Test zu RollerCoaster Tycoon Classic - Nintendo Switch
Der Achterbahnspaß aus eurer Kindheit ist zurück!
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7. Dezember 2024 um 14:30 - Benjamin Greim
RollerCoaster Tycoon ist für viele Kinder der 90er-Jahre eine absolute Instanz und die meisten werden damit sehr gute Erinnerungen verbinden. So waren RollerCoaster Tycoon 1 und 2 auch für mich schon zur Ersterscheinung 1999 und 2002 heißgeliebte Zeitfresser, bei denen ich unzählige Stunden in das Einrichten eines Freizeitparks und vor allem das Designen von abgedrehten Achterbahnen steckte. Nun erscheint auch für die Switch mit RollerCoaster Tycoon Classic eine Portierung der zusammengefassten ersten beiden Ableger des beliebten Freizeitpark-Simulators – natürlich mit originalgetreuer Pixelgrafik. Das erste Mal erschien der Titel bereits 2016 für Android und iOS. Aber entlockt uns die Portierung auf der Nintendo Switch ekstatische Schreie oder handelt es sich hier eher um ein wackliges Kinderkarussell?
Kaum hat man RollerCoaster Tycoon Classic gestartet, wird man von einer überwältigenden Fülle an Inhalten begrüßt. Hier gibt es nicht nur ein bisschen Retro-Charme – nein, die Entwickler haben das volle Paket geschnürt: Original-Szenarien aus den ersten beiden Spielen, unzählige Parks mit unterschiedlichen Herausforderungen und ein Designer-Modus, der uns ohne Limitationen stundenlang an eigenen Achterbahn- und Parkdesigns feilen lässt. Doch was macht diesen Klassiker auch Jahrzehnte später noch so unwiderstehlich? Ganz einfach: Es macht nach wie vor einen Heidenspaß, Freizeitparks zu planen, zu bauen und die Reaktionen der Besucher zu beobachten.
Die Pixel-Grafik ruft sofort nostalgische Gefühle hervor
© 1999-2017 Chris Sawyer / 2024 Atari Interactive
Ob das schadenfrohe Lachen über schreiende Gäste in einer Looping-Orgie oder die befriedigende Ruhe eines perfekt funktionierenden Parks – RollerCoaster Tycoon Classic zeigt eindrucksvoll, warum es immer noch der heimliche König unter den Themenpark-Management-Simulationen ist. Hier ist Nostalgie nicht nur ein Verkaufsargument, sondern ein Herzstück, das Spieler auch heute noch an den Bildschirm fesselt wie Kinder in den 90ern die Werbung für das Disneyland. Aber aufgepasst: Das Spiel ist – genauso wie früher – ein echter Zeitfresser und so schüttet so mancher Blick auf die Uhr wahrscheinlich genauso viel Adrenalin aus wie ein Freefall-Tower.
Es gibt Momente, in denen man sich bei RollerCoaster Tycoon Classic fühlt, als hätte man eine Zeitmaschine gestartet. Die Soundeffekte – das fröhliche Gemurmel der Parkgäste, das metallische Klackern der Achterbahnzüge oder die Ploppgeräusche beim Bauen von Wegen und Gegenständen – sie alle rufen sofort nostalgische Gefühle hervor. Diese akustische Untermalung ist schlichtweg zeitlos und schafft zusammen mit der auswählbaren Musik der Fahrgeschäfte eine Atmosphäre, die einen förmlich in die Welt des Themenpark-Managements hineinzieht. Das Spiel ist einfach in vielen Belangen selbst in der Originalform sehr gut gealtert.
Was damals schon hervorragend war, funktioniert auch heute noch: die detailverliebte Gestaltung der Parks, die schier unendlichen Möglichkeiten und die Mischung aus strategischem Denken und kreativer Freiheit. Doch wo Licht ist, da ist bekanntlich auch Schatten. Und dieser Schatten zeigt sich vor allem bei der Controller-Steuerung der Nintendo Switch-Version. Viele der ursprünglichen Mechaniken wurden eins zu eins übernommen – ein Segen für Puristen, aber ein Fluch für moderne Spielerhände. Menüs fühlen sich teils sperrig an, das Platzieren von Anstellbereichen und Wegen erfordert oft mehr Geduld als ein Kind vor einer geschlossenen Zuckerwattebude haben muss. Manchmal wünscht man sich hier einfach ein paar Quality-of-Life-Verbesserungen. Die Nostalgie mag vieles verzeihen, aber an manchen Stellen merkt man doch, dass der Zahn der Zeit ein paar kleine Bissspuren hinterlassen hat.
Die Konstruktion von Strukturen kann aufgrund von Limitierungen und der umständlichen Steuerung viele Nerven kosten
© 1999-2017 Chris Sawyer / 2024 Atari Interactive
Ein weiteres Manko ist der fehlende Touch-Screen-Support. Es ist leider komplett unverständlich, dass das Spiel – welches ja wie erwähnt zuerst für Mobilgeräte erschien – auf der Nintendo Switch nicht über eine solche verfügt. Vieles wäre damit wahrscheinlich leichter. Leider müssen wir uns nun aber mit einem ziemlich lahmen Cursor über den Bildschirm quälen, da wir weder Touch-Steuerung noch eine Maus zur Verfügung haben. So bleibt eben nur der Analog-Stick. Die Steuerung ist hierbei sehr kompliziert und man wird immer wieder ins Menü schauen müssen, welche Tastenkombination uns Zoomen, Höhen verstellen oder die Geschwindigkeit ändern lassen. Leider müssen wir hierbei auch mit den Voreinstellungen der Entwickler auskommen. Es gibt nämlich keine Möglichkeit, die Steuerung selbst anzupassen. So wird man seine eigenen Finger des Öfteren dabei ertappen wie sie im Achterbahn-Stil über die Tasten gleiten – auf der Suche nach der richtigen Kombination – weil wir vermeiden möchten mit dem langsamen Mauszeiger wieder nach ganz rechts zu schleichen, um die Steuerung nachzulesen. Es wäre schön gewesen, wenn man bei den Anpassungen wenigstens die Möglichkeit gehabt hätte, die Geschwindigkeit des Cursors zu verändern.
Die Bau- und Sichtwerkzeuge in RollerCoaster Tycoon Classic hingegen sind grundsätzlich eine echte Hilfe. Die Einstellungen braucht man immer wieder: Mal schnell die Bäume ausblenden, um einen verschlungenen Pfad zu legen, oder störende Objekte aus dem Blickfeld nehmen – das ist tatsächlich eine komfortable und praktische Funktion. Doch leider wird auch dieser Komfort immer wieder durch einen irritierenden Eigenwillen der Einstellungen getrübt: Sie setzen sich nach kurzer Zeit einfach selbst zurück. Und zwar jedes Mal, wenn wir das aktuelle Fenster verlassen. Was bleibt, ist das frustrierende Gefühl, in einer Endlosschleife von Ansichts-Justierungen festzustecken oder eben aus Frust auf diese zu verzichten.
Im Design-Modus können wir ohne Zeit- und Finanzlimit Achterbahnen konstruieren und testen
© 1999-2017 Chris Sawyer / 2024 Atari Interactive
Besonders ärgerlich ist dies beim Bau komplexer Bereiche. Jeder Ausflug ins Einstellungsmenü wird zum Geduldsspiel, da wieder einmal wie erwähnt der Mauszeiger gemütlich über den Bildschirm schleicht und das passende Menü weit entfernt am selten genutzten rechten Bildschirmrand sitzt. Eine Schnellsprungoption? Fehlanzeige. Damit nicht genug: Auch die Fenstergrößen spielen hier ein fröhliches Eigenleben. Schließt man eines dieser platzraubenden Menüs, hofft man bei der nächsten Nutzung, dass es sich zumindest an die zuvor gewählte Größe erinnert – doch weit gefehlt. Stattdessen erfordern sie jedes Mal aufs Neue eine Größenanpassung.
Die geringe Auflösung des Spiels und die voluminösen Fenster sorgen hier eben leider dafür, dass man seinen Bildschirm teils nur noch durch ein Sammelsurium an Menüs und Werkzeugen sieht. Es ist also nicht wirklich möglich, viele Fenster dauerhaft offen zu lassen. Eine Verbesserung dieser Mechaniken hätte dem Klassiker definitiv gut zu Gesicht gestanden. Diese Dinge sind allerdings weit weniger tragisch als sie klingen und wirklich schnell vergessen. Spätestens dann, wenn man den dritten Luftballonstand – diesmal mit pinken Luftballons – gebaut hat und sieht, wie die kleinen Pixelmenschen grinsend mit den pinken Heliummonstern über die angelegten Wege wuseln.
So geschäftig wie die Parks in RollerCoaster Tycoon Classic werden können, so geschäftig scheint auch das Spiel selbst manchmal zu arbeiten – allerdings nicht immer zugunsten der Performance. Gerade wenn man weit herauszoomt, um einen Überblick über das bunte Treiben zu gewinnen, beginnt der Klassiker, ins Stolpern zu geraten. Die Framerate wankt, der Cursor wird schwerfällig, und plötzlich fühlt sich das Navigieren durch den Park an wie eine langsame Fahrt durch die Geisterbahn. Da man zum Glück aber nur selten so weit herauszoomen muss, ist dies sehr verkraftbar. Am gravierendsten sind die Ruckler zum Glück bei einer kaum genutzten Funktion: Wenn wir uns ein Menü mit Grafiken anschauen, die Werte wie die Schnelligkeit oder seitlichen G-Kräfte während einer Achterbahnfahrt live darstellen. Dies ist aber zum Glück wie gesagt sehr selten und es handelt sich um keine notwendige Funktion.
Das Spiel ist zeitweise eine echte Management-Simulation, mit allem, was dazugehört: Statistiken und viele Einstellungsmöglichkeiten
© 1999-2017 Chris Sawyer / 2024 Atari Interactive
Bleibt nun noch die Frage für wen RollerCoaster Tycoon Classic auf der Nintendo Switch die richtige Wahl ist? Es ist definitiv kein Spiel für jedermann, denn komplette Neulinge werden sich mit der hohen Einstiegshürde aufgrund fehlender Quality of Life-Features wohl sehr schwertun. Vielmehr richtet sich der Titel an eine sehr spezifische Zielgruppe: Kenner und Nostalgiker, die die Originale kennen oder lieben und bereit sind, ein paar Kompromisse einzugehen, um sie auf einer modernen Plattform zu erleben. Doch selbst eingefleischte Fans dürften sich fragen, ob die Switch-Version die richtige Wahl ist. Hardcore-Fans werden wohl lieber zu einer Maus und der bekannten OpenSource-Version von RollerCoaster Tycoon 1 + 2 greifen. Für unterwegs gibt es zudem ja bereits eine Mobile-Version, die besser an den Touchscreen angepasst ist und insgesamt ein geschmeidigeres portables Spielerlebnis bietet.
Bleiben also Nostalgiker, denen der Handybildschirm zu klein ist und die sich von kleinen Frustmomenten – seien es die antiquierten Bau-Mechaniken, die manchmal ruckelige Performance oder die komplizierte Steuerung – nicht abschrecken lassen. Diese Spieler werden an der Switch-Version durchaus Gefallen finden, aber auch sie sollten sich bewusst sein, dass dieses Abenteuer eher eine liebevolle Zeitreise als ein modernes Spielerlebnis ist. Für wen dies aber kein Problem darstellt, der darf sich ohne schlechtes Gewissen auf eine Zeitreise begeben. Diese Reise könnte dann durchaus ein wenig länger ausfallen, als vorher geplant. Denn die vielen und abwechslungsreichen Szenarien bieten eine Menge Langzeitspaß für Freizeitpark-Fans.
Unser Fazit
7
Spaßgarant