderaktionen verbünden und so etwa zu einem UFO oder einem Ball werden, was neue Wege eröffnet.
Auch wenn er mit Luigi’s Mansion mittlerweile zum Star seiner eigenen Spielereihe geworden ist, mögen es die Mario & Luigi-Spiele nach wie vor, Luigi besonders hervorzuheben. Das zeigt sich in diesem Abenteuer in Form der „Luigidee“. Sind die Brüder mit einem Problem konfrontiert, kommt Luigi manchmal ein Geistesblitz wie ein alternativer Weg oder eine neue Fähigkeit. Auch beim Herumlaufen zeigt Luigi nun mehr Eigeninitiative und springt Mario automatisch hinterher oder bietet an, mit Objekten wie Schaltern oder Rüben zu interagieren.
Häufig kommt es dann vor, dass sich das Duo auftrennen muss, um ein Hindernis zu überwinden. Beispiel: Luigi bleibt bei einem Schalter, welcher Plattformen bewegt. Mario hüpft von Platte zu Platte, um eine Tür öffnen zu können. Hier erscheint ein kleiner Bildschirm, welcher Luigi beim Schalter zeigt, sobald er sich zu weit von Mario entfernt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie diese Passage früher auf dem Nintendo DS oder Nintendo 3DS mit dem Top-Screen und Touch-Screen gelöst worden wäre. Es ist schön zu sehen, wie die Serien-DNA selbst bei solchen kleinen Dingen noch intakt geblieben ist. Dadurch fühlen sich langjährige Fans gleich wie zuhause.
Luigis Selbstständigkeit hat allerdings auch zur Folge, dass sich die Erkundung mehr nach „Mario + Luigi“, anstatt Mario & Luigi anfühlt. Mit Mario als eindeutige Hauptfigur und Luigi als Gameplay-Gimmick. Das tut dem Spielspaß keinen Abbruch und ist Meckern auf höchstem Niveau, doch vom Spielgefühl her haben die Brüder in früheren Ableger mehr wie eine Einheit gewirkt. Aufgrund meiner Muscle Memory, die mit den neuen Bewegungen nicht kompatibel ist, vermassele ich nun ständig den Erstangriff beim Initiieren von Kämpfen.
Apropos Kämpfe: Das ist die andere große Säule des Gameplays. Kommt ihr in Berührung mit einem Gegner auf der Oberwelt, wechselt das Spiel zum Kampfbildschirm. Hier geben sich die Bros. und ihre Gegner gegenseitig auf die Mütze, bis eine Seite umfällt. Sprung und Hammer kommen hier als Angriffe zum Einsatz und erfordern die richtigen Knopfeingaben zur richtigen Zeit, um den größtmöglichen Schaden zu verursachen. Neu ist, dass sich die Klempner selbst bei den Standard-Angriffen verbünden. Ich schätze, da habe ich mein just vermisstes Einheitsgefühl wieder zurück.
Kommen nämlich die Gegner zum Zug, dann ist Aufmerksamkeit gefragt. Jeder Gegner hat seine eigenen Angriffsmuster, die er mal offensichtlich, mal subtil ankündigt. Diese Zeichen gilt es zu erkennen und zu lernen, damit ihr wisst, welcher Bruder angegriffen wird und wann ihr ausweichen oder sogar kontern könnt. Das macht Kämpfe immer wieder zu so etwas wie einem Rätsel, das man erst knacken muss, und zu einer nicht zu verachtenden Herausforderung. Sobald ihr denkt, alle Angriffe durchschaut zu haben, kommt ein neuer Gegner und wischt den Boden mit euch.
Ein Highlight des Kampfsystems sind die Paar-Attacken, mächtige Spezialangriffe, bei denen Mario und Luigi zusammen angreifen. Diese bestehen aus kleinen Minispielen, die wieder einmal Geschick bei der Knopfeingabe erfordern. Diese Techniken zu meistern und clever einzusetzen, ist sehr belohnend und macht für mich langfristig den Reiz in den Kämpfen aus. Umso ernüchternder ist es, wie lange man warten muss, bis neue Paar-Attacken freigeschaltet werden. Insbesondere das erste Drittel des Abenteuers lässt es etwas zu gemächlich angehen.
Auch die große Neuerung im Kampf lässt einige Zeit auf sich warten. Nach einem bestimmten Punkt in der Story wird es euch möglich sein, Effektstecker zu benutzen. Dabei handelt es sich um Verstärkungen oder besondere Effekte, die so lange aktiv sind, bis ihre Einsätze verbraucht sind. Dann müssen sie sich einige Runden aufladen, bis sie wieder eingestöpselt werden können. Das verleiht dem System eine taktische Note, bedeutet aber auch viel Micromanagement, wenn ihr immer alles aus den gegebenen Mitteln herausholen wollt.
Das Spiel gibt euch die Wahl, welche Effektstecker ihr herstellen möchtet. Notwendig sind dafür Deutlichter, die ihr auf der Oberwelt sammelt, was eine gute Synergie zwischen Erkundung und Kampf ergibt. Beim Bauen solltet ihr nicht nur das wählen, was eurem Spielstil zusagt, sondern auch überlegen, welche Effekte gut zueinander passen. Manche Kombinationen bewirken nämlich Bonuseffekte und sind damit besonders wirkungsvoll. Über Zeit steigert ihr die Zahl der verfügbaren Steckerplätze und könnt so die verschiedensten Kombinationen ausprobieren.
Vor allem bei Bosskämpfen können Effektstecker euch das Leben retten. Es gibt einige defensive Effekte, die etwa das Kontern erleichtern, Schaden reduzieren oder euch heilen. Schafft ihr es hingegen einen Boss mit einer Luigidee zu überrumpeln, dann bietet es sich an, mit offensiven Effekten in die Vollen zu gehen. Anders als Orden oder Karten aus früheren Serienteilen lassen sich die Effektstecker direkt noch im laufenden Kampf anpassen, was auch nur allzu nötig ist, wenn sich das Blatt von einer Runde zur nächsten schlagartig ändern kann.
Die Erkundung wird immer wieder durch Aktivitäten wie ein Rhythmus-Minispiel aufgelockert
© Nintendo
Ziel einer jeden Inselbesichtigung ist es, den Leuchtturm zu erreichen, von wo aus ihr die Insel wieder ans Netz des Konektarbors anschließen könnt. Ist das einmal geschafft, fließt wieder der Konektar und Blumen beginnen zu blühen, die neue Wege freilegen oder Schätze für euch bereit halten. Erneute Abstecher zu bereits angebundenen Inseln lohnen sich also – auch um zu sehen, wie es den Insulanern nach der Anbindung geht und ob sie Nebenmissionen für euch haben. Von diesen gibt es eine ganze Menge und manche davon sind zeitlich befristet, worauf das Spiel aber ausdrücklich hinweist.
Obwohl es gewissermaßen Backtracking bedeutet, hatte ich meist große Freude daran, zu den Inseln zurückzukehren. Denn je mehr Inseln ihr anbindet, desto mehr Tourismus gibt es an den diversen Orten. Ihr werdet also immer wieder NPCs begegnen, die eigentlich von woanders stammen, sich aber die lokalen Sehenswürdigkeiten ansehen. Das macht die Welt so lebendig und dynamisch wie in noch keinem Mario-Rollenspiel zuvor. Zusammen mit den Missionen, welche die Charaktere noch liebenswerter machen, macht das Konektania zu meiner neuen Lieblingswelt in der Mario & Luigi-Serie.
Unter anderem auch, weil sie so schön aussieht. Der serientypische Cartoon-Stil wurde mit diesem Ableger erstmals völlig in 3D umgesetzt und hat einige erstklassige Modelle und Animationen hervorgebracht. Es wird viel mit Gestik und Mimik der Charaktere gearbeitet, um Emotionen zu übermitteln. Manchmal auch mit übertrieben großen Mündern und Augen, was gut zur Komik der Reihe passt. Weniger stylish sind die Menüs, die einen Pepp mehr Persönlichkeit hätten vertragen können. Über eine detailreichere Karte hätte ich mich ebenso gefreut.
Mario & Luigi: Brothership ist in vielen Punkten eine Serienrückkehr nach Maß, doch beim Soundtrack bin ich mir uneinig. Die Musik fängt die Stimmung des Spiels gut ein, doch an die verspielten, magischen, ja fast schon epischen Kompositionen der legendären Yōko Shimomura aus früheren Serienteilen kommt sie nicht ganz heran. Dafür war die Messlatte doch zu hoch gesetzt. Dennoch überzeugen viele Tracks mit ihren eigenen Qualitäten. Kunst ist bekanntlich Geschmackssache und hier würde ich sagen, der Soundtrack ist nicht viel schlechter als frühere, aber anders in jedem Fall.
Der Vollständigkeit wegen abschließend noch ein paar Worte zur Technik. Hier gibt es nicht allzu viel zu bemängeln. Die Ladezeiten vor und nach dem Kampf sind offenbar als lang genug empfunden worden, um dort Spieltipps zu platzieren. Ich sehe es auch so, dass sie ein Ticken länger ausfallen, als ich es von den zugegeben simpleren Vorgängern gewohnt bin. Damit konnte ich mich im Laufe des rund 40- bis 50-stündigen Abenteuers jedoch arrangieren. In Bereichen mit vielen Objekten kommt es zudem schon einmal zu Framerate-Einbrüchen, allerdings nicht im gravierenden Ausmaß.
Unser Fazit
9
Geniales Spiel