Test zu Kunitsu-Gami: Path of the Goddess - Nintendo Switch 2
Ein überraschend gut funktionierender Genre-Mix mit Anleihen aus Ōkami
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17. Juni 2025 um 18:00 - Philipp Pöhlmann
Die japanische Folklore hat schon etliche Spiele in allen möglichen Genres inspiriert, manchmal eher unterschwellig, manchmal als zentrales Element von Handlung und Design. Ein solches Spiel, welches mich von Anfang an fesseln konnte und ich bis heute in regelmäßigen Abständen spiele, ist Ōkami, das mit seinem zeitlosen Artstyle auch heute noch fantastisch aussieht. Ursprünglich von den Clover Studios entwickelt, liegen die Rechte an diesem Meisterwerk heute bei Capcom, welche auch für Kunitsu-Gami: Path of the Goddess verantwortlich zeichnen. Obwohl ihr hier mit einer Mischung aus Hack and Slay sowie Strategie-Elementen eine ganz andere Erfahrung geboten bekommt, lassen sich doch interessante Parallelen zwischen den beiden Titeln feststellen, weshalb ich von Anfang an sehr auf diesen Titel gehyped war. Ob das japanische Abenteuer mit seinem spannenden Genre-Mix zu überzeugen weiß und nicht nur Ōkami-Fans einen Blick darauf riskieren sollten, erfahrt ihr im folgenden Test.
Die Geschichte führt uns zum Berg Kafuku, der Heimat der Göttin. An diesem Ort haben die Menschen alles, was sie für ein glückliches Leben benötigen. Doch getrieben von Gier erwecken sie die Verdammten, welche über das Land hereinfallen und den gesamten Berg entweihen. Dabei werden die Masken der Ahnengottheiten gestohlen und die Einwohner des Bergs in Kokons versiegelt, unfähig, die Ländereien gegen das Böse zu verteidigen. Inmitten des Chaos wird die heilige Maid Yoshiro aus dem Tempel an der Spitze des Bergs vertrieben und kommt dank der Hilfe des mutigen Kriegers Soh gerade so mit ihrem Leben davon. Gemeinsam machen sie sich auf, den Berg hinabzusteigen, die Verdammten zu besiegen, dabei das entweihte Land zu säubern und die gestohlenen Masken wiederzuerlangen. Ihr Ziel ist der Fuß des Berges, um von dort aus einen Befreiungsschlag in Richtung Gipfel vorzubereiten und den Dämonen ein für alle Mal Einhalt zu gebieten.
Schritt für Schritt erobert ihr den Berg Kafuku von der Entweihung und den Verdammten zurück
© Capcom
Für das Abenteuer schlüpft ihr in die Rolle von Soh, der die heilige Maid mit seiner treuen Klinge verteidigt. Die Entweihung hat den gesamten Berg befallen und alles von Menschenhand Geschaffene in abscheuliche Strukturen mit dämonischen Gliedmaßen verwandelt. Die Torii, heilige Schreintore, dienen dabei als Zugang der Verdammten in die Welt von Soh und Yoshiro. In der Nacht öffnen sich diese und lassen ganze Horden der dämonischen Kreaturen über das Land herfallen. Kunitsu-Gami bietet euch beim Gameplay eine zunächst etwas willkürlich klingende Mischung aus verschiedenen Elementen, welche in Kombination aber erstaunlich gut miteinander harmonieren.
Im Stile von Missionen schreitet ihr den Berg hinunter und betretet dabei die einzelnen Lokalitäten, welche ihr von der Entweihung befreien müsst. Hier steuert ihr den Krieger Soh, mit dem ihr das Gebiet auskundschaften könnt, um am Tag Vorbereitungen für die Angriffswellen der Verdammten zu treffen. Befreit Dorfbewohner aus deren Kokons, um sie als Streitkräfte in der Nacht nutzen zu können. Hierfür weist ihr ihnen verschiedene Rollen zu, die wie Klassen in anderen Strategie-Titeln funktionieren. Zu Beginn könnt ihr sie beispielsweise als Holzfäller mit einer Axt ausstatten, mit der sie Feinde im Nahkampf bezwingen. Ein Bogenschütze hingegen greift Feinde mit eher schwachen Pfeilen aus der Distanz an. Im Laufe des Spiels erhaltet ihr die gestohlenen Masken zurück – jede davon schaltet eine neue Rolle für die Dorfbewohner frei. Neben verschiedenen Nah- und Fernkämpfern gibt es auch magische Rollen, welche entweder eure Truppen unterstützen oder Feinde lahmlegen können. Am Tag können die Dorfbewohner genutzt werden, um beispielsweise zerstörte Brücken zu reparieren, um so an Belohnungen zu gelangen. In der Nacht hingegen platziert ihr sie so, dass sie Yoshiro verteidigen, um sie möglichst unbeschadet zum nächsten Torii zu bringen, welches sie säubern muss, um die Entweihung aufzulösen.
Yoshiro startet stets in größerer Entfernung zum nächsten Torii und es liegt an Soh, ihr einen Weg dorthin zu bahnen. Auf dem entweihten Boden muss zunächst der sogenannte Seelenpfad gebahnt werden, eine Strecke, die Yoshiro bis zu ihrem Ziel folgt. Dafür benötigt ihr jedoch Kristalle, welche ihr auf unterschiedliche Arten verdienen könnt. Zum einen könnt ihr an manchen Stellen die Entweihung direkt mit Soh eliminieren oder kleinere Ranken mit dem Schwert zerstören, um eine geringe Menge Kristalle zu erhalten. Diese benötigt ihr jedoch nicht nur zum Freilegen des Seelenpfads, sondern auch, um den Dorfbewohnern ihre Rollen zuzuweisen. Die Anfangsrollen Holzfäller und Bogenschütze kosten dabei nur 50 Kristalle. Je mächtiger die Rolle, desto mehr Kristalle müsst ihr dafür jedoch opfern. Es gilt also, stets abzuwägen, wie viele Kristalle ihr wofür investiert, denn schließlich wollt ihr die Zeit am Tag nutzen, um Yoshiro näher an ihr Ziel zu bringen, gleichzeitig aber auch nicht schutzlos während der Nacht dastehen. Habt ihr den Seelenpfad gebahnt, wird Yoshiro mit sehr langsamen Tanzbewegungen in Richtung Torii voranschreiten. Dieses innerhalb eines Tages zu erreichen, ist nicht möglich, sodass ihr euch auf jeden Fall auf mindestens eine Nachtphase einstellen müsst. Außerdem hat nahezu jede Mission zwei Torii, die es zu erreichen gilt, also dürft ihr euch auf drei bis vier Tag-Nacht-Zyklen pro Mission einstellen.
Sobald die Nacht hereinbricht, bleibt Yoshiro an Ort und Stelle stehen und muss vor den heraneilenden Verdammten beschützt werden. Verliert Soh seine Gesundheit, ist er für eine Zeit nicht zu Angriffen in der Lage, sinkt hingegen die Gesundheit von Yoshiro auf null, seht ihr den Game Over-Bildschirm. Soh selbst ist in der Lage, mit seinem Schwert anzugreifen, Angriffe abzublocken oder ihnen auszuweichen. Später könnt ihr auch mit einem Bogen schießen oder mächtige Spezialattacken ausführen, welche jedoch danach erst wieder aufladen müssen. Da eine gewaltige Horde an Verdammten aus dem Torii strömt, könnt ihr diese kaum allein aufhalten, vor allem, wenn noch ein zweites Torii geöffnet ist. Deshalb müsst ihr eure Dorfbewohner geschickt platzieren, um den Dämonen gemeinsam Einhalt zu gebieten. Sobald die Nachtphase überstanden ist, verschwinden alle Verdammten und ihr könnt Vorbereitungen für die nächste Runde treffen sowie Yoshiro weiter voranschreiten lassen. Besiegte Verdammte hinterlassen dabei ordentlich Kristalle, die ihr am Tag sinnvoll einsetzen könnt.
Neben Soh, Yoshiro und dem Seelenpfad gibt es noch eine ganze Menge anderer Dinge zu tun. Während der Missionen könnt ihr beispielsweise Geräte von eurem Zimmerer reparieren lassen. So könnt ihr etwa Barrieren errichten, die die Verdammten eine Weile aufhalten, oder Hochsitze für eure Fernkämpfer bauen, von denen aus sie eine größere Schussreichweite haben. Entweihte Tiere könnt ihr befreien, um ein paar heilende Rationen zu bekommen, die ihr entweder mit Soh selbst verwenden oder an eure Dorfbewohner verteilen könnt. Auch in zerstörbaren Töpfen findet ihr nützliche Dinge. Habt ihr die gesamte Entweihung in einem Abschnitt beseitigt, erhaltet ihr zudem eine Belohnung, zum Beispiel ein nützliches Accessoire, welches euch passive Boni verleiht, oder eine neue Spezialattacke. In vielen Missionen gibt es zudem vergrabene oder verschlossene Schatztruhen, welche ein Dorfbewohner mit der Dieb-Rolle für euch freilegen kann. Ihr seht also, dass es während der Tag-Phase in der Regel sogar hektischer zugeht als in der Nacht. Ein gutes Zeitmanagement ist in Kunitsu-Gami: Path of the Goddess also äußerst hilfreich, um während der Missionen den Überblick zu behalten. Während jeder Mission gibt es weiterhin drei spezielle Aufgaben zu erfüllen, welche zusätzlich Belohnungen bringen. Es lohnt sich also auch, diese mehrmals zu spielen, um alles mitzunehmen, was ihr könnt.
Zum Glück kehrt zwischen den Missionen etwas Ruhe ein, die ihr nach der ganzen Hektik sicherlich gebrauchen könnt. Sobald ihr ein Gebiet von der Entweihung befreit habt, könnt ihr dieses besuchen und die Dorfbewohner anweisen, es Stück für Stück wiederaufzubauen. Dies tun sie, während ihr euch auf Missionen begebt, und belohnen euch dafür mit nützlichen Gegenständen oder Kunstobjekten, die ihr euch ansehen könnt, darunter zum Beispiel 3D-Modelle der Charaktere und Gegner. Sowohl während der Missionen als auch beim Wiederaufbau der Dörfer und anderen Örtlichkeiten erhaltet ihr Materialien, die ihr in einem Fähigkeitenbaum investieren könnt. So könnt ihr sowohl Soh als auch die verschiedenen Rollen für die Dorfbewohner mit neuen Fähigkeiten und passiven Boni ausstatten. Bereits verteilte Punkte könnt ihr zurücksetzen, um sie nach Belieben neu zu verteilen.
Mehr Masken bedeutet mehr Rollen für die Dorfbewohner ... und mehr Fähigkeiten, die es aufzuwerten gilt
© Capcom
Besonders hervorheben möchte ich noch den Abwechslungsreichtum der Missionen. Klar, das grundsätzliche Spielprinzip besteht stets aus Vorbereitungen am Tag und Überleben in der Nacht. Jedoch haben sich die Entwickler ordentlich was einfallen lassen, um die Missionen unterschiedlich zu gestalten. Mal wird Yoshiro vom Bösen überrumpelt und kann sich nicht bewegen, weshalb ihr in der Nacht Kristalle sammeln und sie mit diesen befreien müsst. Ein anderes Mal kämpft ihr in einer dunklen Höhle, die ihr erleuchten müsst, damit eure Dorfbewohner die Gegner erkennen und angreifen können. Oder ihr überquert einen See mit einem Boot, doch bei der Überfahrt gesellen sich Verdammte an Bord zu euch. Und dann wären da auch noch diverse Bosskämpfe, die ihr abseits der Missionen mit Sho und ein paar Dorfbewohnern – oder auch einmal mit Sho ganz allein – bestreiten müsst. An Abwechslung mangelt es Kunitsu-Gami: Path of the Goddess trotz der an sich recht eintönig klingenden Prämisse jedenfalls nicht.
Mein persönliches Highlight von Kunitsu-Gami ist zweifelsohne die Kooperation mit Ōkami. Diese geht weit über das ähnliche Setting hinaus. Da Entwicklerstudio Capcom, wie erwähnt, die Rechte an dem beliebten Klassiker besitzt, wurden diverse Inhalte aus dem Action-Adventure in Kunitsu-Gami integriert. So gibt es Kostüme für Sho und Yoshiro, die an Amaterasu und Waka angelehnt sind. Außerdem könnt ihr mehrere Melodien des Spiels, darunter die Melodie auf der Karte oder während den Kämpfen, zu neuen Arrangements von klassischer Ōkami-Musik verändern. Sogar ein Accessoire könnt ihr anlegen, welches dafür sorgt, dass überall Blumen sprießen, wo Sho läuft. Hier steckt viel Liebe zum Detail drin für eine Kooperation, die einfach wunderbar zusammenpasst. Schade, dass es nur bei dieser einen Kooperation geblieben ist, denn andere Spiele aus dem Hause Capcom, zum Beispiel Monster Hunter Rise, hätten sich ebenfalls dafür angeboten.
Zu guter Letzt vermisse ich bei Kunitsu-Gami: Path of the Goddess leider ein paar Quality of Life-Features, die das Abenteuer noch angenehmer gestalten würden. Einerseits kann der Wiederaufbau der einzelnen Gebiete das Abenteuer entschleunigen, manchmal jedoch mehr, als einem lieb ist. Dass man die Gebiete betreten kann, um dort manuell mit den Dorfbewohnern zu interagieren, ist grundsätzlich sehr löblich, wird mit der Zeit aber doch recht eintönig, weshalb es schön gewesen wäre, diese Interaktionen auf ein Menü zu beschränken – wenn auch nur optional. Andererseits kann ich die Entscheidung nicht verstehen, warum während einer Mission nicht zu einem automatischen Speicherpunkt gesprungen werden kann. Beispiel: Ihr sollt als optionale Aufgabe verhindern, dass Yoshiro während der gesamten Mission Schaden nimmt. Sollte dies dann doch einmal passieren, könnt ihr über das Menü nur die gesamte Mission von vorn beginnen. Stirbt Yoshiro jedoch, habt ihr die Wahl, beispielsweise ab dem Beginn der aktuellen Nacht wieder einzusteigen. Wieso diese Option nur durch ein Game Over verfügbar wird, erschließt sich mir nicht so ganz. Für Komplettisten ist diese Lösung jedenfalls eine Geduldsprobe bei schwierigen Nebenaufgaben.
Kunitsu-Gami: Path of the Goddess erschien bereits vor knapp einem Jahr auf anderen Plattformen, fand nun aber auch als Launch-Titel seinen Weg auf die Nintendo Switch 2. Dort kann sich das Spiel, welches mit Capcoms hauseigener RE Engine entwickelt wurde, auch sehen lassen. Während meiner Testzeit konnte ich keine Einbrüche der Framerate feststellen. Das originale Sounddesign weiß zu gefallen, obwohl ich die meiste Zeit mit den Neuauflagen der Ōkami-Soundtracks gespielt habe. Bei der Sprachausgabe könnt ihr zwischen Englisch und Japanisch wählen, die Bildschirmtexte wurden auch auf Deutsch übersetzt. Selbst die neue Maus-Funktion der Joy-Con 2 wird unterstützt, wenngleich ich die klassische Controller-Steuerung bevorzuge. Die Leistung der Nintendo Switch 2 stimmt mich optimistisch, dass wir auch zukünftig solche Spieleperlen auf der neuen Hybridkonsole erhalten werden. Nach dem Abschluss der Hauptkampagne erwarten euch mit dem Neuen Spiel +, welches stärkere Gegner sowie zusätzliche Aufgaben bereithält, sowie dem Horde-Modus „Jenseitiges Wagnis“, in dem ihr Yoshiro möglichst lange vor Feindeswellen beschützen müsst, weitere Inhalte, die den Wiederspielwert steigern. Wer Japan-inspirierte Spiele oder gar Ōkami liebt, wird sich hier sehr wohlfühlen. Doch auch für Fans von Hack and Slay- sowie Strategietiteln hält Kunitsu-Gami: Path of the Goddess einige unterhaltsame Stunden bereit.
Unser Fazit
8
Ein Spiele-Hit