Das ist sowas von Disco, Baby

Stellt euch einmal folgende Situation vor: Um euch herum ist alles schwarz und nur langsam erwacht so etwas wie euer Bewusstsein. Ihr spürt etwas Hartes und Kaltes unter euch, liegt ihr auf dem Boden? Das klingt plausibel und würde zumindest die Rückenschmerzen erklären aber wieso zieht es dann auch noch so? Habt ihr etwa das Fenster offengelassen? Mit jedem Gedanken kriecht etwas mehr Aktivität in euer Unterbewusstsein und neben dem anfänglichen Gefühl macht sich noch etwas bemerkbar. Denn plötzlich meldet sich ein Teil eures Urinstinkts und fängt an mit euch zu sprechen, klärt euch auf, wieso ihr außer Schwärze gerade nichts mitbekommt. Und ja, die Frage ist berechtigt: Wieso öffnet ihr denn nicht einfach die Augen? Nun, der Grund dafür, wie es euch euer Instinkt verrät, ist simpel: Zu eurem eigenen Schutz. Denn je mehr euer Körper Stück für Stück wieder erwacht, umso mehr stellt ihr auch fest, dass der Grund für diese wohlige Bewusstlosigkeit wohl ein gehöriger Alkoholrausch war und dass ihr nun mit dem Kater eures Lebens erwacht. Und nicht nur das: Ihr habt nicht einmal wirklich eine Ahnung, wer ihr überhaupt seid. So etwas wollt ihr euch gar nicht vorstellen? Der Protagonist aus Disco Elysium bestimmt auch nicht – aber er muss es durchleben.


Wenn die Willenskraft und Schauspielkunst miteinander debattieren


Als Disco Elysium im Oktober 2019 das Licht der Videospielwelt erblickte und auf dem PC erschien, schenkte ich dem Titel noch recht wenig Aufmerksamkeit. Der eigene Grafik-Stil, der ziemlich gemäldeartig gehalten ist, wollte mich nicht so recht reizen und auch die Prämisse eines Detectives, der mit Gedächtnisverlust erwacht und einen Mordfall aufklären soll, klang nicht sonderlich originell. Umso verwunderlicher war die Tatsache, dass der Titel innerhalb der Rollenspiel-Szene einschlug wie eine Bombe und lauter Lobeshymnen kassierte. Also gut, dachte ich mir, ging das Wagnis ein, gab mich dem Experiment Disco Elysium hin und ich erlebte eine positive Überraschung. Denn das Erstlingswerk des Entwicklers ZA/UM, der mehr einem Konglomerat von Künstlern und Schriftstellern als einem typischen Spieleentwickler gleicht, ist eines der wenigen Spiele, welches die Bezeichnung Rollenspiel tatsächlich verdient. Denn wie sich die Geschichte und ihr Hauptcharakter sich entwickeln, ist zwar in groben Bahnen vorgegeben und festgeschrieben, doch alles was dazwischen passiert, liegt allein in eurer Hand. Denn das Spiel wirft euch in eine Welt, von der sowohl ihr als Spieler als auch der Protagonist wenig zu wissen scheint. So lernt ihr im Laufe der Zeit nicht nur den Schauplatz Revachol kennen, sondern formt Stück für Stück euren Charakter. Ob ihr nun versucht den Mordfall lückenlos aufzuklären, für den ihr eigentlich hier seid, oder als Bettler-Cop Flaschen sammelt und euch durch den Alltag schnorrt – alle Wege führen irgendwie zum Ende und ein richtiges „Scheitern“ gibt es selten. Ihr könnt auch den Superstar-Cop raushängen lassen oder einfach nur versuchen, das große Puzzle eurer Vergangenheit zu lösen.


Die Handlung spielt in der Stadt Revachol, ein einstiger Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte.

© ZA/UM

Das klingt im ersten Moment alles etwas abstrakt und schwer greifbar? Dann bleiben wir doch bei den nüchternen Fakten: Disco Elysium ist ein klassisches 2D-Rollenspiel, das aus einer isometrischen Perspektive gespielt wird. Ihr verkörpert besagten Detective und steuert diesen durch die Stadt Revachol. Darin könnt ihr euch frei bewegen und alle Ecken und Winkel bis ins kleinste Detail erkunden, euch mit den Bewohnern der Stadt unterhalten und Stück für Stück Hinweise zu dem Mord aufdecken, der euch hierher geführt hat. Ihr erhaltet direkt zu Beginn Unterstützung in Form des Lieutenants Kim Kitsuragi, der euch als Partner auf Schritt und Tritt die meiste Zeit begleitet. Dabei bleibt es auch während des Spiels, denn eine klassische Party, wie man sie aus anderen RPGs oder JRPGs kennt, gibt es nicht. Zudem gibt es auch kein klassisches Kampfsystem – Disco Elysium spielt sich ausschließlich über sehr viele Dialoge und Würfelproben, wie man sie aus den klassischen Pen & Paper-Systemen kennt. Und hier ergibt sich ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, das Disco Elysium auszeichnet und auf das kurz für diese Vorschau eingegangen werden soll.

Denn bei der Charaktererstellung verteilt ihr nicht nur Punkte auf die üblichen Attribute Körperkraft, Motorik, Intelligenz, Psyche und Konstitution, nein ihr müsst auch noch eine Spezialisierung auf einen von 24 Skills wählen. Und diese Skills sind nicht einfach Klassiker wie Klettern, Taschendiebstahl oder Blocken, nein, hier habt ihr es mit verschiedenen Fragmenten eures Körpers und eurer Psyche zu tun. Dazu gehören zum Beispiel die Elektrochemie, die darüber bestimmt, wie gut euer Körper Drogen, Alkohol und andere Substanzen aushält und wie viel ihr darüber wisst. Die Fertigkeit Enzyklopädie macht aus euch ein wandelndes Lexikon und ist für sämtliches Trivia-Wissen zuständig, ob nützlich oder nicht, sei mal dahingestellt. Die Wahrnehmung sorgt dafür, dass euch selbst die kleinsten Details nicht entgehen, während die Auge-Hand-Koordination dafür da ist, dass ihr Gegenstände fangen könnt, die euch zugeworfen werden oder wie gut ihr mit einer Waffe zielen könnt. Und wer über einen gut ausgeprägten Korpsgeist verfügt, der weiß viel über die Abläufe bei der Polizei Bescheid und kann auf entsprechendes Vorwissen zurückgreifen. Und das war nur ein Bruchteil der Skills, auf die ihr für eure Würfelproben zurückgreifen werdet.


Eure Fertigkeiten repräsentieren gleichzeitig Teile eures Körpers und eurer Psyche.

© ZA/UM

Doch wo ist nun das große Novum? Denn klar ist die Idee mit der Aufteilung eurer Fähigkeiten auf euren Körper und Geist ganz interessant, doch wirklich bahnbrechend ist das Ganze nun auch wieder nicht. Der Clou an Disco Elysium ist die Tatsache, dass sich eure Fähigkeiten und damit die Fragmente eures Verstandes und Körpers, mit euch unterhalten. Sie melden sich immer wieder zu Wort, kommentieren Versuche eurerseits oder geben Ratschläge und Hinweise – und nicht immer sind diese letztendlich auch dienlich. Denn wenn sich die Elektrochemie meldet und vorschlägt, dass ihr euch am besten mit Speed vollpumpen sollt, weil ihr sonst nicht funktioniert, dann solltet ihr vielleicht eher auf eure Willenskraft hören, die euch entschieden davon abrät – oder eben nicht, wenn ihr es nicht wollt. Dieser Umstand führt letztendlich nicht nur zu einigen sehr komischen und skurrilen Situationen, sondern gewährt euch einen immer tiefer gehenden Blick in das Innere des Protagonisten und so viel sei verraten: Das Konzept geht bis zum Ende auf.

Für deutsche Spieler war Disco Elysium eine lange Zeit zwar interessant aber nur wirklich genießbar, wenn man über sehr gute Englischkenntnisse verfügte. Denn das enorm textlastige Spiel wurde anfangs nicht lokalisiert, was angesichts der enormen Menge an Dialogen und Beschreibungen nicht verwundert. Mittlerweile wurde eine deutsche Übersetzung nachgereicht, die sehr gut gelungen ist und damit einen der größten Kritikpunkte des Spiels ausgemerzt hat. Dazu wird ab dem 30. März der sogenannte Final Cut veröffentlicht, ein gratis DLC, der dem Spiel neue Quests, Charaktere und Dialoge hinzufügt sowie alle Dialoge voll vertonen soll – inklusive denen zwischen euch und euren Fähigkeiten. Und wieso ich das hier alles so lang und breit austrete? Disco Elysium soll mitsamt des Final Cuts im Sommer dieses Jahres auch auf der Nintendo Switch erscheinen.


Ob das Spiel etwas für euch ist, lässt sich anhand folgender Fragen beantworten: Habt ihr ein Problem damit, viel (und damit meine ich wirklich viel) Texte zu lesen (denn die Dialoge werden nur in Englisch vertont werden)? Könnt ihr euch auf ein schräges und bizarres Rollenspiel einlassen, das mit einigen klassischen Traditionen bricht? Seid ihr der Detektiv- bzw. Polizeiarbeit gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigt? Und letztendlich: Könnt ihr euch auf ein Setting einstellen, dass sich teils an die 70er bis 90er Jahre unserer Zeit orientiert und sich mit politischen aber auch ernsteren Themen auseinandersetzt? Wenn die Antwort auf diese Fragen zumindest zu einem großen Teil „Ja“ lautet, dann dürft ihr euch schon einmal auf eines der besten und originellsten Rollenspiele der letzten zehn Jahre freuen.

Unsere Prognose

Meinung von Florian McHugh

Als alter Rollenspielfan, der damals schon Titel wie Planescape Torment gespielt hat, das bereits sehr text- und storylastig war, habe ich Disco Elysium förmlich verschlungen. Das ungewöhnliche Spielkonzept, dass mit den typischen RPG-Traditionen bricht, hat mich von Anfang an gefesselt und hat dafür gesorgt, dass ich mich enorm mit meinem Charakter beschäftigt habe. Die Tatsache, dass mit dem Final Cut nun auch komplett vertonte Dialoge enthalten sind, ist da noch das Sahnehäubchen oben drauf. Wenn die Umsetzung auf die Nintendo Switch im Sommer gut gelingt, dann erwartet uns hier ein ganz großer Hit für alle Rollenspiel-Fans auf Nintendos Hybridkonsole.
Mein persönliches Highlight: Das System rund um die Fertigkeiten sowie die genial geschriebenen Dialoge und Charaktere

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