Unser Test zum Spiel: Lost Identities

Der deutsche Videospielpublisher dtp young entertainment kündigt mit Lost Identities einen „spannenden Mystery-Thriller mit Gänsehaut-Garantie“ an. Versprochen wird ein Gameplay, in dem Zeugen, Verdächtige und Opfer inmitten einer packenden Story befragt und hinterfragt werden müssen. Ich stellte mir die Frage, ob es sich bei dem Ego-Adventure vom Entwicklerstudio Engine Software (Puzzle Quest, Think Kids) um nichts als die bloße Bedienung der Zielgruppe Kinder und Jugendliche handelt oder ob hier doch ein heißer Anwärter auf einen Platz neben den Top-Adventures des Nintendo DS auf uns wartet.

Das Spiel verspricht eine recht spannende Geschichte, um die sich das Gameplay entwickeln soll: Im Ort Heart’s Gate nimmt die Jugendkriminalität nach einem rapiden Anstieg urplötzlich ab. Seitdem entwickelt sich die Schülerszene zum Zentrum der Elite des Landes, was sportliche sowie akademische Leistungen anbelangt. Jedoch werden bei einigen Mitgliedern der Mustergemeinde Persönlichkeitsveränderungen festgestellt, einige Jugendliche verschwinden auch. Ein Zusammenhang mit dem ortsansässigen Unternehmen BioPharmaka, das die Stadt die wirtschaftlichen Voraussetzungen gegeben hat, um sich weiterzuentwickeln, scheint offensichtlich. Hier tritt der Spieler auf den Plan: Ihr spielt das Agentenpaar Derek Chase und Alice Holloway, das sich für die Ermittlungen als neues Lehrerpärchen tarnt. Die geheime Identität verrät schon gleich, in welchem Setting ihr den Großteil des Spiels verbringen werdet: In der High School.

Schon zu Beginn des Spiels sowie im weiteren Verlauf drängt sich immer wieder der Vergleich mit der beliebten Adventure-Reihe Phoenix Wright/Ace Attorney auf. Ihr startet im neuen Zuhause und blickt auf eine relativ einfach gezeichnete, aber mit vielen Details gespickte Hintergrundgrafik. Dabei wird besonders deutlich, dass man sich steuerungstechnisch von bekannten Reihen des Genres absetzen wollte. Wie heutzutage auf modernen Smartphones scrollt ihr mit einem Stups horizontal durch die panoramaartigen Locations. Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass dies die Hauptbewegungsmethode im Gameplay ist, zu loben: Technisch perfekt umgesetzt offenbart sich eine intuitive Steuerung, die das umständliche Buttondrücken anderer Ego-Adventures vergessen lässt. Euer Hauptwerkzeug in Lost Identities ist ein PDA-artiges Gerät namens „NE-US“, das das Hauptmenü darstellt. Jederzeit aufrufbar scrollt ihr hier bequem durch die Punkte Speichern, Charakterprofile, Inventar, Karte, Einstellungen sowie Tagebuch. Letzteres erweist sich für Gelegenheitsspieler als sehr praktisch: Einmal den DS für ein paar Tage weggelegt, mögen einige Details oder die Grundpfeiler der Geschichte nicht mehr ganz im Gedächtnis verblieben sein. Im Tagebuch aber kann der ganze Verlauf der in sieben Kapiteln angelegten Geschichte in kompakter Form nachgelesen werden. Nervig an dem Gerät ist jedoch, dass ihr Kontakte nicht direkt anrufen könnt, sondern euch erst im Profil die siebenstellige Telefonnummer merken müsst, um sie dann im Telefonmenü eingeben zu können. Ob das nun als spielerische Herausforderung gedacht ist oder es hier am Finetuning gemangelt hat, bliebt offen. Auffällig am Gameplay ist, dass das komplette Spiel, ohne einmal eine Taste des DS benutzen zu müssen, durchgespielt werden kann.

So sucht ihr die Bildschirme nach Dialogpartnern und Hinweisen, darunter verdächtige wie auch triviale, ab und versucht die Geschichte voran zu treiben. Moment! Ist dafür nicht das Spiel mit seiner packenden Geschichte verantwortlich? Im Fall von Lost Identities nicht immer, was einen der größten Kritikpunkte darstellt. Nur, wenn etwas für die Geschichte Unvorhergesehenes geschehen ist, werdet ihr an die Hand genommen und bekommt konkrete Hinweise, was zu tun ist. Ist dies nicht der Fall, klickt ihr euch durch die Locations. In der Hoffnung, einen Hinweis auf das weitere Vorgehen zu bekommen oder zumindest einem witzigen Dialog der beiden Hauptdarsteller beizuwohnen. Letzteres ist leider nicht durchgehend der Fall. Die Storydialoge bewegen sich meistens auf einer eher nüchtern-sachlichen Sprachebene, so dass vor allem Kinder oder jüngere Jugendliche an der einen oder anderen Stelle Langeweile verspüren könnten. Die Beschränkung des DS, nicht auf Sprachausgabe zurückgreifen zu können, lösen andere Entwickler durch ironisch-witzige Kommentare, was beispielsweise die Erforschung der Umgebung angeht. Solche treten in Lost Identities leider eher selten auf, etwa wenn euch der Vorgesetzte der beiden Agenten mittteilt, dass er das Datensystem der beiden überwacht und Chase darauf mit „Ah, Big Brother is watching you…“ antwortet. Eine durchgehend detailverliebte Ausgestaltung der Kommentare, wenn für den Fall belanglose Gegenstände angeklickt werden, ist leider auch zu vermissen: Während ihr zu Beginn nach Betätigen der Fernbedienung einer Nachrichtensendung, in der von einem Gewerkschaftsstreik in San Fransisco berichtet wird, beiwohnen könnt, werdet ihr im späteren Spielverlauf mit eher langweiligen Kommentaren à la „Dieses Bild war bestimmt nicht teuer“ konfrontiert. An vielen Stellen hätte man solche Steilvorlagen zur Inszenierung witziger Dialoge zwischen dem recht ungleichen Schein-Ehepaar nutzen können. Kontroversen zwischen den beiden entstehen dafür immer häufiger im Verlauf der Geschichte, etwa wenn es um das Verhalten des gemeinsamen Vorgesetzten geht: Nach dem Tod einer Schülerin verbietet dieser dem Team, die Ermittlungen fortzuführen. Während Chase hier noch als befehlstreuer Agent charakterisiert werden kann, handelt Alice moralisch motiviert und überzeugt ihren Partner schließlich davon, sich über den Willen des Chefs hinwegzusetzen und weiterzumachen. Dass die beiden dabei zwischen die Fronten des FBIs, der Täter und einem wirtschaftlich orientierten Konzern geraten, entpuppt sich als sehr interessanter Storyansatz.

Ohne zu viel von der nach dem ersten Drittel des Spiels immer spannender werdenden Geschichte vorweg zu nehmen, kann gesagt werden, dass hinter dem „Mystery-Thriller“ tatsächlich eine relativ ausgeklügelte Geschichte steckt, die dank der Charakterzeichnung des zwielichtigen Schulleiters Whitaker und den Bewegungen des Mega-Konzerns BioPharmaka immer mehr an Spannung gewinnt. Das liegt auch daran, dass dank der Rätsel Abwechslung durchaus gegeben ist, auch wenn sich diese wiederholen. Als Aufhänger für diese dient das Beschaffen geheimer Dokumente an Computern: Kugelbefreiungsrätsel mit verschiebbaren rechteckigen Blöcken, wie man sie etwa aus der Professor Layton-Reihe kennt, sind als Hackvorgänge verpackt, während der ihr an der Platine eines Computers herumwerkelt. Diese und andere ähnliche Rätsel sind zwar an sich wenig anspruchsvoll, jedoch immer als Serie von mehreren Durchgängen für die Identifikationsgruppe des Spiels durchaus geeignet. Daneben gibt es Buchstabenrätsel, die zur Dechiffrierung verschlüsselter Dokumente gelöst werden und die Spielzeit in die Höhe treiben können.

Lost Identities kann zwar nicht mit emotionsgeladenen Charaktersprites glänzen, jedoch muss das Fehlen eines japanischen Künstlers kein Nachteil sein; ganz im Gegenteil. Die Panoramahintergründe profitieren von einer Klarheit und farblichen Brillanz, die das Unvermögen des DS-Displays, wie es bei vielen Textur-lastigen Spielen deutlich wird, komplett verbergen. Dass der Ausdruck von Emotionen auf die Dialogkästen beschränkt bleibt, ist aber trotzdem schade. Überraschend gut gelungen sind die Animationen der Personen, wie sie in den Locations anzutreffen sind. Wenn ihr beispielsweise bei der ersten Vorstellung beim Schuldirektor die recht realistische und dynamische Warteanimation zu sehen bekommt, kommt alles andere als das typische Pappaufstellerfeeling auf. Das allgegenwärtige High-Tech-High-School-Setting mag dem einen oder anderen Spieler mit der Zeit überdrüssig werden, doch das bringt das Spiel nun einmal mit sich.

Sound (50%):
In Sachen Sound kann Lost Identities nicht den soliden und unterhaltsamen Eindruck, den das Gameplay und die Grafik machen, bestätigen. Im Prinzip hört ihr durchgehend ein und dieselbe Melodie, die weder das Zeug zum Kult-Soundtrack noch zum Ohrwurm hat. Mit der Zeit verschwindet die Wahrnehmung komplett und ihr hört nebenbei lieber etwas anderes – schade! Hier wird deutlich, dass hinter dem Titel nicht die produktiven und künstlerischen Ansätze eines Toptitels stehen. Ein abwechslungsreicher, wenn auch durchschnittlicher Soundtrack gehört eigentlich zum Erwartbaren bei einem Text-Adventure. Die Soundeffekte sind zwar rar gesät, doch passend, so etwa das Klopfen an der Tür oder der Tastenton des Telefons.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Henry Robbert

Ist Lost Identities nun der Gänsehaut garantierende Mystery-Thriller, der neben Nervenkitzel eine mit Atmosphäre geladene Erfahrung bringt? Die Gefühle sind gemischt. Technisch ist der Titel sehr solide und kann aufgrund seiner interessanten Storyansätze teilweise länger als eine Stunde am Stück an den Handheld fesseln. Jedoch wird zu schnell deutlich, dass das Gameplay eigentlich nur aus dem Abtasten der Locations, dem Lesen von interaktionslosen Dialogen und Lösen von gleichen Rätseln besteht. Dass man da nicht mit hochwertigen Text-Adventure-Produktionen aus Japan mithalten kann, bleibt nicht zu verbergen. Wer aber über kleinere Unglaubwürdigkeiten hinwegsehen kann und sechs bis zehn Stunden in einem futuristischen High School-Setting verbringen will, kann bei Lost Identities zugreifen. Vorausgesetzt, ihr erwartet keine Gameplay-Meilensteine und ein von Erzählebenen und Verstrickungen gespicktes Top-Adventure. Wer das Spiel beendet hat, kann sich weiterhin an zehn Suchspielen (aka Wimmelbildspielen) versuchen. Ist Lost Identities der Erstkontakt mit dieser Sorte Videospiele und es kommt Freude auf, bleibt die Empfehlung von Reihen wie Phoenix Wright/Ace Attorney oder Hotel Dusk/Lost Window unumgänglich.

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