Test zu Shin chan: Abenteuer in Kohlenburg - Nintendo Switch
Ein warmer Sommertag, der bitte niemals enden soll
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22. Dezember 2024 um 09:00 - Michael Barg
Ein fünfjähriger Junge, der nicht nur mit seinen vulgären und sehr anstößigen Kommentaren bei seiner Familie aneckt, wo er nur kann, sondern auch mittels eines fast schon ikonischen Tanzes sein entblößtes Gesäß dem erwachsenen Umfeld ins Gesicht streckt – das ist Shin-Chan, der Protagonist des gleichnamigen Mangas und Animes. Durch seine Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen in den frühen 2000ern hatte ich die „Ehre“, Seite an Seite mit Hauptfigur Shinnosuke Nohara (kurz Shin-Chan) heranzuwachsen und wurde schon von klein auf von dem etwas kruden Humor der Serie beeinflusst. Auch wenn Shin-Chan ursprünglich durch seine Aufmachung und Inhalte an die jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer gerichtet war, entpuppten sich die Abenteuer des Fünfjährigen eher als Unterhaltung für Erwachsene – so wurde der Grad an perversen und sexistischen Witzen von Episode zu Episode immer ein Stück weiter gesteigert und ist wahrlich ein Produkt der späten 90er- und frühen Nullerjahre. Inzwischen erstreckt sich die Handlung von „Crayon Shin-Chan“, wie die Serie international genannt wird, auf über 900 Episoden und bietet ebenso eine endlose Anzahl an Filmen – nun übernimmt unser kleiner Frechdachs auch die Videospiellandschaft. Mit Shin chan: Abenteuer in Kohlenburg erschien vor einigen Wochen der zweite Teil der etwas schlichten Lebenssimulation, welche von dem japanischen Studio h.a.n.d. Inc. entwickelt wurde. Im Deutschen hört das entspannte Debütabenteuer auf den weniger entspannten langen Namen „Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor - Die endlose Sieben-Tage-Reise“; nun geht Shinnosuke in die zweite Runde. Wir durften uns nun einige Wochen das Sequel Shin-chan: Abenteuer in Kohlenburg anschauen und waren überrascht, wie wunderbar der etwas in die Jahre gekommene Humor und der einzigartige Style der Anime-Serie mit den Elementen einer Life-Sim zusammenpassen. Viel Spaß beim Lesen!
Wie in der Serie erleben wir die spielerische Welt aus den Augen des fünfjährigen Jungen Shinnosuke Nohara, welcher mit seiner engen Familie und Großeltern aufs japanische Land zieht. Frisch angekommen werden wir und Shin-Chan natürlich dazu eingeladen, das neue Dorf Atika zu erkunden, Insekten und Fische zu entdecken und allerlei neue Freundinnen und Freunde sowie Erwachsene kennenzulernen. Da es sich überwiegend um eine seichte Lebenssimulation in der Shin-Chan-Welt handelt, wird die Geschichte des kleinen Jungen relativ flach erzählt, beherbergt für das Genre jedoch ziemlich außergewöhnliche Nuancen. Die Familie Nohara zieht nämlich aufs Land, weil Papa Nohara „Harry“ dort auf Geschäftsreise geht. Mit Shinnosuke, seiner Mutter, den beiden Großeltern und Hund Lucky im Gepäck geht es auch schon los und die Familie gewöhnt sich schnell an das Landleben.
Von seiner Großmutter lernt Shin-Chan, seine ganz eigenen Gemüsesorten anzupflanzen, während er von seinem Großvater die erste Angel geschenkt bekommt. So beginnt das entspannte Landleben mit Shin-Chan im Zentrum des Geschehens. Eines Tages jedoch verhält sich der Familienhund Lucky etwas außergewöhnlich und rennt davon – Shinnosuke versucht ihn einzuholen, was ihm auch gelingt, als Lucky nämlich erstaunt vor einem eigenartigen Zug zum Stillstand kommt. In seinem fünfjährigen Leichtsinn steigt Shin-Chan in die Lokomotive ein und landet im weit entfernten Kohlenburg, wo irgendwie nicht alles mit rechten Dingen zu geht.
Nachdem sich Shin-Chan ein wenig in der facettenreichen Stadt umhört und ein Mädchen im gleichen Alter kennenlernt, wird klar, dass Kohlenburg von einem merkwürdigen Mann regiert wird, welcher einen Versorgungsstopp verhängt. Nun ist es an Shin-Chan, sich an sein neues Landleben zu gewöhnen, gleichzeitig aber auch die Geheimnisse von Kohlenburg zu lüften und den Bewohnern ein freies Leben zu ermöglichen.
Das geschieht – wie im Genre üblich – mit einer außergewöhnlichen Entspanntheit. Shin-Chan steht morgens voller Elan auf, stürmt aus seinem kleinen Landhaus und hält nicht nur die ganze Familie auf Trab, sondern auch allerlei Dorfbewohner, die ihn vor einige Herausforderungen stellen. Die Dialoge sind, wie in der Serie und im Manga auch witzig geschrieben und trotzen nur am Anfang von etwas ungewöhnlichem Humor, der gerade für den Westen etwas fremd erscheint. Schnell habe ich mich aber an die Dynamiken der Charaktere gewöhnt und die Kern-Figuren in mein Herz geschlossen. Sei es der weise Großvater Gary, der etwas tollpatschige Vater Harry oder seine entschlossene Mutter Mitsy – alle haben eine witzige Eigenart, welche die Familie zu einem chaotischen und damit sympathischen Haufen verwandeln.
Nach kurzer Zeit landet Shin-Chan im mysteriösen Örtchen Kohlenburg und erlebt ein Abenteuer nach dem anderen
© Neos Corporation
Diese außergewöhnlichen Figuren passen dementsprechend auch perfekt in die etwas chaotische Geschichte, die Shin-Chan in seinem neuen Abenteuer erlebt. Zwar erfährt seine Familie in der „echten“ Welt sehr wenig über Kohlenburg, glauben eher, dass diese fiktive Welt den Gedanken ihres Kindes entsprungen ist, und trotzdem funktioniert das parallele Storytelling ziemlich gut. Während seiner Tagesausflüge springt Shin-Chan nämlich zwischen den Welten und muss vor allem Gegenstände oder Zutaten für Rezepte aus der jeweils anderen Welt besorgen, damit er die Aufgaben des jeweiligen Ortes erledigen kann. Shin-Chan schläft, gärtnert und fängt seine Insekten in der „echten“ Welt, erledigt aber kleinere Aufgaben und findet besondere Gegenstände in Kohlenburg.
Dieses Umherspringen mag sich auf dem Papier zwar mühselig anhören, doch die Hauptgeschichte wird sehr dynamisch in die beiden Orte integriert, sodass die Reise angenehm von den Händen geht. So entsteht ein ziemlich entspannter, aber gleichzeitig spannender Gameplay-Loop, der nicht nur visuell etwas Ablenkung auf den Bildschirm bringt, sondern auch für ein kurzzeitiges Wiedersehen mit den jeweils anderen Charakteren sorgt. Das zeigt sich auch besonders in den Dialogen, die so noch mehr Charme und Witz abbekommen, wenn Shin-Chan morgens seinem Alltag nachgeht und seiner Freundin frische Fische vorbeibringt, nachmittags aber einer zuvor unbekannten und mittlerweile netten Dame im Restaurant aushilft.
Das Kerngameplay an sich ist allerdings nicht so ausgefeilt wie das neue Abenteuer in Kohlenburg, im Gegenteil: Während ihr beispielsweise in den Genre-Geschwistern Animal Crossing oder Stardew Valley sehr viel Eigenverantwortung tragt und entscheidet, wo ihr eure Felder anlegen und Gemüse ernten wollt, gibt es nur eine kleine vorgefertigte Fläche im neuen Shin-Chan-Abenteuer.
Auch wenn die Gartenarbeiten im Abenteuer in Kohlenburg vergleichsweise schmal ausfallen, passen sie sehr gut in Shin-Chans entspannten Alltag
© Neos Corporation
Auch eure Utensilien wie die Angel oder den Köcher könnt ihr nicht verbessern; ihr werdet das gesamte Spiel über die gleichen Werkzeuge nutzen. Das Landhaus kann Shin-Chan ebenfalls nicht dekorieren und er trägt das immer gleiche Outfit. Progress wird nämlich in diesem Spiel nicht unbedingt mit der Erweiterung eurer Felder gemacht, sondern mit dem Sammeln aller Insekten- oder Fischarten, die ihr in Akita finden könnt. Diese zeigt ihr dann einer Dorfbewohnerin, die allerlei Informationen über die Tiere in ein kleines Notizbuch kritzelt – ein kleines Nebenziel ist hier also, alle Tiere zu fangen, um das Buch zu vervollständigen.
Gleiches gilt auch für das vorhin angesprochene Restaurant in Kohlenburg, in dem Shin-Chan täglich für einige Minuten aushilft. Im Laufe des Spiels schaltet ihr nämlich kontinuierlich neue Gerichte frei, welche ihr der Restaurantbesitzerin vorschlagt und dementsprechend im Lokal angeboten werden. Dazu braucht ihr allerlei Items, Gemüse und Gewürze, die ihr in Akita, der „echten Welt“, anbaut oder kauft. Und obwohl die Freiheiten so stark limitiert sind, funktionieren die Haupt- und Nebenmissionen unerwartet gut in Shin-chan: Abenteuer in Kohlenburg. Jeder Tag ist individuell und es passieren immer wieder neue Sachen in Akita und Kohlenburg – nicht nur, weil ihr durch eure Freunde und durch die Bewohner des Dorfes durchgehend neue Nebenmissionen zugeschoben bekommt, sondern auch, weil es eben die nette übergeordnete Handlung gibt. Diese wird nie sonderlich komplex, hält allerdings an der Stange und lässt in keinen Momenten Trott eintreten, ganz im Gegenteil. Für mich, der Life-Sims zwar einiges abgewinnen kann, aber schnell vom immer gleichen Alltag der Spiele gelangweilt ist, war diese Kombination aus seichter Handlung und dynamischen Tagen sowie Dorfgeschehnissen perfekt.
Kommen wir nun aber zum kleinen Highlight von Shin-chan: Abenteuer in Kohlenburg: Die visuelle Präsentation des gemütlichen Abenteuers. Shin-Chan läuft durch vorgerenderte Hintergründe und erstrahlt in sehr schickem Animationsstil, der sich wirklich sehenlassen kann. Nicht nur auf dem PC macht unser kleiner Held eine wirklich schöne Figur, sondern auch auf der Nintendo Switch sieht das Abenteuer in Kohlenburg einfach nur fantastisch aus. Die malerischen Hintergründe machen einiges her, von den kleinen Ladezeiten zwischen den Tagen habe ich allerlei Screenshots gemacht und die komödiantischen Animationen sind direkt aus dem Anime entsprungen.
Einen großen Teil der Zeit in Kohlenburg nimmt das Lorenrennen ein, ein kleines Geschicklichkeitsspiel
© Neos Corporation
Dazu möchte ich löblich erwähnen, dass Shin-chan: Abenteuer in Kohlenburg noch immer auf der Version 1.0.0 läuft, was bedeutet, dass kein Day-One-Patch nachgeschoben wurde, der an der Performance schraubt – das Spiel läuft von Haus aus wirklich fehlerfrei und sieht dazu noch phänomenal aus. Nicht einmal über die Ladezeiten kann ich meckern – denn egal wie sehr ich suche, ich finde keinen Kritikpunkt an der technischen Leistung dieses schicken Abenteuers auf der Nintendo Switch.
Bei Shin-chan: Abenteuer in Kohlenburg handelt es sich um ein vollkommen poliertes Abenteuer mit witzigem Charakter, ganz solider Handlung und schmalen Lebenssimulationselementen, die für Spieler wie mich perfekt sind, welche keine 100 Stunden in ein Spiel stecken möchten. Akita und Kohlenburg bieten viel Abwechslung und witzigen Gesprächsstoff; das Sammeln und Angeln der Tiere macht ebenfalls eine Menge Spaß. Bei Shin-Chan ist eben alles gemütlich, angefangen bei der seichten Story bis hin zum vergleichsweise flachen Gameplay-Loop und erinnert im Gesamtpaket an einen warmen Frühsommertag, der bitte niemals enden soll. Wer sich also zumindest ansatzweise Fan von Life-Sims schimpft, aber keine Energie oder Zeit für Stardew Valley-Brocken hat, sollte dem Abenteuer in Kohlenburg unbedingt einen Besuch abstatten. Das Spiel ist vollständig auf Deutsch erhältlich und beinhaltet sowohl englische als auch japanische Sprachausgabe. Ich habe das Spiel mit der japanischen Tonspur gespielt und auch hier eigentlich nichts auszusetzen. Humor und Charme kommen trotz Sprachbarriere zielführend rüber und untermauert das Abenteuer in Kohlenburg passend. Das Spiel ist aktuell für 39,99 Euro im Nintendo eShop zu haben.
Unser Fazit
9
Geniales Spiel