Test zu Ravenswatch - Nintendo Switch
Bietet das düstere Rogue-lite-Abenteuer eine märchenhafte Spielerfahrung?
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5. März 2025 um 20:00 - Benjamin Greim
Es war einmal … ein märchenhaftes Rogue-lite-Abenteuer, das so düster ist, dass die Gebrüder Grimm höchstpersönlich stolz gewesen wären – denn den Originalversionen von Grimms Märchen-Niederschriften mangelt es häufig nicht an blutigen und okkulten Details. Dieses Action-Rogue-lite ist ebenfalls wahrlich keine Disney-Version der alten Volkserzählungen. Es nennt sich Ravenswatch und ist das neueste Werk aus dem Hause Passtech Games, die so manchem Rogue-lite-Freund aufgrund von „Curse of the Dead Gods“ bekannt vorkommen könnten. Ravenswatch entführt uns in eine von Albträumen heimgesuchte Welt, in der klassische Märchenfiguren ihre märchenhafte Unschuld längst verloren haben. Statt Tee und Keksen gibt es hier gnadenlose Kämpfe und einen permanent drohenden Bildschirmtod. Dank Online-Koop könnt ihr euch sogar gemeinsam mit bis zu drei weiteren Helden durch die düstere Märchenlandschaft kämpfen und dabei herausfinden, wer der wahre Wolf im Schafspelz ist. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kämpfen sie noch heute.
Bevor wir uns aber in das knallharte Gameplay stürzen, werden wir mit einer schönen Anime-Introsequenz begrüßt, die uns sofort in die düstere Atmosphäre von Ravenswatch eintauchen lässt. Hier werden bereits ein paar Märchenfiguren in Szene gesetzt, allen voran eine Version von Rotkäppchen, die nun statt eines Korbs ein schauriges Geheimnis mit sich herumträgt: Nachts wird sie selbst zum gefürchteten bösen Wolf. Doch Rotkäppchen ist nicht allein in dieser korrumpierten Märchenwelt, die von albtraumhaften Kreaturen überrannt wurde. Unsere Mission? Das pure Grauen bekämpfen und die Welt von dunklen Albträumen befreien, welche die einst so schöne Märchenwelt korrumpiert haben.
Zur Auswahl stehen uns am Anfang bereits vier Helden, mit denen wir uns allein oder im Online-Coop ins Getümmel stürzen können. Sie alle besitzen eine eigene Mechanik und bieten somit ein höchst unterschiedliches Gameplay. Durch das mehrmalige Abschließen des ersten Kapitels schalten wir nach und nach aber noch mehr Protagonisten frei. Die bereits erwähnte Unterschiedlichkeit dieser ist tatsächlich eine große Stärke und Besonderheit des Spiels, denn so bleibt die Spielmechanik trotz der für Rogue-lites so typischen Wiederholungen für viele Session interessant und motivierend. Wir leveln mit jedem Durchgang unsere Helden auf und schalten dabei jedes Mal neue Fähigkeiten frei, die wir nächstes Mal wieder finden können. Hier gibt es zwar nicht wahnsinnig viele verschiedene neue Skills pro Figur, aber man muss auch bedenken, dass jeder Charakter individuell gelevelt wird und auch eigene Skills freischaltet. Womit wiederum eine sehr große Anzahl an freischaltbaren Inhalten vorhanden ist, wenn man alle Helden zusammennimmt.
Auf diesen Raben-Plattformen läuft die Zeit nicht weiter und sie fungieren gleichzeitig als Schnellreise-Punkte
© Nacon | Passtech Games
In Ravenswatch bleibt keine Zeit für Märchenstunden – hier zählt einzig und allein, wie flink und gezielt eure Finger über die Knöpfe huschen. Die Kämpfe sind rasant, herausfordernd und verlangen blitzschnelle Entscheidungen. Erfolg hat nur, wer die fünf bis sechs verschiedenen Fähigkeiten sinnvoll kombiniert und dabei feindlichen Attacken elegant ausweicht. Wer sich blind ins Getümmel stürzt, wird schneller als Frühstück für die Albtraumwesen enden, als man „Es war einmal“ sagen kann, denn der Schwierigkeitsgrad ist wirklich knackig. Spielerisch fühlt sich das Ganze an wie eine Mischung aus Hades und Diablo: Während vor allem das Rogue-lite-Prinzip und die temporeichen Gefechte an Ersteres erinnern, bringt Ravenswatch aber eine stärkere Action-RPG-Note mit. Diese erlaubt es uns, Fähigkeiten etwas taktischer einzusetzen und das eigene Kampfrepertoire mit jedem Levelaufstieg klug auszubauen. Wir müssen dabei deutlich mehr als beispielsweise bei Hades auf den Rücksetz-Timer der eigenen Attacken achten, denn wir haben zwar mehr Fähigkeiten, können diese aber deutlich seltener einsetzen.
Die Eigenschaften und Effekte werden übrigens oft nicht ausreichend erklärt und während des Spiels gibt es leider keinen Zugriff auf die Enzyklopädie. Denn diese können wir nur aus dem Hauptmenü erreichen. Man hat zwar einen Cursor, aber der erscheint nur, wenn man mit Minus das Spiel pausiert und auf die Karte wechselt. Dadurch können wir mit dem Cursor auf die Fähigkeiten zeigen und bekommen eine Erklärung. Die Effekte, welche unsere Angriffe auf die Gegner haben, werden hier leider dennoch nicht erklärt. Somit haben wir während des Spiels leider keine Möglichkeit zu erfahren, was diese bewirken. Das kann durchaus frustrierend sein, denn wer will schon jedes Mal bei einem neuen Effekt sein Handy zücken und einige Zeit die Internetsuche bemühen. Die besagte Karte – und somit auch der Cursor – ist nur leider beim Auswählen von neuen Fähigkeiten temporär nicht aufrufbar. So bleiben uns also die Bedeutungen von Begriffen und auch die Möglichkeit, noch einmal schnell unsere Fähigkeiten nachzulesen verwehrt. Das ist ärgerlicherweise besonders ungünstig, da wir vom Spiel am wenigsten Informationen bekommen, wenn wir uns eigentlich gerade für eine neue Fähigkeit entscheiden sollen.
Ein besonders spannendes Feature von Ravenswatch ist allerdings der Tag-Nacht-Zyklus, der das Gameplay ein wenig abwechslungsreicher macht. Bestimmte Charaktere entfalten erst nach Sonnenuntergang ihr wahres Potenzial: Rotkäppchen etwa verwandelt sich nur nachts in den muskelbepackten Wolf, während etwa der Rattenfänger bei Dunkelheit fokussiertere Angriffe erhält. Das klingt zwar nach einem taktischen Gamechanger, aber in der Praxis bleibt der strategische Nutzen beim Großteil der Helden eher begrenzt. Zwar kann man sich bewusst entscheiden, schwerere Abschnitte auf der Karte erst nach Einbruch der Nacht anzugehen und später via Teleport-Punkt zurückzukehren, doch das Spieltempo lässt kaum Raum für groß angelegte Pläne. Denn der Timer im Hintergrund tickt gnadenlos: Drei Tage und drei Nächte pro Kapitel – mehr Zeit bleibt nicht, bevor das unausweichliche Bossduell ansteht, und die Uhr tickt verdammt schnell. Diese Mechanik sorgt für permanenten Druck, der sich zwischen motivierendem Adrenalin-Kick und frustrierendem Stressfaktor bewegt. Leider endet jedes Kapitel mit stets demselben Bosskampf. Was beim ersten Mal noch ein episches Finale ist, beginnt bereits beim dritten Durchlauf monoton zu werden. Schade, denn mit etwas mehr Abwechslung hätte Ravenswatch hier richtig glänzen können. Die Bosskämpfe an sich sind auch nicht gerade ein Highlight und bieten wenige Überraschungen. Es handelt sich hier bei allen Bossen vor allem um Bullet Hell-artiges Ausweichen, zwischen dem wir unsere Attacken unterzubringen versuchen.
Die Welt von Ravenswatch ist wie bereits erwähnt sehr dunkel und mit zahlreichen morbiden Details geschmückt. Dennoch sieht vieles sehr ähnlich aus, was eine Karte unabdingbar macht. Wir haben dafür sowohl eine Minimap in der Ecke als auch eine aufrufbare Karte zur Verfügung. Das größte Problem, was unserer Orientierung im jeweiligen Gebiet im Wege steht, ist die Vertikalität. Höhenunterschiede sind auf der Karte leider nicht erkennbar, was immer wieder zu ungewollten Umwegen führt. Statt cleverer taktischer Vorteile bringen die verschiedenen Ebenen außerdem nur eines: Frust. Mal steht man ratlos vor einer Klippe, mal irrt man durch ein Gebiet, das laut Karte eigentlich erreichbar sein sollte – aber irgendwo haben wir einen der Aufgänge übersehen. Diese Wege sind schmal und häufig leider ziemlich klein auf der nicht gerade kontrastreichen Karte eingezeichnet. Als wäre das nicht genug, macht auch die Minimap keine Anstalten, uns das Leben zu erleichtern. Statt eines sinnvollen Ausschnitts zeigt sie immer den kompletten Bereich des Kapitels, was sie nicht nur winzig, sondern oft auch wenig hilfreich macht – vor allem im Handheld-Modus. Mancher mag sich dann fragen: „Aber Großmutter, warum hab ich nicht so große Augen, damit ich die Karte besser sehen kann?“ Eine Umschaltoption für die Minimap suchen wir leider auch vergebens. Wer sich also wirklich sicher orientieren will, muss mit der Minus-Taste des Öfteren die große Karte aufrufen – und sich dabei jedes Mal aus dem Spielfluss reißen lassen. Dadurch fühlen wir uns ab und zu eher wie das schlafende Dornröschen, was die Immersion betrifft.
Die Sirene Melusine wartet mit Irrlichtattacken auf, bei denen wir stehen bleiben und nur das Irrlicht steuern
© Nacon | Passtech Games
Zum Glück ist dieses Manko aber nur eine Kleinigkeit und technisch macht Ravenswatch dafür auf der Nintendo Switch eine echt gute Figur. Denn auf der mittlerweile betagten Hardware läuft das Spiel durchweg flüssig, sowohl im Docked- als auch im Handheld-Modus. Ruckler oder Framerate-Einbrüche trüben so gut wie nie die Spielfreude, was auf eine wirklich gelungene Optimierung hindeutet. Gerade bei einem so temporeichen Rogue-lite ist das Gold wert – schließlich will niemand durch Performance-Probleme vorschnell das Zeitliche segnen. Das Spiel ist zwar nicht das Schönste im ganzen Land, aber grafisch bewegt sich Ravenswatch auf einem soliden Niveau. Es ist sicher kein Hingucker, der die Nintendo Switch an ihre Grenzen bringt, aber hässlich wie die alte Hexe ist das Spiel keineswegs. Tatsächlich gibt es Momente, in denen die düstere Märchenwelt optisch beeindruckt, vor allem dank des gelungenen Artdesigns der Charaktere und der morbiden Umgebungen. Doch hier liegt auch ein kleiner Wermutstropfen: Die Farbpalette beschränkt sich in allen Gebieten auf sehr wenige und dunkle Farbtöne, welche sich auch in den unterschiedlichen Gebieten nicht allzu stark unterscheiden. Das passt zwar zur Atmosphäre, hätte aber dennoch etwas abwechslungsreicher ausfallen dürfen. Besonders im Handheld-Modus kann die extreme Dunkelheit die Sicht erschweren. Wer also kein Problem mit einem permanenten „Nachtmodus“ hat, wird sich wohlfühlen – alle anderen sollten wahrscheinlich die Helligkeit hochdrehen.
Wenn Ravenswatch eines meisterhaft beherrscht, dann ist es die akustische Untermalung seines düsteren Geschehens. Der Soundtrack ist schlichtweg episch – eine musikalische Reise, die perfekt zur albtraumhaften Atmosphäre passt. Mittelalterliche Klänge mit Dudelsäcken, Streichern oder mystischen Flöten sorgen für eine einzigartige Stimmung, die mal heroisch, mal bedrohlich, aber immer passend wirkt. Besonders schön ist, wie der Soundtrack sich nahtlos ins Geschehen einfügt: Während im Menü ruhigere und melancholische Melodien laufen, zieht die Musik in hitzigen Kämpfen spürbar an und lässt selbst das hartgesottenste Rumpelstilzchen schneller tanzen. Die düstere Welt von Ravenswatch fühlt sich durch diese gelungene Komposition noch greifbarer an – ein echtes Highlight für alle, die atmosphärischer Mittelalter-Musik etwas abgewinnen können. Hier wartet definitiv ein musikalischer Goldtopf am Ende des Rogue-lite-Regenbogens.
Unser Fazit
7
Spaßgarant