Test zu Bye Sweet Carole - Nintendo Switch
Bye Sweet Carole – Ein magischer Reinfall
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22. Oktober 2025 um 16:00 - Michael Barg
Auf der diesjährigen gamescom war die Indie Arena Booth mit dem ein oder anderen Schmuckstück gefüllt, unter Kolleginnen und Kollegen tauschten wir uns dahingehend auch mit allerlei Geheimtipps aus. Einer dieser Geheimtipps war Bye Sweet Carole – ein Indie-Titel mit starker narrativer Komponente, das aussieht, als käme es frisch aus der Disney-Presse der 1980er Jahre. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, packte Bye Sweet Carole auf alle Wunschlisten, die ich hatte, und durfte seit einigen Tagen in das magische englische 20. Jahrhundert eintauchen. Warum ich es aber kaum abwarten konnte, diese schmutzige und verkommende Ära wieder zu verlassen, erfahrt ihr in diesem Test.
Fangen wir beim Offensichtlichen an: Bye Sweet Carole könnte ein waschechter Disney-Film sein und orientiert sich visuell sowie inhaltlich am Animations-Großkonzern. Die Frames und Animationen sehen wahnsinnig hübsch aus und vermitteln ein wahrlich magisch-nostalgisches Gefühl, das auch mich abholte. Auch ich wuchs mit Disney-Klassikern wie Schneewittchen und die sieben Zwerge oder Bambi auf, welche sogar maßgeblich meine Berufswahl beeinflussten. Aber nicht nur das Aussehen, sondern auch die Charaktere, Soundeffekte und die Story erinnern an alte Disney-Streifen.
Die Story ist interessant geschrieben und die Nebencharaktere machen auch einiges her
© Maximum Entertainment
In Bye Sweet Carole schlüpft ihr in die Rolle von Lana Benton, eine Schülerin des Waisenheims Bunny Hall. Angesetzt ist die Geschichte im frühen 20. Jahrhundert, mitten in der englischen Bewegung von Frauenrechtlerinnen, womit Bye Sweet Carole auch eine progressive politische Note innehält. Die Story beginnt, als Lanas beste Freundin Carole Simmons plötzlich verschwindet. Die Lehrerinnen wollen ihr weismachen, dass Carole weglief, wie es im Waisenhaus Bunny Hall angeblich üblich sei. Lana glaubt das nicht, setzt sich kurzerhand an ihre ganz eigenen Ermittlungen und findet immer wieder kleine Briefe ihrer verschwundenen besten Freundin. Allmählich wird klar, dass Carole nicht wirklich weggelaufen ist, sondern in großer Gefahr steckt. Bei ihren Ermittlungen gelangt Lana in eine magische Parallelwelt und deckt nach und nach mehr über das mysteriöse Königreich Corolla auf.
Auf ihrem Weg dorthin verwandelt sie sich in ein Kaninchen, kann sich aber jederzeit wieder zurückverwandeln, weil sie das Glück hatte, ihre Haarschleife zu tragen. Das sorgt dafür, dass Lana ihre menschliche Gestalt in der magischen Welt beibehalten und so besser den Geheimnissen nachgehen kann. Ihre Reise stellt sich allerdings nicht als Disney-Spaziergang heraus, sondern als gruselige und gefährliche Tour, die ihr das Leben kosten könnte. Sie wandert nicht unbemerkt durch Corolla, sondern wird ständig von mächtigen Feinden terrorisiert – so beginnt eine gefährliche Reise durch das Unbekannte in der Hoffnung, ihre Freundin Carole zu retten.
Grusel kommt leider nur in den seltensten Fällen auf, das Technik-Desaster reißt den Spieler zu oft aus der Immersion
© Maximum Entertainment
Im Laufe des Spiels wechselt Lana zwischen dem bekannten Waisenhaus und der gruseligen Parallelwelt, als würde Bunny Hall mit Corolla verschmelzen. Das sorgt nicht nur in der Story für Spannungen und interessante Wendungen, sondern auch im Gameplay, welches ich später unter die Lupe nehme. Die Geschichte fängt eindrucksvoll an und kann mich wirklich in die fiktionale Welt mitnehmen. Die Figuren sind märchenhaft, Lana ist mutig und neugierig, aber auch die Nebencharaktere sind spannend. Beide Welten sind wirklich hübsch dargestellt und jeder Frame könnte eingerahmt werden – hier hat das Studio in Sachen Visuals wirklich saubere Arbeit geleistet. Allerdings birgt dies auch ein Problem: Den ganzen Spielverlauf über dachte ich mir, dass Bye Sweet Carole lieber eine Mini-Serie oder ein Film geworden wäre, denn jeder Gameplay-Anteil stört. Und das ist bei einem narrativen Videospiel ein großes Problem.
Ich ordne das Spiel dem Adventure-Genre zu, dementsprechend Gameplay-arm ist Bye Sweet Carole. In den 2D-Welten lauft ihr von links nach rechts, klettert Kanten hoch und springt sie wieder runter, wenn ihr gewisse Schalter gedrückt und Kurbeln gedreht habt. Und meine Güte war das langweilig. Die Rätsel sind viel zu einfach, das Gameplay so träge, dass ich aus dem Gähnen nicht mehr herauskam, und die „Horror-Elemente“ sind zum Teil wirklich unangenehm schlecht. Denn ja, Bye Sweet Carole ist eigentlich ein Horrorspiel mit Jumpscares, gruseligen Figuren und einigen Verfolgungssequenzen – schauriger Thrill kam eigentlich nie auf. Lauft ihr vor den Feinden weg, könnt ihr euch in Schränken verstecken und kurz abwarten – diese Mechanik ist vielleicht am Anfang gruselig, wird schnell allerdings unfassbar anstrengend. Sie sorgt nicht für einen Gruselfaktor, sondern für Seufzer, weil das ohnehin schon verdammt träge Gameplay erneut unterbrochen wird. Nicht selten habe ich mich in den flinken Hasen verwandelt und bin dem tödlichen Feind in die Arme gelaufen, um schneller zu respawnen und endlich das dritte gleiche Rätsel hinter mich zu bringen.
Manche Rätsel sind interessant umgesetzt, in der Regel aber sehr anspruchslos
© Maximum Entertainment
Ja, richtig, die Rätsel unterscheiden sich zwar minimal in ihrer Aufmachung, aber in der Regel müsst ihr immer neue Schalter betätigen, die irgendwelche Türen auf der anderen Seite der Szene öffnen. Das höchste der Gefühle erreichte das Spiel in der zweiten Hälfte, wenn Lana zwischen den Welten wechselte. Dabei musste sie Gegenstände so positionieren, dass sie in einer zukünftigen Zeitlinie an exakt der richtigen Stelle bereitlagen; ein eigentlich cleveres Konzept, das viel zu selten genutzt wurde. Auch das Mischen von Chemikalien stellte eine Ausnahme dar.
Die Einfachheit der Rätsel wäre akzeptabel gewesen, wenn die Zielgruppe klarer definiert gewesen wäre. Bye Sweet Carole sieht aus, als wäre es für die Jüngeren entwickelt worden, auch die Geschichte könnte unter Umständen Anklang bei den Kids finden. Die Rätsel und das Gameplay eigentlich auch, dennoch wurde es von der FSK für eine Altersgruppe von 12 auf der Nintendo Switch und 16 auf der PC-Plattform Steam eingestuft. Das kommt durch verschiedene kleine Momente im Spiel, die für das Spiel ungewöhnlich „brutal“ sind und dadurch eine klare Dissonanz zwischen Schwierigkeitsgrad, Anspruch und visuellem Auftreten hervorrufen.
Zur technischen Kritik, die auf der Nintendo Switch erneut einfach nur katastrophal ausfällt, fasse ich mich zu meinem eigenen Schutz einfach kurz: Bye Sweet Carole ist auf Nintendos Konsole so sehr von Abstürzen und Fehlern geplagt, dass sie den eigentlichen Horror des Spiels darstellen. Als wäre technischer Totalausfall Teil des Gameplays ruckelt der Titel wirklich jedes Mal, wenn sich Lana in ihre Kaninchenform verwandelt – und das müsst ihr eigentlich nahezu alle 10 Sekunden machen. Dank der Ladezeiten könnt ihr zwischendurch allerdings durchatmen und eurem Frust ganz kurz Luft machen, denn diese dauern ebenfalls einige Sekunden. Auch hier gilt: In Bye Sweet Carole müsst ihr wirklich oft von links nach rechts laufen und andere Gebiete besuchen, sodass ihr den Ladescreen beinahe öfter zu Gesicht bekommt als die eigentlichen wunderschönen Handzeichnungen. Bye Sweet Carole reiht sich somit in die vielen anderen technischen Katastrophen auf der Nintendo Switch ein, dass ich gezwungen bin, zu sagen: Bitte, liebe Entwicklerstudios, bedient die Konsole endlich ordentlich oder einfach gar nicht mehr. Diese „Spielerlebnisse“ sind nicht mehr zumutbar.
Unser Fazit
5
Für Genre-Fans